Ohne Titel-1

2033 Words
OHNE TITEL KAPITEL EINS »Was meinst du damit, dass das ein gereizter Geist war?« Ich starrte meine Patientin an, während sie auf ihrem Krankenhausbett lag und mit ihren Schultern zuckte. Verstohlen überprüfte ich, ob ich mich nicht ein wenig eingepinkelt hatte. Seit ich meine Tochter bekommen hatte, war meine Blasenkontrolle futsch, mitsamt dem Schlaf. Wie war das jetzt mein Leben? Ich war davon, eine Oberschwester in einem angesehenen Krankenhaus im Dreieck in North Carolina, verheiratet mit einem der besten Herz-Thorax-Chirurgen des Landes zu sein, zu einer geschiedenen Person geworden, die wieder zuhause bei meiner Mutter und Großmutter lebte. Hattie Silva, meine Patientin und momentane Auftraggeberin, starrte mich mit gerunzelter Stirn an. Sie war eine 90-jährige Frau, die an Darmkrebs litt und Vollzeitpflege benötigte. Nachdem ich aus dem Krankenhaus gefeuert wurde, hatte mich mein Exmann aus North Carolina gejagt und es geschafft, meinen Ruf zu ruinieren, was mir keine Optionen ließ, außerhalb von häuslicher Pflege bei einer Hospiz-Organisation zu arbeiten. »Ich meine ganz genau, was ich sagte. Evanora ist nicht glücklich darüber, dass du sie ignorierst. Sie versucht, deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich habe an den meisten Tagen Mühe damit, sie zu hören. Ich bin am Ende meines Lebens und mir geht die Zeit aus.« Hattie sah gebrechlich aus, wenn sie auf diese Weise sprach. Sie war älter und litt weit mehr, als es angenehm war. Es war schwierig, sie mit so viel Schmerzen zu sehen, aber wenn sie so redete, war es einfach, all das zu vergessen und sie lediglich als verrückt zu betrachten. Ich dachte, die Ärzte müssten Demenz zu ihrer Diagnose hinzufügen. Ich streckte meine Hand nach oben und ergriff die Halskette, die Fiona mir vor ein paar Wochen geschickt hatte. Meine beste Freundin war nach England gezogen, nachdem ihre Großmutter starb, und hatte ein neues Leben ohne mich begonnen. Zuerst hatte ich mich mit den Kindern und Miles beschäftigt gehalten, als mich aber mein Exmann darüber informierte, dass er mich für eine andere Frau verlässt, und damit fortfuhr, mein Leben wie eine Abrissbirne niederzureißen, vermisste ich Fiona mehr als je zuvor. Wir lernten uns am College kennen und hatten uns sofort gut verstanden. Wir waren bei der Hochzeit der anderen dabei, haben Jobs an denselben Krankenhäusern bekommen und alles zusammen gemacht. Ich war da, als ihre Zwillinge geboren wurden, weil ihr Mann Tim im Verkehr festgesteckt war. Und sie war bei meinen beiden für mich da. Miles hatte beide Male gewählt, Operationen weiterzuführen, sagte, es war zu kompliziert, als dass er es hätte weitergeben können. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als das bläuliche Bild einer Frau an der Stelle erschien, wo die Fernbedienung hingefallen war. Sie trug ein Bonnet mit einer hohen Krempe und ein bodenlanges Kleid, das um die Taille herum zusammengeschnürt war und große bauschige Ärmel hatte. Erschreckt ließ ich die Halskette sinken und streckte meine Hand in Richtung des Geists aus. Das Bild verschwand und ich erschauderte durch die Kühle in der Luft. Großartig, jetzt steckt sie mich mit ihrer Verrücktheit an. Das, was ich gesehen zu haben glaubte, ignorierend, stellte ich das Glas Wasser auf das Tablett neben dem Bett und erhöhte das Kopfteil ihres Bettes weiter. »So etwas wie Geister gibt es nicht. Lass uns dir etwas Mittagessen holen. Ich habe heute etwas Hühnersuppe gemacht.« Hattie war so dünn, ich konnte die Knochen unter ihrer Haut sehen. Sie fühlte sich sehr zerbrechlich an, als ich die Position ihres Körpers verlagerte. Sie fing an zu husten, als sie nach vorne sackte, um es mir einfacher zu machen, ihre Stütze herzurichten. So behutsam wie möglich legte ich sie auf ihre Kissen, hielt den Becher vor ihren Mund und passte dann den Sauerstoff an, der durch ihre Nasenbrille strömte. Nach einigen Sekunden nahm sie einen Schluck und seufzte dann. »Wie kommt es, dass du einen Gegenstand der Macht hast, aber so unwissend bist, wie der Tag lang ist?« Das war eine vertraute Diskussion. Hattie sagte etwas darüber, dass ich ein mächtiges Objekt hatte und gegenüber allem Entscheidendem um mich herum unwissend war. »Ich mag dich auch, Hattie. Bereit fürs Mittagessen?« Bei ihrem Nicken ging ich, um das Essen zu holen. Das Haus war gewaltig und meistens bemerkte ich das Echo durch den Ort nicht, aber nach dieser Unterhaltung über Gespenster war ich schreckhaft. Gerüchte aus meiner Kindheit tauchten in meinem Kopf auf. Vielleicht hatten sie am Ende doch Recht gehabt. Es würde für sie Sinn machen, an Geister zu glauben, wenn sie wirklich eine mächtige Hexe wäre. Obwohl ich nur flüchtige Eindrücke von der Macht bekommen konnte, die sie einst besessen haben musste. Ob das stimmte, spielte keine Rolle. Sie war krank und anfällig dafür, ausgenutzt zu werden. Ich war nicht eingestellt worden, um etwas anderes als ihre Gesundheit zu bedenken, aber ich würde niemals daneben sitzen und jemandem erlauben, sie aufs Kreuz zu legen. Hattie war reicher als Gott und hatte zahlreiche Firmen in ihrem Namen. Bei all dem brannten Wilderer darauf, es in die Finger zu bekommen. Nicht mit mir. Ich eilte in die Küche und stellte den Topf aus, der die letzte halbe Stunde, seit ich ihn fertig zusammengestellt hatte, auf niedriger Stufe köchelte. Ich schnappte mir zwei Schüsseln und hielt inne, als meine Augen das Wasser hinter dem Fenster erblickte. Der Panoramablick auf die Penobscot Bay war zum Sterben schön und kostete ein Vermögen. Hatties Haus hieß Nimaha. Es erinnerte mich daran, wie Fiona das Zuhause ihrer Großmutter immer Pymm’s Pondside genannt hatte. Ihre Generation musste ihren Häusern Namen gegeben haben oder so. Ich hatte einige Freunde über die Namen der Häuser ihrer Großeltern sprechen hören. Meine Generation hatte nichts so Raffiniertes, worauf sie Anspruch erheben konnte. Wir hatten Krähenfüße, Leberflecken und unerwünschte Kinnhaare neben anderen unangenehmen Anzeichen dafür, dass wir das mittlere Alter erreicht haben. Ich wollte die Gedanken beiseiteschieben, die mich nur dazu bringen würden, daran festzuhalten, wie mein Leben zur unpassendsten Zeit meines Lebens den Bach runtergegangen war, und konzentrierte mich wieder auf die Küstenlinie. An dem mehr als hundert Meter langen Küstenstreifen war nichts. Hattie hatte hier ein ruhiges Refugium. Die Wellen schwappten träge gegen den Kiesstrand. Es war so friedlich und abgelegen. Überhaupt nicht wie das geschäftige Treiben des Großstadtkrankenhauses, in dem ich zwanzig Jahre damit verbracht habe, Patienten zu betreuen. Ich schaute einige Sekunden lang, bis sich mein Verstand beruhigte und ich entspannt war. Ich wandte mich von dem großen Fenster ab, schnappte mir die Brötchen, die mir meine Großmutter am Morgen mitgeschickt hatte, und ging zurück durch das vierhundertsechzig Quadratmeter große Haus. Zum Glück musste ich nicht alle Schlafzimmer und Badezimmer putzen oder mich um die drei Morgen und dessen Nebengebäude kümmern. Es musste monströs sein, allein die Gartenarbeit zu bewältigen, obwohl ich noch einen Gärtner kommen sehen musste, der sich um den Garten mit mehreren Terrassen kümmerte. Ein Fauchen ließ mich fast das Tablett mit den Suppen fallen, das ich getragen hatte. Ich verlagerte meinen Griff um das Tablett und suchte den Bereich nach der kleinen Heidin ab, von der ich schwor, dass sie versuchte, mich umzubringen. Da war sie ja. »Erschreck mich nicht so, Tarja.« Die gestreifte Katze streckte ihre Nase in die Luft, als könnte sie mich verstehen, und ging weiter an mir vorbei und die Treppe hinauf. Sie hatte das schönste Fell, das ich je bei einer Katze gesehen hatte. Mehrfarbig, wobei die Oranges und Gelbs kräftig und glänzend waren. Mit der zweiten Schüssel auf dem Tablett sollte Tarja gefüttert werden. Ich war es nicht gewohnt, eine Katze wie eine Person zu behandeln, aber sie aß das gleiche Futter, mit dem ich Hattie verköstigte. Ich schwöre, Hattie hat den Begriff verrückte Katzenlady erfunden. Tarja war ihre Prinzessin und das einzige, wobei Hattie während des Vorstellungsgesprächs entschieden war. Ich hätte wissen müssen, dass Hattie nicht alle beisammen hatte, als sie mir sagte, dass Tarja mit ihr die Mahlzeiten gegeben werden sollten und ihr Katzenklo mehrmals am Tag gereinigt werden musste. Mit Hatties Exzentrizitäten und Bettpfannen- und Verbandswechseln konnte ich problemlos umgehen. Es war das Reinigen von Tierkot aus einer Kiste, das mich zum Würgen brachte. Ja, mir war bewusst, wie wenig Sinn das machte. Aber komm schon, es war ein Behälter voller Exkremente, was seit Stunden dort stand. Ich tat diesen unangenehmen Gedanken mit einem Schulterzucken ab, stieg weiter die Treppe hinauf und blieb abrupt stehen, als ich durch das Bullaugenfenster auf einem der Treppenabsätze eine große Kreatur sah. Sie war dunkelgrün und fast so hoch wie der nächste Baum. Und sie sah wie die Drachen aus, die Hollywood in unzähligen Filmen darstellte. Nur sah ich bei diesem keine Flügel. Was zum Teufel war das? Ich schwor, dass an diesem Ort jeden Tag etwas Neues auftauchte. Mein Herz raste und ich hyperventilierte fast, als ich versuchte herauszufinden, was das große Biest war. Mein Atem beschlug das Glas, so dass ich den Ärmel meines Oberteils benutzte, um das Glas zu säubern. Als ich wieder rausschaute, war nichts da. Als eine weitere Überprüfung nicht mit dem Drachen aufwartete, ging ich weiter die Treppe hinauf und eilte in Hatties Zimmer, wo ich das Tablett abstellte und zum Fenster eilte. Ihr Zimmer war der Seite des Hauses zugewandt, wo ich den Drachen gesehen hatte. Ich hoffte, ich würde ihn zu Gesicht bekommen. Etwas so Großes würde nicht im Wald um es herum verschwinden können, ohne eine Spur zu hinterlassen. »Weshalb bist du jetzt so aufgeregt?« Hattie blaffte mich zumeist so an. So sprach jemand mit seinem Kind, wenn man genug von dessen merkwürdigen Verhaltensweisen hatte. Ich drehte mich zu meiner Patientin um und schob den Tisch mit dem Essenstablett zum Bett hinüber. »Ich dachte, ich hätte einen Drachen in deinem Garten gesehen. Ich verliere genauso den Verstand wie du, wie es scheint. Muss der Stress der Scheidung sein.« Hattie lachte, der Klang wie trockenes Laub, das über einen Bürgersteig rasselte. »Du siehst keine Dinge, meine Liebe. Das war Tsekani. Oh, diese Suppe riecht köstlich.« Ich war zu müde, um mir meine Überraschung darüber anmerken zu lassen, dass sie diesem imaginären Drachen einen Namen gegeben hatte. Bist du sicher, dass er nicht echt ist? Du hast ihn selbst gesehen. Ich war überzeugt, dass es ein schlechtes Zeichen war, dass mein Verstand versuchte, meine Halluzinationen vernünftig zu begründen. Ich stellte die Schüssel, die ich für mich mitgebracht hatte, auf den Teller mit den Brötchen. »Hier ist dein Mittagessen, Tarja.« Die Katze näherte sich und schnüffelte an der Suppe, dann fing sie an, sie aufzulecken. »Sie sagt, die Lorbeerblätter seien eine gute Zugabe zur Suppe. So etwas habe ich meiner nie hinzugefügt.« Mein Kopf fuhr hoch, um Hatties Lächeln zu begegnen. »Was?« »Ernsthaft. Woher hast du diese Kette? Ich fange an zu spüren, dass du überhaupt nicht magisch bist.« Alles in mir erstarrte bei ihren Worten, einschließlich meines Herzens für einige Sekunden. »Meine beste Freundin Fiona hatte sie als Symbol für meinen Neuanfang für mich gemacht. Warum sagst du, sie ist magisch? So etwas gibt es nicht.« Richtig? Ich wollte glauben, dass ich aufgeschlossen war, aber der vergangene Monat, in dem ich für Hattie Silva arbeitete und ihre bizarren Kommentare hörte, ließ mich das in Frage stellen. Ich konnte unmöglich mit ihr an Bord springen und an Magie glauben. Allerdings musste ich zugeben, dass ich langsam anfing, meine Zweifel zu haben. Ich hatte in den letzten vier Wochen genug gesehen, um mich wirklich zu wundern. Das Problem war, dass ich Wissenschaftlerin war und mich auf das verließ, was ich beweisen und sehen konnte. Und obwohl ich mehr als einen gerechten Anteil an Seltsamkeiten gesehen hatte, gab es nichts, an dem ich mich festhalten oder das ich so genau untersuchen konnte. »Du würdest mir nicht glauben, wenn ich es dir sagen würde. Kannst du das Tablett näher schieben? Ich würde gerne die Suppe probieren, wegen der Tarja nicht die Klappe halten kann.« Ich schüttelte den Kopf und schob das Tablett über ihr Bett und richtete es so aus, dass sie das Essen leicht erreichen konnte. Ich nahm ein Brötchen und riss Stücke ab, während ich aus dem Fenster starrte. Sie hatte Fenster mit Blick auf den Wald und ein weiteres an der Wand über ihrem Kopf, welches das Wasser überblickte. Ich konzentrierte mich auf die sanften Wellen und den Kiesstrand, als ein Hund über die Fläche raste und dabei Steine aufwirbelte.
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