Kapitel 33

1121 Words
KAELS SICHT Der Ratssaal des Rudels hatte sich noch nie so schwer angefühlt. Ich stand am langen Eichentisch, Alisas Hand warm und fest in meiner, das Band zwischen uns summte wie ein lebendiger Herzschlag – goldene Fäden pulsierten warm und endlos und fütterten mich mit jedem Atemzug, den sie tat, und mit jeder Unze ihrer stillen Stärke. Die Luft trug noch den schwachen Geruch von Regen aus dem Gassenkampf, vermischt mit der anhaltenden Spannung von sechs Männern in Handschellen und Viktor Kanes zerschlagenem Gesicht, das auf den Boden starrte. Draußen verschwammen die Stadtlichter durch die hohen Fenster, doch innerhalb dieser Steinmauern begann der eigentliche Krieg gerade erst. Die Richterin – eine strenge Beta-Frau mit stahlgrauem Haar – legte den Hammer mit bedächtiger Ruhe beiseite. „Das Gericht hat die gesamten Beweise geprüft. Die Blutschuld ist beglichen. Herrn Kanes Suspendierung von allen Ratsangelegenheiten ist sofort wirksam. Jede weitere Drohung gegen Alisa Draven oder Kael Draven wird zu dauerhaftem Ausschluss führen.“ Viktors verbliebene Getreue rutschten auf ihren Sitzen hin und her. Einige hochrangige Alphas tauschten unbehagliche Blicke – einige kalkulierten bereits, wie sie sich vom Skandal distanzieren konnten, andere wirkten offen erleichtert. Die politischen Wellen schlugen sofort und gefährlich. Ein Alpha, ein Wolf der mittleren Ebene namens Garrick, der einst Viktors „traditionelle“ Haltung unterstützt hatte, schlug mit der Faust auf den Tisch. „Das ist eine Katastrophe. Eine Omega, die für sich selbst einsteht? Das Rudel zerbricht. Ihr habt gerade jedem schwachen Wolf eine Ausrede geliefert, unsere gesamte Hierarchie in Frage zu stellen.“ Eine andere, älter und vorsichtiger – Vera, die Viktors Einfluss immer mit stiller Pragmatik ausbalanciert hatte – sprach als Nächste, die Stimme gemessen. „Ich habe die traditionelle Sichtweise früher unterstützt. Ich glaubte, eine Omega brauche Schutz, keinen Thron. Doch nach heute Nacht… dem Filmmaterial. Den Drohungen. Der Art, wie Draven Viktor ohne Zögern niedergeschlagen hat. Das Rudel wird das Band als Stärke sehen, nicht als Schwäche. Einige von uns werden sich still von Viktors verbliebenen Verbündeten distanzieren. Andere werden Alisa und Kael offen loben. So oder so hat sich das Machtgefüge für immer verschoben.“ Alisa drückte meine Hand, ihre Stimme ruhig, als sie den Rat direkt ansah. „Die Machtverschiebung ist der Sinn. Das Band schwächt eine Omega nicht. Es macht sie unzerbrechlich. Ich habe mich selbst gewählt. Ich habe ihn gewählt. Und ich werde mich nie wieder dafür entschuldigen.“ Viktors Anwalt versuchte ein letztes Mal zu protestieren. „Das Filmmaterial von Frau Draven, wie sie die Waffe hält—“ „War Notwehr“, unterbrach ich ihn, die Stimme tief und tödlich. Das Band flammte vor beschützender Wut auf und fütterte mich mit jeder Unze von Alisas Ruhe. „Sie hat sie gehalten, um mein Leben zu schützen, nachdem Viktors Männer ihren Ehemann angegriffen hatten. Das Gericht hat darüber bereits entschieden. Ihr habt keinen weiteren Grund zur Berufung.“ Die Richterin nickte einmal. „Sitzung geschlossen. Der Rat ist entlassen. Doch wisst dies: Die politische Landschaft hat sich verändert. Rechnet mit Forderungen nach Reformen. Rechnet mit Gerüchten. Rechnet damit, dass Viktors verbliebene Unterstützer still agieren – vielleicht sogar versuchen, alte Getreue in der Unterstadt zu sammeln. Ihr zwei seid jetzt zu Symbolen geworden. Das Rudel wird beobachten, wie ihr mit den Folgen umgeht.“ Die Sitzung endete in einem Sturm aus Gemurmel und Schritten. Alisa und ich blieben noch einen Moment sitzen und ließen das Gewicht sacken. Blackwood erschien in der Tür, Tablet in der Hand. „Die Unterstadt summt bereits. Einige niederrangige Alphas posten unterstützende Nachrichten online. Viktors innerer Kreis zerbricht – drei seiner vertrauenswürdigsten Leutnants haben mir bereits privat geschrieben und angeboten, gegen ihn auszusagen, im Tausch gegen Immunität. Das Machtgefüge im Rat hat sich verschoben, Kael. Du hast dir heute Nacht eine ganze Fraktion zum Feind gemacht.“ Ich stand auf und zog Alisa sanft auf die Füße. Das Band sang vor stiller Triumph. „Gut. Lass sie zerbrechen. Lass sie tuscheln. Wir haben schon Schlimmeres überlebt.“ Wir verließen den Saal gemeinsam, Hand in Hand, das Band pulsierte mit dem Wissen, dass diese Nacht mehr verändert hatte als nur ein Urteil – sie hatte die gesamte politische Landschaft verändert. Doch die echten Folgen waren noch nicht vorbei. Später in dieser Nacht, zurück im Penthouse, beobachtete ich, wie Alisa unter die Dusche trat. Dampf füllte das Glas, als sie das heiße Wasser über sich strömen ließ. Ich zog mich aus und stieg zu ihr, zog sie mit dem Rücken an meine Brust. „Garrick hat mir gerade geschrieben“, sagte ich leise und hielt sie fester. „Er will ein privates Treffen. Behauptet, er sei ‚besorgt über die neue Richtung‘ des Rudels. Er testet das Wasser – will sehen, auf welcher Seite des Rates ich jetzt stehe.“ Alisa drehte sich in meinen Armen, Wasser lief ihr über das Gesicht. Ihre Augen waren wild. „Dann triff dich mit ihm. Aber zusammen mit mir. Lass ihn sehen, wie du mich in der Öffentlichkeit verteidigst. Lass ihn das Band spüren, das mich stärker gemacht hat als jeden Mann in diesem Raum.“ Ich küsste sie – langsam, tief, ließ das Wasser über uns beide fließen. Das Band flammte heiß und hungrig auf. „Du wirst noch mein Tod sein, kleiner Wolf.“ Sie lächelte gegen meinen Mund. „Nur wenn du aufhörst, mich festzuhalten.“ Wir blieben länger unter der Dusche, als nötig – küssten, berührten uns, erinnerten einander mit jedem langsamen Gleiten meiner Hände und jedem Stöhnen, das sie mir schenkte, dass das Band nicht nur Stärke war. Es war Liebe. Es war Familie. Es war die neue politische Realität, die wir gemeinsam aufbauten. Als wir schließlich heraustraten, in Handtücher gehüllt und noch glänzend, vibrierte mein Handy auf der Ablage. Eine neue Nachricht von einer unbekannten Nummer. **Unbekannt: Die Unterstadt ist in Bewegung. Sie kommen morgen Nacht für das Restaurant. Mitternacht. Viktors letzte Getreue warten.** Alisas Augen trafen meine. Das Band flammte mit einer ruhigen, erschreckenden Gewissheit auf. „Lass sie kommen“, flüsterte sie. „Denn morgen eröffnen wir das Restaurant, als wäre nichts geschehen. Und heute Nacht… brauche ich, dass du mich daran erinnerst, wem ich genau gehöre.“ Ich zog sie erneut in meine Arme, das Band sang heller denn je. Die politischen Folgen hatten gerade erst begonnen und würden sich ganz sicher noch lange hinziehen, bis ich sie aus der Welt schaffen müsste. Doch genauso hatte unser eigentlicher Kampf begonnen. Und wir waren bereit für alles, was auf uns zukommen würde, denn wir hatten einander und waren das beste Unterstützungssystem, das wir je bekommen konnten. Nicht einmal der Tod würde uns aufhalten können, denn es war mir egal, was nötig war, wenn ich seine Knochen in die Erde stampfen würde.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD