ALISAS SICHT
Der Morgen nach der angedrohten Mediation des Rates war wie ein Fieber vergangen, das ich mich weigerte, ausbrechen zu lassen. Ich wachte mit Kaels Arm auf, der noch über meine Taille gelegt war, sein Atem gleichmäßig und tief gegen mein Haar.
Das Penthouse war still, abgesehen vom leisen Summen der Stadt weit unten, und zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich die Stille wie ein Geschenk an statt wie ein Käfig. Ich lag noch einen Moment da, strich mit der Fingerspitze die Linie seiner Schulter nach und ließ die Wärme seiner Haut in meine Knochen sickern. Das war kein Traum. Das war real, und ich rannte nicht mehr davor weg.
Ich glitt vorsichtig aus dem Bett, zog den Bademantel über meine Haut und schlich in die Küche, wo die Kaffeemaschine bereits ihren leisen Zyklus begonnen hatte. Das reichhaltige Aroma legte sich um mich wie ein alter Freund und durchschnitt die letzten Fäden des Schlafs. Kael stand an der Insel, die Ärmel hochgekrempelt, und scrollte mit einer Hand durch Nachrichten auf seinem Telefon, während die andere eine Tasse umfasste. Als er aufblickte, war das Lächeln, das sich über sein Gesicht ausbreitete, langsam und ungeschützt, die Art, die seine Augen erreichte und die Luft zwischen uns dichter, schwerer machen ließ.
„Guten Morgen“, sagte er, die Stimme tief und rau vom Schlaf. „Du bist immer noch hier.“
Ich stellte die Tasse ab und lehnte mich gegen die Theke, beobachtete ihn. „Das bin ich. Ich mag es hier.“ Die Worte glitten heraus, bevor ich sie abwägen konnte, und ich beobachtete, wie sich seine Haltung veränderte – die Schultern straffen sich, ein Blitz von etwas Wildem und Beschützendem in seinem Blick. „Die letzte Nacht fühlte sich anders an. Als würden wir wählen, statt nur zu reagieren.“
Er stellte die Tasse ab und durchquerte den Raum in zwei Schritten, blieb gerade nah genug stehen, dass ich die Hitze spüren konnte, die von ihm ausging. Eine Hand hob sich, strich mit dem Daumen entlang meines Kiefers, dann tiefer, zeichnete die Linie meines Schlüsselbeins durch den weichen Stoff des Bademantels nach.
„Es war anders. Ich habe jede Sekunde davon ernst gemeint. Kein Hetzen. Kein Vorgeben, dass es nur um den Kampf geht. Es geht um dich und mich und darum, herauszufinden, was danach kommt.“
Wir verbrachten den größten Teil des Morgens in dem kleineren Konferenzraum neben seinem privaten Büro, umgeben vom leisen Summen von Laptops und dem gelegentlichen Gemurmel seines Teams im Hintergrund.
Kael stand am Kopf des langen Tisches und zeigte Details auf den Bildschirmen, während ich mit dem Ordner der unterschriebenen Dokumente von der Nacht zuvor saß. Seine Stimme blieb ruhig, professionell, doch ab und zu huschten seine Augen mit jener privaten Intensität zu mir, die meine Haut prickeln ließ.
„Blackwood hat die Trennungsklausel bereits genehmigt“, erklärte er und tippte auf eine Taste. „Die Konten des Restaurants sind jetzt vollständig isoliert. Keine gemeinsamen Schulden. Keine gemeinsamen Vermögenswerte. Du wirst es vollständig besitzen, sobald das durch ist.“ Er pausierte und fügte dann weicher hinzu: „Aber ich möchte, dass du zuerst den vollständigen Zeitplan liest. Ich habe mein Team ihn so aufbereiten lassen, dass du genau siehst, wie schnell wir uns bewegen können.“
Ich überflog die Seiten, die Worte verschwammen leicht, während ich die Daten, die Zeugenaussagen und die finanziellen Spuren aufnahm, die sie bereits zogen. Jeffs alte Geschäftsdeals. Die gefälschten Verträge. Die Beteiligung des Rudelsrats. Alles fühlte sich näher, unmittelbarer an als noch vor einer Woche.
Gegen Vormittag leuchtete mein Handy mit einer Nachricht von meiner Schwester auf.
*Mama hat gesagt, du machst das wirklich. Sie ist sauer, aber… stolz? Lass das Rudel dich nicht kaputtmachen. Ich bin da, wenn du mich brauchst.*
Ich starrte eine lange Weile auf die Nachricht, die Worte setzten sich wie eine kleine, unerwartete Wärme in meiner Brust ab. Meine Schwester – normalerweise diejenige, die in ihrem eigenen Drama steckte – hatte mir tatsächlich geschrieben. Nicht, um mich abzuhalten, nicht, um zu predigen. Einfach… um anzubieten. Ich tippte schnell zurück.
*Danke. Bedeutet mehr, als du denkst. Wie läuft’s bei dir?*
Die Antwort kam schneller, als ich erwartet hatte.
*Gut. Bleib einfach frei. Ich decke, falls der Rat anklopft.*
Meine Kehle zog sich zu. Ich zeigte Kael die Nachricht.
Er las sie und legte das Telefon dann ab. „Familie ist kompliziert“, sagte er leise. „Aber manchmal wählt sie auf Arten, die wir nicht erwarten. Wir werden das nutzen. Wenn sie so aus der Hand reichen kann, haben wir vielleicht einen kleinen Riss in ihrer Mauer.“
Der Nachmittag verlief in einem Wirbelwind aus Strategiesitzungen, kurzen Anrufen mit Blackwood und späten Mittagessen, die vom Stockwerk darunter hochgebracht wurden – einfache Sandwiches und frisches Obst, das wir stehend an der Theke aßen, während Kael die nächsten Schritte erklärte. Irgendwann zog er mich während einer Pause auf seinen Schoß, seine Hände legten sich auf meine Hüften, während er sich in die Mulde meines Halses kuschelte.
„Bleib“, murmelte er, der Atem warm gegen meine Haut. „Nur noch ein bisschen. Ich hasse den Gedanken, dass du allein durch diese Tür gehst, selbst wenn es nur über den Flur ist.“
Ich drehte mich in seinen Armen und legte die Stirn an seine. „Ich gehe nirgendwohin. Nicht heute.“
Als die Sonne sank und die Fenster in tiefes Orange und Violett tauchte, stand ich auf und dehnte mich, spürte den Schmerz in meinen Muskeln vom langen Tag. Kael beobachtete mich mit derselben konzentrierten Intensität, als würde er jede Veränderung meiner Haltung, jedes Blinzeln auswendig lernen.
„Heute Nacht“, sagte er, die Stimme sank, „nehme ich dich irgendwohin mit. Nicht das Penthouse. Nicht das Restaurant. Irgendwohin Ruhiges. Ich habe einen Ort, den ich dir schon länger zeigen will. Nur wir. Kein Rudel, kein Rat, keine Drohungen für ein paar Stunden. Ich will hören, was du davon hältst.“
Ich neigte den Kopf, neugierig. „Einen Ort? Wie… eine Hütte oder so?“
„So ähnlich.“ Er grinste, jener boshafte Funke, den ich anfing zu erkennen, flackerte in seinen Augen. „Ich habe ein kleines Haus in den Hügeln. Nichts Besonderes. Nur Bäume und Sterne und genug Platz, dass wir eine Weile so tun können, als würde die Welt nicht zusehen. Bist du dabei?“
Ich zögerte nicht. „Ich bin dabei.“
Wir packten leicht – Kleidung für eine Nacht, ein paar Notwendigkeiten – und die Stadt verblasste hinter uns, während wir über kurvige Straßen fuhren, gesäumt von Kiefern und fernen Stadtlichtern. Die Autofahrt war erfüllt von leisen Gesprächen, seine Hand legte sich gelegentlich auf meinen Oberschenkel, warm und stetig. Als wir schließlich vor dem Haus anhielten, war es genau so, wie er es beschrieben hatte: eine einfache Holzkonstruktion, an den Hang geschmiegt, Fenster leuchteten mit sanftem Licht, umgeben von hohen Bäumen, die den Großteil der Welt darunter abschirmten.
Drinnen roch der Raum nach Holzrauch und frischer Bettwäsche. Ein Feuer knisterte im steinernen Kamin, und das Wohnzimmer war offen, mit einer langen Couch, die dem Fenster gegenüberstand und auf das dunkle Tal hinunterblickte. Kael stellte die Taschen ab und drehte sich zu mir, das Lächeln auf seinem Gesicht jetzt weicher, beinahe ehrfürchtig.
„Zuhause für die Nacht“, sagte er. „Keine Zeitpläne. Keine Telefone, wenn du sie nicht willst. Nur wir.“
Wir kochten zusammen – einfache Pasta mit den Kräutern, die ich aus dem Restaurant mitgebracht hatte, Brot, das er unterwegs gekauft hatte. Wir aßen an der Insel, die Beine streiften sich, und redeten über alles und nichts.
Er erzählte mir von dem ersten Mal, als er das Haus gesehen hatte, wie er es vor Jahren gekauft hatte, als er realisierte, dass er auf jemanden wartete, der noch nicht existierte. Ich erzählte ihm von der Nacht, in der ich zum ersten Mal zur Schließzeit allein in meinem Restaurant gestanden und den ersten echten Funken Stolz auf das gespürt hatte, was ich aufgebaut hatte.
Später, als das Feuer heruntergebrannt war und die Stadtlichter weit unten funkelten, zogen wir uns auf die Couch. Kael zog mich an seine Seite, einen Arm um meine Schultern, die andere Hand ruhte leicht auf meiner Hüfte. Die Stille zwischen uns fühlte sich voll an, vollständig, als hätte sich der Raum um uns herum nur für uns ausgeweitet.
„Weißt du, was mir am meisten Angst macht?“, flüsterte ich nach einer Weile und starrte ins Feuer. „Dass ich morgen aufwache und merke, dass ich immer noch nicht weiß, wie ich mich wollen lassen soll, ohne dass es sich wie eine Transaktion anfühlt.“
Er drehte den Kopf, die Augen dunkel im Feuerlicht. „Dann lass mich dir zeigen, dass es keine Transaktion sein muss. Lass mich dir zeigen, wie es sich anfühlt, wenn jemand dich sieht – nicht die Omega, nicht die Ehefrau, nicht die Restaurantbesitzerin. Nur Alisa. Die Frau, die auf jemanden gewartet hat, der es endlich versteht.“
Seine Stimme war rau, ehrlich, und sie schickte einen Schauer durch mich, der nichts mit der kühlen Nachtluft zu tun hatte. Ich drehte mich in seinen Armen und legte die Hand an seine Brust. „Dann zeig es mir.“
Der Kuss, der folgte, war langsam, bedacht, nichts wie das Feuer der vorigen Nacht. Seine Lippen streiften meine einmal, zweimal, dann setzten sie sich zu etwas Tieferem, Süßerem. Seine Hand glitt meinen Rücken hinauf, die Finger verflochten sich in meinem Haar und neigten meinen Kopf genau dorthin, wo er ihn haben wollte. Ich schmolz in ihn hinein, der Körper entspannte sich gegen seinen, während die letzten Fäden der Angst sich lösten.
Als er zurückwich, war sein Atem unregelmäßig. „Morgen stellen wir uns dem Rat. Morgen kämpfen wir. Aber heute Nacht… heute Nacht bist du sicher. Und du bist mein, um gewollt zu werden, zu deinen Bedingungen.“
Ich lächelte gegen seine Lippen. „Das gefällt mir.“
Wir blieben stundenlang so – redeten, küssten, hielten uns –, bis das Feuer erloschen war und die Sterne über dem Fenster das einzige Licht im Raum wurden. Als ich schließlich in seinen Armen einschlief, war das Letzte, was ich spürte, sein Herzschlag, stetig an meinem Ohr, und die stille Gewissheit, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht das Überleben wählte.
Ich wählte etwas, das es wert war, dafür zu bleiben.