Kapitel 40

1279 Words
ALISAS SICHT Das Morgenlicht strömte wie flüssiger Honig durch die Fenster und wärmte den Raum, bis die Luft lebendig wirkte. Ich wachte zum stetigen Heben und Senken von Kaels Brust unter meiner Wange auf, sein Arm noch um meine Taille geschlossen, als hätte er mich selbst im Schlaf festgehalten. Einen langen Moment atmete ich ihn einfach ein – Zedernholz und Regen und den leisen Hauch der Seife, die er benutzte und die mich immer sicher fühlen ließ. Die Angst von gestern war nicht verschwunden, doch sie hatte sich beruhigt, irgendwo hingesteckt, wo ich sie beinahe ignorieren konnte. Ich glitt so leise wie möglich aus dem Bett, zog den Bademantel an und schlich in die Küche. Kaffee kochte bereits, das reichhaltige Aroma durchschnitt die Stille. Kael stand an der Theke, den Rücken zu mir, die Ärmel hochgekrempelt, und scrollte durch sein Telefon. Als er sich umdrehte, war das Lächeln, das er mir schenkte, klein und privat, die Art, die etwas Warmes tief in meiner Brust aufblühen ließ. „Guten Morgen“, sagte er. „Hast du geschlafen?“ „Besser“, gab ich zu und ging zur Insel hinüber. „Danke für die letzte Nacht. Dafür, dass du mich einfach… gehalten hast.“ Er legte das Telefon ab und trat um die Theke herum, blieb nah genug stehen, dass ich die Hitze spüren konnte, die von ihm ausging. „Jederzeit. Das ist der Teil, in dem ich gut bin.“ Eine Hand hob sich und strich mit dem Daumen entlang meines Kiefers. „Heute ist der Tag, an dem wir die vollständige Trennung einreichen. Blackwoods Team hat die Papiere fertig. Dein Name auf allem. Kein Jeff mehr an deinem Restaurant.“ Ich schluckte den Kloß in meiner Kehle hinunter. „Was, wenn der Rat trotzdem versucht, Mediation durchzusetzen? Was, wenn sie mich zwingen, heute Abend zum Abendessen zu gehen und versuchen, mich davon abzubringen?“ „Dann stoppen wir das zuerst“, sagte er einfach. Er holte einen schlanken schwarzen Ordner aus der Schublade und schob ihn über die Insel. „Lies das. Das ist der neueste Brief vom Ratsverbindungsbeamten. Sie drohen, die Position deines Vaters einzubeziehen, wenn du nicht ‚überdenkst‘. Sie nutzen jeden Winkel.“ Ich öffnete den Ordner und überflog die Zeilen. Der Name meines Vaters wurde erwähnt. Der Rudelsrat. Alles, was ich aufgebaut hatte. Die Worte verschwammen leicht, doch die Botschaft war klar: Sie sahen mich als Hebel, nicht als Person. Meine Brust zog sich zusammen. „Kael… was, wenn ich nicht stark genug bin, um weiterzukämpfen? Was, wenn ich eines Tages aufwache und merke, dass ich den falschen Käfig gewählt habe?“ Er hockte sich vor mich und nahm beide meiner Hände in seine. Seine Daumen zeichneten langsame Kreise über meine Knöchel. „Dann halten wir inne und wählen anders. Aber ich kenne dich, Alisa. Ich habe gesehen, wie du um Mitternacht Tische in deinem Restaurant umstellst, nur um dich zu fühlen, als würdest du etwas Echtes aufbauen. Du bist stark. Du hast fünf Jahre überlebt. Jetzt darfst du leben.“ Die Aufrichtigkeit in seiner Stimme brach etwas in mir auf. Ich ließ einen zitternden Atemzug heraus und beugte mich vor, legte die Stirn an seine. „Ich vertraue dir. Wirklich. Aber ich muss dich das noch einmal sagen hören.“ „Ich sage es jeden einzelnen Tag, wenn du es brauchst.“ Seine Stimme sank, rau vor Ehrlichkeit. „Du bist nicht allein. Du bist kein Fehler. Du bist die Frau, die ich gewählt habe, in dem Moment, als ich dich in jener Bar gerochen habe. Und ich lasse niemanden diese Wahl von dir nehmen.“ Die Worte setzten sich tief ab. Ich drückte einen Kuss auf die Mitte seiner Brust, direkt über sein Herz. „Danke. Jetzt… lass uns diese Einreichung erledigen. Ich will mein Restaurant zurück. Ich will meinen Namen zurück. Und ich will es zu meinen Bedingungen tun.“ Wir arbeiteten Seite an Seite in der Bürosuite, Kael leitete, während ich mit ruhiger Hand Dokumente unterschrieb. Die Papiere fühlten sich schwerer an, als sie sollten, doch jede Unterschrift war ein weiterer kleiner Sieg. Um die Mittagszeit hatte sich das Gewicht der gestrigen Angst zu etwas Schärferem verschoben: Entschlossenheit. Mein Handy klingelte. Mama. Ich nahm auf Lautsprecher ab, damit Kael mithören konnte. „Alisa, sitzt du?“ Ihre Stimme war angespannt, beinahe brüchig. „Jeff hat mich gerade wieder angerufen. Er sagt, der Rat geht mit der Mediation voran. Sie wollen dich heute Abend am Tisch. Familienessen. Keine Anwälte. Er droht, dich komplett abzuschneiden, wenn du nicht erscheinst.“ Mein Magen sank. „Mama, ich kann nicht. Nicht so. Nicht, solange er immer noch versucht, die Kontrolle—“ „Es ist mir egal, was er tut“, knallte sie. „Das ist der Ruf deines Vaters. Das Leben deiner Schwester. Das Rudel. Wenn du von diesem Abendessen weggehst, entscheidest du dich, alles zu zerstören, was wir aufgebaut haben.“ Die Worte landeten wie Steine. Ich sah zu Kael auf, der mich mit stiller Wut beobachtete. „Mama, ich liebe dich. Aber ich gehe nicht. Ich reiche heute ein. Mein Name. Mein Restaurant. Mein Leben. Ich wähle mich selbst.“ Schweigen dehnte sich eine lange Sekunde. Als sie schließlich sprach, war ihre Stimme kleiner. „Dann muss ich wohl meine Tochter über meinen Ruf stellen. Aber Alisa… lass mich das nicht bereuen.“ Sie legte auf. Kael atmete langsam aus und zog mich in seine Arme. „Sie hat gewählt“, murmelte er gegen mein Haar. „Für den Moment. Das ist genug.“ Er griff nach seinem Tablet und öffnete eine neue Datei. „Die Antwort des Rates ist gerade eingegangen. Sie stecken bei der Mediation vorerst zurück. Mein Team hat bereits die gefälschten Verträge markiert, die Jeff zu benutzen versucht. Blackwood sagt, er hat einen Zeugen, der bestätigen kann, dass sie gefälscht sind. Wir können die vollständige Trennung bis morgen früh einreichen, wenn wir uns schnell bewegen.“ Ich studierte das Dokument, die Zeilen juristischen Texts verschwammen leicht. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich die Angst einen Bruchteil kleiner an. „Du tust das wirklich alles für mich.“ Er umfasste mein Gesicht, die Daumen strichen über meine Wangenknochen. „Ich tue das, weil du meine Gefährtin bist. Meine Gleichberechtigte. Und ich habe lange genug gewartet, um aufzuhören so zu tun, als könnte ich dich aus der Ferne beschützen. Heute Nacht isst du mit mir, schläfst in meinem Bett und lässt mich dich halten, ohne jeden Druck. Wenn du bereit bist, wenn du sicher bist, zeige ich dir genau, was es bedeutet, von mir beansprucht zu werden – zu deinen Bedingungen, in deiner Zeit.“ Das Versprechen in seinen Augen raubte mir den letzten Atem. Ich nickte und drückte einen Kuss auf die Mitte seiner Brust. „Ich bin bereit, es zu versuchen.“ Er trug mich ohne ein weiteres Wort ins Schlafzimmer und legte mich sanft auf die Laken. Er hetzte nicht. Er legte sich einfach neben mich, einen Arm um meine Taille, die andere Hand über meinem Herzen, als könne er jeden Schlag spüren. „Schlaf“, flüsterte er. „Ich hab dich. Die ganze Nacht, wenn du mich brauchst.“ Ich schloss die Augen, die Stadt summte weit unten, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Dunkelheit nicht wie ein Käfig an. Sie fühlte sich an wie die Stille vor einem neuen Anfang. Morgen würde der Kampf wirklich beginnen. Doch heute Nacht war ich sicher. Und zum ersten Mal ließ ich mich darauf ein zu glauben, dass ich vielleicht, nur vielleicht, endlich lernte, für etwas zu kämpfen, das es wert war, behalten zu werden.
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