Kapitel 39

1182 Words
ALISAS SICHT Kael wartete im Wohnbereich, Laptop offen auf dem Couchtisch, Telefon ans Ohr gepresst. Er beendete den Anruf in dem Moment, als er mich sah, und in der Sekunde, als er den Raum durchquerte und mich in seine Arme zog, spürte ich den Unterschied an ihm – etwas Schärferes als zuvor, wie der Moment vor einem Sturm. „Du bist rausgegangen“, sagte er leise, kein Vorwurf, nur eine Tatsache. „Ich musste“, antwortete ich, die Stimme gedämpft gegen seine Brust. „Ich musste es sehen. Mich erinnern, warum ich das tue.“ Er hielt mich einen langen Moment, eine Hand strich durch mein Haar, die andere ruhte im kleinen meiner Rücken, als könne er mich vor der ganzen Welt abschirmen. Als er sich schließlich zurückzog, waren seine Augen dunkel, doch da war eine neue Sanftheit in ihnen, die meine Kehle eng machte. „Blackwood hat mir gerade das neueste Angebot des Rates geschickt“, sagte er. „Sie wollen eine private Mediation. Keine Anwälte. Nur du, Jeff und ein paar Rudelsälteste. Sie nennen es ‚Familienangelegenheit‘.“ Mein Magen sank. „Sie wollen, dass ich zurückgehe? Als wäre nichts geschehen?“ „Nicht genau.“ Kaels Kiefer spannte sich. „Sie wollen, dass du ‚dich versöhnst‘. Sie werden den Druck deiner Mutter, den Namen deines Vaters, alles benutzen. Wenn du da ohne Plan hineingehst, werden sie die ganze Sache so verdrehen, dass du die Unvernünftige bist.“ Ich sank auf die Couch, das Leder kühl an meinen Handflächen. Die Angst, die ich den ganzen Tag mit mir herumgetragen hatte, schärfte sich zu etwas Hässlichem. „Kael, was, wenn ich einen Fehler mache? Was, wenn ich von fünf Jahren Sicherheit weggehe und am Ende mit nichts dastehe? Mein Restaurant, mein Name, meine Mutter… alles ist an ihn gebunden. Was, wenn ich dich wähle und alles verliere, was mir noch bleibt?“ Er hockte sich vor mich und nahm beide meiner Hände in seine. Seine Daumen zeichneten langsame Kreise über meine Knöchel. „Dann wählst du mich trotzdem. Weil ich dich nicht bitte, irgendetwas zu verlieren. Ich bitte dich, das zu behalten, was dir gehört. Das Restaurant bleibt deins. Der Name bleibt deiner. Und wenn sie versuchen, es dir wegzunehmen, kämpfen wir mit jedem rechtlichen Mittel, das wir haben. Aber Alisa… du musst das nicht allein tun. Nicht jetzt. Nicht jemals.“ Die Aufrichtigkeit in seiner Stimme brach etwas in mir auf. Ich ließ einen zitternden Atemzug heraus und beugte mich vor, legte die Stirn an seine. „Ich vertraue dir“, flüsterte ich. „Wirklich. Aber ich habe immer noch Angst. Angst, dass ich eines Tages aufwache und merke, dass ich einen Käfig gegen einen hübscheren eingetauscht habe.“ Seine Hände umklammerten meine fester. „Dann lass uns den Käfig diesmal anders aussehen. Lass mich dich so beanspruchen, wie du es verdienst – langsam, zu deinen Bedingungen. Kein Hetzen. Kein Druck. Wenn du frei bist, hole ich dich irgendwohin, wo es ruhig ist, und zeige dir, wie es sich anfühlt, gewollt zu werden statt benutzt.“ Die Worte schickten Hitze tief in meinen Unterleib, doch darunter verschwand die Angst nicht. Sie saß nur da, still für den Moment, und wartete. Mein Handy klingelte. Der Bildschirm zeigte Mama. Ich wollte es fast auf die Mailbox laufen lassen, doch etwas in Kaels ruhigem Blick ließ mich abnehmen. „Alisa, Gott sei Dank, dass du rangehst“, knallte ihre Stimme. „Jeff hat mich gerade angerufen. Er sagt, du ziehst unseren Familiennamen durch den Schmutz. Er will, dass du aufhörst, diesen lächerlichen Anwalt zu sehen, und heute Abend zum Abendessen nach Hause kommst. Nur Familie. Keine Diskussionen.“ Mein Griff um das Telefon verstärkte sich. „Mama, ich kann nicht. Jeff ist derjenige, der—“ „Es ist mir egal, was er getan hat“, schnitt sie mir das Wort ab, die Stimme hob sich. „Der Rat beobachtet. Sie haben bereits Fragen gestellt. Wenn du zu diesem Prozess gehst, wirst du uns alle ruinieren. Die Position deines Vaters. Den Ruf deiner Schwester. Alles. Komm einfach nach Hause. Wir reden. Wir richten es.“ Die Worte landeten wie ein Schlag. Ich sah zu Kael auf, der mich mit stiller Wut beobachtete. „Ich kann es nicht richten, indem ich zurückgehe“, sagte ich leise. „Nicht so. Nicht, solange er noch Macht über mich hat.“ Schweigen dehnte sich am anderen Ende. Als Mama schließlich sprach, war ihre Stimme kleiner, als ich sie je gehört hatte. „Dann muss ich wohl meine Tochter über meinen Ruf stellen. Aber Alisa… lass mich das nicht bereuen.“ Sie legte auf. Kael atmete langsam aus und zog mich auf seinen Schoß, schlang beide Arme um mich. „Sie hat gewählt“, murmelte er gegen mein Haar. „Für den Moment. Das ist etwas. Und wir nutzen es.“ Er griff nach seinem Tablet und öffnete eine neue Datei. „Ich habe etwas gefunden. Ein kleines, aber wichtiges Detail. Jeffs Anwalt versucht, dein Restaurant mit seinen alten Rudelsgeschäftsdeals zu verbinden. Wenn wir beweisen können, dass diese Verbindungen gefälschte Papiere sind – gefälschte Verträge –, können wir das stoppen, bevor es überhaupt anfängt. Blackwoods Team gräbt bereits. Sie sollten bis morgen früh etwas haben.“ Ich studierte das Dokument, das er mir zeigte, die Zeilen juristischen Texts verschwammen leicht. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich die Angst einen Bruchteil kleiner an. „Du tust das wirklich alles für mich.“ Er umfasste mein Gesicht, die Daumen strichen über meine Wangenknochen. „Ich tue das, weil du meine Gefährtin bist. Meine Gleichberechtigte. Und ich habe lange genug gewartet, um aufzuhören so zu tun, als könnte ich dich aus der Ferne beschützen. Morgen reichen wir die vollständige Vermögenstrennung ein. Heute Nacht… heute Nacht isst du mit mir, schläfst in meinem Bett und lässt mich dich halten, ohne jeden Druck. Wenn du bereit bist, wenn du sicher bist, zeige ich dir genau, was es bedeutet, von mir beansprucht zu werden – zu deinen Bedingungen, in deiner Zeit.“ Das Versprechen in seinen Augen raubte mir den letzten Atem. Ich nickte und drückte einen Kuss auf die Mitte seiner Brust. „Ich bin bereit, es zu versuchen.“ Er trug mich ohne ein weiteres Wort ins Schlafzimmer und legte mich sanft auf die Laken. Er hetzte nicht. Er legte sich einfach neben mich, einen Arm um meine Taille, die andere Hand über meinem Herzen, als könne er jeden Schlag spüren. „Schlaf“, flüsterte er. „Ich hab dich. Die ganze Nacht, wenn du mich brauchst.“ Ich schloss die Augen, die Stadt summte weit unten, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Dunkelheit nicht wie ein Käfig an. Sie fühlte sich an wie die Stille vor einem neuen Anfang. Morgen würde der Kampf wirklich beginnen. Doch heute Nacht war ich sicher. Und zum ersten Mal ließ ich mich darauf ein zu glauben, dass ich vielleicht, nur vielleicht, endlich lernte, für etwas zu kämpfen, das es wert war, behalten zu werden.
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