Kapitel 38

1210 Words
ALISAS SICHT Die ersten Strahlen der Dämmerung schnitten durch die raumhohen Fenster des Penthouses und malten den Marmorboden in weiches Gold. Ich wachte allein auf, die Laken noch warm auf der Seite des Bettes, wo Kael nur Stunden zuvor geschlafen hatte. Mein Körper trug noch die Erinnerung an seine Hände von der Nacht zuvor – diesmal sanft, beruhigend –, doch mein Geist raste bereits dem Tag entgegen, der wartete. Das Restaurant. Die Drohungen. Das langsame, erschreckende Vertrauen, das man von mir verlangte. Ich glitt aus dem Bett, zog erneut den Bademantel an und folgte dem Duft von frischem Kaffee in die offene Küche. Kael stand an der Theke, den Rücken zu mir, und scrollte durch E-Mails auf seinem Tablet. Die oberen Knöpfe seines Hemdes waren geöffnet, der Kragen leicht schief, als hätte er sich in Eile angezogen. Als er sich umdrehte, war das Lächeln, das er mir schenkte, klein und privat, die Art, die etwas Warmes tief in meiner Brust aufblühen ließ. „Guten Morgen“, sagte er. „Hast du gut geschlafen?“ „Besser, als ich dachte“, gab ich zu und ging zur Insel hinüber. „Die letzte Nacht fühlte sich… echt an. Als hätten wir wirklich geredet, statt nur—“ „Gekämpft“, vollendete er sanft. Er legte das Tablet ab und trat um die Theke herum, blieb gerade nah genug stehen, dass ich den Zedernholzduft in seinem Geruch wahrnehmen konnte. „Ich wollte nicht, dass du nach allem, was wir gesagt haben, allein aufwachst. Und ich wollte, dass du weißt, dass ich jedes Wort ernst gemeint habe. Du bist nicht allein, Alisa. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht jemals wieder, wenn du es nicht willst.“ Ich schluckte den Kloß in meiner Kehle hinunter. „Kael, ich denke ständig an meine Mutter. An das, was sie sagen wird, wenn sie herausfindet, dass ich einreiche. An die Art, wie sie erneut ihren Ruf über mich stellen wird. Und Jeff… er kreist bereits. Was, wenn dieses ganze Ding auseinanderfällt, bevor es überhaupt anfängt?“ Er streckte die Hände aus und umfasste mein Gesicht mit beiden. „Dann fallen wir zusammen auseinander. Und ich stehe auf, schüttle mich ab und mache alles noch einmal, bis ich es richtig mache. Weil du es wert bist. Dein Restaurant ist es wert. Du bist es wert.“ Die Aufrichtigkeit in seiner Stimme brach die Angst gerade weit genug auf, dass ich atmen konnte. Ich lehnte mich in seine Berührung, schloss für einen Moment die Augen. „Okay. Ich werde versuchen, dir zu glauben.“ Wir verbrachten den Morgen in dem kleinen Konferenzraum neben seinem Büro, umgeben von Akten und Laptops. Kaels Team arbeitete leise im Hintergrund, doch er blieb nah und erklärte jeden Schritt der Strategie. Er legte den Scheidungsterminplan in einfachen Worten dar und zeigte mir, wie die finanzielle Trennung meines Restaurants von Jeffs Namen zuerst gehandhabt würde. Als er auf die prognostizierten Gewinnzahlen deutete, spürte ich etwas Scharfes in meiner Kehle. „Du hast dir meine Tabellenkalkulationen angeschaut“, sagte ich leise. Er traf meinen Blick. „Natürlich habe ich das. Du hast diesen Ort mit deinen eigenen Händen erbaut. Ich wollte sicherstellen, dass niemand ihn gegen dich verwenden kann. Das Team hat bereits jede mögliche Belastung und Schulden markiert. Wir bewegen uns schnell.“ Ich nickte, die Wärme seiner Unterstützung breitete sich in mir aus. Später, als wir wieder allein waren, ertappte ich mich dabei, wie ich zu Fuß zum Restaurant ging – mein erster wirklicher Ausgang, seit die Drohungen begonnen hatten. Die Straßen fühlten sich heute anders an, schärfer, als hielte die Stadt selbst den Atem an. Ich ließ mein Handy auf Vibration und die Augen auf dem Gehweg, doch als ich Alisa’s Table erreichte, stieß ich die Tür auf und trat ein. Der Raum roch nach frischen Kräutern und warmem Brot, genau so, wie ich ihn am Abend zuvor verlassen hatte. Ich ging langsam über den Boden, strich mit der Hand entlang der Kante der Bar, an der ich die Hocker umgestellt hatte. Meine Brust zog sich zusammen von etwas Wildem und Beschützendem. Dieser Ort war seit drei Jahren mein Traum gewesen – Jeffs Geld hatte ihn möglich gemacht, doch jede Entscheidung, jeder Menüpunkt, jede späte Nacht war meine gewesen. Wenn ich ihn jetzt verlor, verlor ich das Eine, das bewies, dass ich stärker war als der Käfig, den er um mich gebaut hatte. Ich stand mitten im Raum und schloss die Augen, ließ die Stille sich über mich legen. „Du bist mein“, flüsterte ich dem leeren Raum zu. „Und ich gebe dich nicht kampflos auf.“ Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. *Dein neuer Anwalt wird dich nicht vor dem schützen, was kommt. Wir wissen genau, wer er wirklich ist. Bleib weg von meiner Frau, oder ich sorge dafür, dass das ganze Rudel dich als die Lügnerin sieht, die du bist.* Ich las sie zweimal, die Worte brannten. Ich antwortete nicht. Stattdessen rief ich sofort Kael an. „Er droht schon wieder“, sagte ich, sobald er abnahm. „Er weiß etwas über dich. Über deinen Ruf im Rudel. Ich habe Angst, Kael. Was, wenn das größer ist als ein Anwalt?“ Kaels Stimme blieb am anderen Ende ruhig, doch ich hörte den Stahl darunter. „Schick mir die Nummer. Ich lasse sie von meinem Team prüfen. Und Alisa… hör mir zu. Du bist keine Lügnerin. Du bist die stärkste Frau, die ich je getroffen habe. Wenn er irgendetwas, was ich jemals getan habe, benutzt, um dir wehzutun, werde ich mich dem stellen. Egal, was es kostet.“ Ich wollte ihm glauben. Gott, das tat ich. Doch die Angst lag immer noch schwer in meiner Brust, schärfer als zuvor. Ich beendete das Schließen des Restaurants, schloss ab und machte mich auf den Weg zurück zum Penthouse. Als ich ankam, hatte sich das Nachmittagslicht verschoben und die Stadt draußen vor den Fenstern in ein Meer aus Gold und Schatten verwandelt. Kael wartete im Wohnbereich, Laptop offen, Telefon am Ohr. Als er mich sah, beendete er den Anruf und kam sofort auf mich zu, zog mich ohne ein Wort in seine Arme. Er hielt mich einen langen Moment, eine Hand strich durch mein Haar, die andere ruhte im kleinen meiner Rücken, als könne er mich vor der ganzen Welt abschirmen. „Ich brauche, dass du mir etwas versprichst“, murmelte er gegen meine Schläfe. „Was auch immer in den nächsten Tagen passiert, du bleibst in diesem Gebäude, es sei denn, ich bin bei dir. Kein alleiniges Gehen zum Restaurant. Keine Treffen ohne mich. Und wenn das vorbei ist… wenn du frei von ihm bist… hole ich dich irgendwohin, wo es ruhig ist. Nur du und ich. Kein Rudel. Kein Druck. Ich will dir zeigen, wie es sich anfühlt, richtig beansprucht zu werden – langsam, sanft, von jemandem, der vierunddreißig Jahre darauf gewartet hat, dich zu haben.“ Die Worte schickten einen Schauer meinen Rücken hinab. Ich drückte mein Gesicht in seinen Hals und ließ mich für heute Nacht darauf ein, ihm zu glauben. Denn morgen begann der eigentliche Test. Und zum ersten Mal in meinem Leben ging ich nicht allein hinein. Ich ging hinein mit dem Mann, der mich zuerst gewählt hatte.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD