Kapitel 37

1741 Words
ALISAS SICHT Das Morgenlicht sickerte durch die raumhohen Fenster des Penthouses und verwandelte die Marmorinsel in eine goldene Fläche. Ich wachte langsam auf, die Laken neben mir noch warm, doch das Bett leer. Kaels Duft lag in der Luft – Zedernholz und Regen und etwas Schärferes, wie Erwartung. Mein Körper erinnerte sich an die letzte Nacht in jedem Schmerz und jedem Pulsieren, eine Erinnerung daran, dass der Kuss auf dem Schreibtisch nur der Anfang gewesen war. Ich glitt aus dem Bett, zog den weichen Bademantel an, der über dem Stuhl hing, und schlich in Richtung Küche. Kaffee kochte bereits, das reichhaltige Aroma durchschnitt den letzten Schlafnebel. Kael stand an der Theke, die Ärmel hochgekrempelt, scrollte mit einer Hand durch ein Tablet, während die andere eine Tasse umfasste. Seine Krawatte fehlte, die oberen Knöpfe seines Hemdes waren geöffnet und gaben die starke Linie seines Schlüsselbeins frei. Er sah aus wie der Seniorpartner schlechthin – ruhig, kontrolliert, tödlich –, doch in der Sekunde, als er sich umdrehte und mich sah, rutschte die Maske. Seine Augen verdunkelten sich. „Guten Morgen, kleiner Wolf.“ „Guten Morgen“, sagte ich, die Stimme noch rau vom Schlaf. Ich ging zur Insel und lehnte mich dagegen, plötzlich bewusst, wie nah uns die Ereignisse der letzten Nacht gebracht hatten. „Hast du geschlafen?“ Er legte das Tablet ab und trat näher, nah genug, dass ich die Hitze spüren konnte, die von ihm ausging. „Nicht viel. Habe die ganze Zeit an dich in diesem Bett gedacht.“ Eine Hand hob sich und strich mit dem Daumen entlang meines Kiefers. „Vertraust du mir genug, um hierzubleiben?“ Die Frage landete schwerer, als sie sollte. Ich dachte an die Nachricht von Jeff, die noch in meiner Tasche brannte, an den enttäuschten Anruf meiner Mutter, an das Restaurant, das auf mich wartete. All das fühlte sich an wie eine Kette, die ich zu zerreißen versuchte. „Ja. Aber ich habe auch Angst. Was, wenn das nur… ein weiterer Käfig ist? Was, wenn ich dich wähle und am Ende eine Art Kontrolle gegen eine andere eintausche?“ Kaels Ausdruck wurde weicher, doch sein Kiefer spannte sich. Er zog mich sanft in seine Arme, eine Hand legte sich in den kleinen meiner Rücken. „Ich werde das nicht zulassen. Du bist kein Besitz. Du bist die Frau, die mit ihren eigenen Händen etwas Echtes aufgebaut hat. Ich sehe dich, Alisa. Die Stärke in jeder Entscheidung, die du getroffen hast, selbst als es dich alles gekostet hat. Ich bitte dich nicht, deine Unabhängigkeit aufzugeben. Ich bitte dich, mich an deiner Seite stehen zu lassen, während du sie behältst.“ Seine Worte legten sich wie ein Schild um die Angst in meiner Brust. Ich atmete aus und drückte die Stirn an seine Schulter. Das Restaurant blitzte hinter meinen Augen auf – mein Stolz, meine Zuflucht. Wenn ich das behalten konnte, konnte ich vielleicht auch mich selbst behalten. Wir verbrachten den Morgen in seiner Bürosuite, nicht im Boardroom, sondern in einem kleineren, ruhigeren Raum mit einem langen Konferenztisch und einer Glaswand mit Blick über die Stadt. Kaels Team arbeitete im Hintergrund, doch er blieb nah. Er briefte mich über die Strategie, die Stimme ruhig, während er den rechtlichen Zeitplan, die finanziellen Spuren, die sie bereits zogen, und die Zeugen, die sie vorbereiteten, darlegte. „Blackwoods Team übernimmt die ersten Einreichungen“, sagte er und schob einen Ordner über den Tisch. „Aber ich leite jeden Schritt. Ich möchte, dass du bei der ersten Anhörung im Raum bist. Nicht als das Opfer. Als die Klägerin, die ihre eigene Geschichte besser kennt als jeder andere.“ Ich öffnete den Ordner und fand die Erweiterungspläne meines Restaurants – rot markierte Versionen, optimistische Prognosen. Meine Brust zog sich zusammen. „Du hast schon jemanden reinschauen lassen?“ Kaels Lächeln war klein und privat. „Ich wollte sicherstellen, dass niemand deinen Erfolg gegen dich verwenden kann. Jeffs Schulden sind an deinen Namen gebunden. Wir trennen sie. Nur dein Name.“ Ein kleines, echtes Lächeln brach durch. „Danke.“ Er beugte sich vor, die Stimme sank. „Alles für dich. Immer.“ Um die Mittagszeit hatte sich das Gewicht des Morgens zu etwas beinahe Normalem gelegt – bis mein Handy klingelte. Der Bildschirm zeigte Mama. Ich nahm auf Lautsprecher ab, damit Kael mithören konnte. „Alisa, was um alles in der Welt höre ich da? Jeff sagt, du versuchst, den Ruf deines Vaters mit irgendeiner lächerlichen Klage zu zerstören.“ Ich hielt meine Stimme eben. „Mama, das ist nicht lächerlich. Er hat betrogen. Er hat mich benutzt. Und jetzt droht er, mein Restaurant, meinen Namen, alles, was ich aufgebaut habe, abzuschneiden.“ Schweigen dehnte sich. Als sie erneut sprach, war ihr Ton brüchig. „Du übertreibst. Der Rudelsrat stellt bereits Fragen. Du bist eine Omega. Du solltest dankbar sein für das, was du hast.“ „Das war ich“, sagte ich leise. „Bis ich es nicht mehr war.“ Ich sah zu Kael auf. „Ich lege jetzt auf. Ich liebe dich.“ Ich beendete den Anruf und legte das Telefon ab. Kael beobachtete mich einen langen Moment und nickte dann einmal. „Familiendruck“, sagte er einfach. „Wir werden das handhaben. Aber Alisa… das ist größer als eine Familie. Die Art, wie der Rat in letzter Zeit über schicksalsbestimmte Gefährten spricht – besonders solche, die außerhalb traditioneller Linien wählen – verändert sich. Langsam. Aber es verändert sich.“ Ich blinzelte. „Was meinst du?“ Er antwortete nicht sofort. Stattdessen griff er nach seinem eigenen Telefon und tätigte einen Anruf. Seine Stimme blieb ruhig, doch die Worte, die folgten, waren es nicht. „Blackwood, hol mir den Ratsverbindungsbeamten. Sag ihm, der Fall Moretti steht jetzt unter meiner direkten Aufsicht. Und erinnere ihn daran, dass jeder Versuch, die Arbeit von Draven & Blackwood zu behindern, als Behinderung gewertet wird.“ Er beendete den Anruf und drehte sich zu mir zurück. „Wir warten nicht auf Erlaubnis. Wir lassen das Gesetz für dich arbeiten.“ Mein Handy vibrierte erneut. Diesmal war es eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. *Bleib weg von meiner Frau, Draven. Oder ich sorge dafür, dass jeder genau weiß, was für ein Mann du wirklich bist.* Ich zeigte Kael die Nachricht. Sein Kiefer spannte sich einmal hart an. Er las sie zweimal und legte das Telefon dann mit bedächtiger Sorgfalt ab. „Bleib hier“, sagte er. „Ich werde ein paar Anrufe tätigen. Ich bin vor dem Abendessen zurück. Du gehst nirgendwohin allein. Nicht zum Restaurant. Nicht in den Laden. Nicht einmal auf die Toilette, wenn du kannst.“ Ich wollte widersprechen. Ich wollte ihm sagen, dass ich es satt hatte, wie eine Gefangene bewacht zu werden. Doch die Angst in seinen Augen – die echte, rohe Angst, dass jemand mir wehtun könnte – hielt mich zurück. „Okay“, flüsterte ich. „Ich bleibe.“ Er durchquerte den Raum, umfasste mein Gesicht und küsste mich – langsam, beruhigend, nichts wie das Feuer der letzten Nacht. „Ich meine es ernst, Alisa. Du bist nicht allein. Nicht eine einzige Sekunde.“ Als er ging, fühlte sich das Penthouse zu still an. Ich ging zum Fenster und sah zu, wie er zu seinem Auto hinunterstieg, die breiten Schultern angespannt unter dem maßgeschneiderten Anzug. Die Stadt summte um mich herum, doch zum ersten Mal seit Jahren spürte ich die ersten echten Regungen von etwas Neuem: Möglichkeit. Ich blieb den ganzen Nachmittag im Penthouse und ließ das Team im Hintergrund arbeiten. Irgendwann holte ich meinen Laptop heraus und begann eine einfache Tabelle – nichts Aufwändiges, nur die Verfolgung jeder Ausgabe, die mit dem Restaurant zusammenhing. Meine Hände bewegten sich im Autopilot und kartierten Wege, die letzten von Jeffs Krediten abzuzahlen, bevor er sie einfordern konnte. Am Abend begannen die Stadtlichter zu funkeln. Mein Magen knurrte, doch ich ignorierte es. Stattdessen ging ich im Wohnzimmer auf und ab, der Geist raste durch jede mögliche Bedrohung. Was, wenn Jeffs Anwalt hier auftauchte? Was, wenn meine Mutter versuchte, mich zu irgendeinem Familienessen zu zerren, um mich zu „reparieren““? Was, wenn Kaels Team etwas fand, das mich zwang, zwischen Freiheit und Sicherheit zu wählen? Der Aufzug piepte um 20:17 Uhr. Ich erstarrte. Kael trat ein und trug zwei Papiertüten vom Restaurant den Flur entlang. Er stellte sie auf die Theke und drehte sich um, die Augen suchten meine. „Essen“, sagte er einfach. „Und schlechte Nachrichten. Blackwoods Verbindungsbeamter hat gerade angerufen. Der Rat drängt auf Mediation. Sie wollen, dass du dich mit Jeff ‚einigst‘, statt es vor Gericht zu bringen.“ Ich sank auf die Couch, der Kampf floss für einen Moment aus mir heraus. „Mediation? Als… wollen sie, dass ich zurückgehe?“ Kael stellte die Tüten ab, kam zu mir und zog mich auf die Füße. „Nein. Ich habe das gestoppt. Ihnen gesagt, der Fall sei zu hochkarätig, zu komplex. Sie haben vorerst zurückgesteckt. Aber sie kreisen. Und Jeff droht bereits, den Druck deiner Mutter als Hebel zu nutzen.“ Er sah auf mich herab, etwas Wildes und Beschützendes in seinen Augen. „Alisa, ich brauche, dass du mir etwas versprichst. Was auch immer morgen passiert, du bleibst nah. Du lässt mich dich beschützen. Und wenn das vorbei ist – wenn du frei bist –, lässt du mich dich richtig beanspruchen. Nicht, weil ich muss. Weil du willst, dass ich es tue. Weil du mich wählst.“ Die Worte hingen zwischen uns, schwer von allem Ungesagten der Nacht zuvor. Ich wollte ja sagen. Gott, ich wollte ja sagen. Doch die Angst war immer noch da, scharf und neu. „Ich verspreche es“, sagte ich leise. „Ich wähle dich. Aber Kael… ich habe Todesangst, dass es nicht genug sein wird.“ Er umfasste erneut mein Gesicht, die Daumen strichen über meine Wangen. „Es wird mehr als genug sein. Denn diesmal lasse ich nicht los.“ Wir aßen auf der Couch – einfache Pasta, warmes Brot und die stille Gesellschaft zweier Menschen, die begannen zu glauben, dass sie die Welt gemeinsam überleben konnten. Als die Teller leer waren, zog Kael mich in seine Arme und hielt mich. Keine Forderungen. Kein Druck. Nur der stetige Schlag seines Herzens an meinem Ohr. Morgen begann der eigentliche Kampf. Doch heute Nacht, zum ersten Mal, ließ ich mich darauf ein zu glauben, dass ich vielleicht, nur vielleicht, gewinnen konnte.
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