Kapitel 36

1087 Words
ALISAS SICHT Die Aufzugstüren öffneten sich in die belebte Lobby von Draven & Blackwood, und ich trat auf Beinen hinaus, die sich noch anfühlten, als gehörten sie jemand anderem. Der Nachhall von Kaels Berührung lag zwischen meinen Schenkeln wie ein geheimes Brandmal, warm und besitzergreifend, während der Geschmack von Möglichkeit an meiner Zunge haftete. Zum ersten Mal seit fünf Jahren überlebte ich nicht nur. Ich bewegte mich. Mein Handy vibrierte in der Tasche – schon wieder Jeff. Ich zog es mit ruhigen Fingern heraus und öffnete die Nachricht. Seine Worte waren kurz, giftig: *Du glaubst, du kannst zu Draven rennen? Schlechter Schachzug, Ehefrau. Ich weiß Dinge über deinen neuen ‚Anwalt‘, die euch beide verbrennen werden. Komm nach Hause. Sofort.* Mein Blut gefror zu Eis. Ich umklammerte das Handy fester, bis der Bildschirm unter meinem Griff verschwamm. Kaels Stimme von vorhin hallte in meinem Kopf wider, ruhig und gewiss: *Ich werde ihn begraben.* Ich tippte zurück mit Händen, die sich weigerten zu zittern. *Fahr zur Hölle. Ich bin bereits frei.* Der Aufzug piepte erneut, als er das Erdgeschoss erreichte. Ich trat hinaus auf den belebten Bürgersteig, das Kinn erhoben, das Gewicht seines Dufts noch an meiner Haut haftend wie ein Versprechen, das ich fast schmecken konnte. Das war nicht vorbei. Es begann erst. Und zum ersten Mal rannte ich nicht weg. Ich rannte auf etwas zu, das es wert war, dafür zu kämpfen. Ich hielt ein Taxi an und gab dem Fahrer die Adresse meines Restaurants. Die Stadt verschwamm am Fenster vorbei – Luxusautos, scharf gekleidete Führungskräfte, das ferne Summen von Macht, die einst mein Käfig gewesen war. Mein Handy leuchtete erneut auf. Eine weitere Nachricht von Jeff, diesmal länger. *Dein kleiner Auftritt in der Kanzlei wird dich nicht retten. Ich habe bereits mit Blackwood gesprochen. Er ist mir treu. Und deine Mutter ist auf dem Weg – sagt, du blamierst die ganze Familie. Der Rudelsrat beobachtet. Wenn dein Name noch etwas bedeuten soll, drehst du jetzt sofort um.* Ich starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben schwammen. Meine Mutter. Natürlich. Dieselbe Frau, die mir seit meiner Kindheit Anstand eingetrichtert hatte, sah meine Unabhängigkeit jetzt als Bedrohung für ihr sorgfältig gepflegtes Image. Das Restaurant – mein Traum, mit meinen eigenen Händen und Jeffs Geld erbaut – würde das Erste sein, das sie angriffen. Sie griffen immer das an, was mich am Leben fühlte. Das Taxi hielt vor Alisa’s Table. Die kleine Glastür stand noch offen von vorhin; ich hatte sie absichtlich so gelassen, ein winziger Akt des Widerstands. Drinnen roch es nach frischen Kräutern und warmem Brot. Mein Raum. Mein Sieg. Ich trat ein, schloss die Tür hinter mir ab und drehte das Schild auf Geschlossen für den Tag. Zum ersten Mal spürte ich nicht die vertraute Beklemmung. Ich spürte das Gewicht von etwas Schwererem: Zweck. Ich streifte die Absätze ab, krempelte die Ärmel hoch und begann, die Tische umzustellen. Nichts Dramatisches. Nur einen Stuhl hierhin rücken, ein Regal dorthin schieben. Kleine Entscheidungen, die sagten, dass ich noch die Kontrolle hatte. Mein Handy klingelte. Mama. Ich nahm beim zweiten Klingeln ab. „Hallo.“ „Alisa, was um alles in der Welt tust du da? Jeff hat mich gerade weinend angerufen. Er sagt, du versuchst, die Familie niederzubrennen.“ Ich lehnte mich gegen die Theke, das Telefon ans Ohr gepresst. „Niederbrennen? Mama, er hat sie zuerst niedergebrannt. Er hat gelogen. Er hat mich benutzt. Und jetzt droht er, mich abzuschneiden, das Restaurant auf die schwarze Liste zu setzen, meinen Namen durch den Schmutz zu ziehen. Das mache ich nicht.“ Schweigen dehnte sich am anderen Ende. Als sie schließlich sprach, war ihre Stimme angespannt. „Du bist eine Omega. Wir werfen Allianzen nicht einfach wegen einer Indiskretion weg. Deine Schwester steckt schon wieder in Schwierigkeiten. Wenn du dich scheiden lässt, werden wir alle leiden. Der Rat…“ „Der Rat ist voll von Leuten, die Macht über Menschen stellen“, unterbrach ich sie sanft. „Ich stelle mich selbst. Ich stelle mein Restaurant. Und ich bin fertig damit, die perfekte kleine Ehefrau zu sein, die jedermanns Geheimnisse bewahrt.“ Sie seufzte, der Laut schwer von Enttäuschung. „Du machst einen Fehler. Komm nach Hause. Wir reden. Dein Vater will dich immer noch sehen.“ „Ich kann nicht nach Hause kommen“, sagte ich leise. „Nicht, solange er noch da ist. Nicht, solange ich noch bei seinen Befehlen lächeln muss. Aber… danke, dass du angerufen hast. Das bedeutet etwas.“ Eine weitere lange Pause. „Alisa… du bist immer noch meine Tochter. Egal was.“ Die Leitung wurde tot. Ich legte das Telefon ab und starrte an die Wand, blinzelte das Brennen in meinen Augen weg. Sie hatte nicht mein Glück gewählt. Sie hatte ihren Ruf gewählt. Aber sie hatte angerufen. Das war ein Riss im Eis. Ich nahm einen Besen und fegte den Boden, die rhythmische Bewegung erdete mich. Das Restaurant war klein, aber es war meins. Heute Abend würde ich die Bücher schließen, den Rest von Jeffs Krediten mit meinen eigenen Ersparnissen abbezahlen und neu anfangen. Keine Namen mehr. Nur Alisa. Mein Handy vibrierte erneut – diesmal eine Nachricht von Kael. *Habe von Blackwood gehört. Er dreht sich. Die Papiere habe ich bis morgen früh fertig. Pack deine Sachen im Penthouse. Heute Nacht bleibst du bei mir.* Die schlichte Nachricht schickte eine frische Welle Hitze durch mich. Er dachte bereits voraus. Plantete bereits. Stellte bereits sicher, dass ich nirgendwohin flüchten und nirgendwohin rennen konnte. Ich tippte schnell zurück. *Danke. Für alles.* Ich wartete nicht auf eine Antwort. Stattdessen beendete ich das Schließen, schloss die Tür ab und hielt ein weiteres Taxi an. Die Stadtlichter verschwammen erneut, doch diesmal fühlten sie sich anders an. Leichter. Möglichkeiten dehnten sich aus wie neue Horizonte. Ich wusste nicht, was die nächsten Stunden bringen würden – ob Jeff härter drängen, ob meine Mutter sich versteifen, ob Kaels Angebot der Prüfung des Rudels standhalten würde. Aber ich wusste eines mit knochentiefer Gewissheit: Ich war nicht mehr die Omega, die darauf wartete, dass jemand sie rettete. Ich war die Omega, die sich selbst retten würde. Und diesmal würde ich es mit jemandem tun, der genug an mich glaubte, um die Welt für mich niederzubrennen. Das Taxi hielt vor Kaels Penthouse. Ich bezahlte den Fahrer und ging hinein, der Duft von Zedernholz und Regen wartete bereits im Foyer wie ein Willkommen. Was auch immer als Nächstes kam – Drohungen, Anschuldigungen oder der langsame, erschreckende Beginn von etwas Echtem –, ich war bereit. Ich war endlich bereit.
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