ALISAS SICHT
Die Aufzugtüren hatten sich kaum hinter uns geschlossen, als der erste Knall aus dem Saal hallte.
Ich wirbelte herum, das Herz schlug mir bis zum Hals. Die Glasscheibe an der Wand flackerte einmal, zweimal – dann zerbarst sie in einem Schauer aus glitzernden Splittern. Schreie ertönten hinter uns. Viktor Kane stand im zerschmetterten Türrahmen, das Gesicht verzerrt vor purer, wahnsinniger Wut, Blut tropfte von seiner aufgesprungenen Lippe. Er hatte die Glasscheibe absichtlich zerschlagen, genau in dem Moment, als Kael und ich hinausgetreten waren.
„Du denkst, du kannst einfach alles nehmen?“, knurrte er, die Stimme brach vor Alpha-Wut. „Mein Rudel – unser Rudel – wird dir nie verzeihen, was du getan hast. Was *sie* getan hat.“ Seine Augen bohrten sich in mich, Gift tropfte aus jedem Wort. „Du bist nichts weiter als eine hübsche kleine Omega, die glaubt, sie könne einen Käfig gegen einen anderen eintauschen. Kael hat das schon einmal gemacht. Omegas benutzt. Rudel zerstört. Und jetzt benutzt er *dich* auch.“
Kael reagierte sofort. In einer fließenden Bewegung packte er Viktor an der Kehle und hob ihn vom Boden, bis die Füße des älteren Alphas nutzlos zappelten. Die Bindung zwischen uns flammte weißglühend auf und speiste Kaels und meine Wut gleichermaßen. Meine Wölfin drängte nach vorn, die Fangzähne in stummer Warnung entblößt, obwohl ich keine Hand erhoben hatte.
„Fass sie noch einmal an“, knurrte Kael mit tiefer, tödlicher Stimme, „und ich sorge dafür, dass deine gesamte Blutlinie heute Nacht endet.“
Die anderen Alphas – fünf an der Zahl, darunter Jeff und meine Mutter – strömten in den Flur, Waffen gezogen, die Gesichter verzerrt vor Panik und Gier. Meine Mutter erreichte Viktor zuerst, packte seinen Arm, die Stimme schrill vor Panik. „Viktor, hör auf! Der Rat—“
„Rat?“, spie er aus, die Stimme erhob sich. „Die sind schwach! Die waren es immer. Aber du—“ Er riss sich aus dem Griff meiner Mutter los und streckte einen zitternden Finger direkt auf mich. „Du bist diejenige, die alles niedergebrannt hat. Dein kleiner Livestream. Dein Restaurant. Deine kostbare Bindung. Ich werde alles niederbrennen. Angefangen bei dem Mann, der glaubt, er besitze dich jetzt.“
Jeff taumelte rückwärts, blass und entsetzt. „Mama – Alisa – hilf mir! Das ist wahnsinnig!“
Meine Mutter wirbelte zu mir herum, die Augen wild vor etwas, das fast wie Angst aussah. „Alisa, hör mir zu. Du machst einen Fehler. Diese Leute werden dich zerstören. Das Rudel wird sich gegen dich wenden. Komm nach Hause. Komm *jetzt* nach Hause.“
Die Worte trafen wie ein Schlag. Zuhause. Sie glaubte immer noch, ich gehöre dorthin. Sie glaubte immer noch, ich sei dieselbe gebrochene Omega, die einem Mann das Abendessen gekocht hatte, der sie nie gewollt hatte.
Ich trat vor, das Kinn hoch erhoben, die Bindung sang vor einer Stärke, von der ich nie gewusst hatte, dass ich sie besaß. „Zuhause? Du meinst den Käfig, in den du mich verkauft hast? Die Lüge, die du mit aufgebaut hast? Ich bin fertig. Ich wähle *ihn*. Jedes einzelne Mal.“
Viktor lachte, hässlich und gebrochen. „Du denkst, du bist frei? Dass dieser Ring an deinem Finger irgendetwas bedeutet? Kaels Vergangenheit wird euch beide einholen. Ich habe die Fotos. Die Zeugen. Die Schuldeneintreiber, die warten. Und wenn sie kommen—“ Er stürzte sich erneut vor, schneller als ich erwartet hatte, packte meinen Arm und riss mich zu sich. „Dann sorge ich dafür, dass du nie wieder eine Omega so berührst, wie du *meine* berührt hast.“
Schmerz explodierte in meiner Schulter. Ich schrie.
Kael brüllte.
Die Bindung detonierte.
Bernstein explodierte in seinen Augen, als er Viktor wie einen Sack Fleisch fallen ließ. Der ältere Alpha prallte hart auf den Marmorfußboden, doch er war noch nicht am Ende – noch nicht. Er rollte sich, die Krallen ausgefahren, und schlug über meinen Arm. Blut quoll heiß und sofort hervor. Die Bindung flammte mit meinem Schmerz auf und speiste Kaels Wut, bis er feral aussah.
„Meins“, knurrte Kael mit unmenschlicher Stimme. Er stürzte sich auf Viktor, die Fäuste prasselten in brutalen, präzisen Schlägen nieder, die Knochen knacken ließen und den größeren Alpha zweimal zu Boden schickten. Blut spritzte. Viktors Schreie verwandelten sich in gurgelnde Laute, als Kaels Knie seine Rippen traf.
Ich blieb nicht einfach stehen. Ich packte den umgestürzten Stuhl, schwang ihn mit allem, was ich hatte, und zerschmetterte ihn über Viktors Kopf. Schmerz explodierte hinter meinen Augen. Die Welt kippte. Doch ich schwang weiter, bis der Stuhl zerbrach und Viktor reglos dalag.
Meine Mutter schrie. „Alisa! Hör auf!“
Ich drehte mich zu ihr um, Tränen verwischten meine Sicht. „Aufhören? Mama, du hast vor fünf Jahren aufgehört, als du sie über mich gestellt hast!“
Sie wich zurück, die Hände erhoben, als könne sie sich damit schützen. „Ich habe die Familie geschützt! Du verstehst nicht, was das kostet—“
„Doch“, flüsterte ich. „Ich verstehe jetzt alles. Und ich wähle *ihn*. Über dich. Über sie. Über alles.“
Jeff hatte sich auf dem Boden zusammengekauert und schluchzte. „Alisa… bitte… es tut mir leid… ich wollte nie—“
„Du hast jedes Wort ernst gemeint“, sagte ich kalt. „Du hast mich benutzt. Du hast gelogen. Mit dir ist Schluss.“
Sicherheitspersonal brach durch die zerschmetterten Türen – Kaels private Einheit, angeführt von Blackwood. Die Vollstrecker bewegten sich wie Schatten, unterwarfen Viktor und die anderen, bevor sie Waffen ziehen konnten. Meine Mutter war die Letzte, die weggezerrt wurde, rief immer noch meinen Namen, bettelte immer noch.
Kael war in Sekunden wieder auf den Beinen, Blut an den Knöcheln, aber keines an mir – außer dem flachen Schnitt an meinem Arm. Er zog mich an seine Brust, die Arme zitterten, während er jeden Zentimeter von mir überprüfte. „Alisa. Schatz. Atme. Du bist verletzt.“
„Es ist nur ein Kratzer“, keuchte ich, doch die Bindung sang mit seinem Schmerz und meiner eigenen Angst. Ich spürte seinen Terror um mich, als wäre er mein eigener. „Mir geht’s gut. Uns geht’s *gut*.“
Er hob mich direkt dort im Flur in die Arme, ignorierte die starren Blicke und trug mich aus dem Gebäude, während Blackwood Befehle in sein Telefon bellte. Sirenen heulten in der Ferne. Die Stadt wachte schnell auf.
Im SUV wickelte er mich an seine Brust, eine Hand drückte ein Tuch auf meinen Arm, die andere ließ meinen Rücken nie los. Die Bindung pulsierte zwischen uns – roh, überwältigend, stärker als je zuvor. Jeder Schnitt auf meiner Haut fühlte sich an, als würde er auch ihn verbrennen.
„Es tut mir so leid“, flüsterte er, die Stimme brach zum ersten Mal, seit ich ihn kannte. „Ich hätte schneller reagieren sollen. Ich hätte—“
„Nein.“ Ich nahm sein Gesicht in beide Hände, die Daumen strichen über seinen vernarbten Kiefer. „Du hast mich beschützt. Du hast für mich gekämpft. Das ist es, was Gefährten tun. Das bist du für mich.“
Seine Augen blitzten bernsteinfarben auf, dann wurden sie weicher. „Meine Frau. Meine perfekte, wilde Frau.“
Wir schafften es nicht sofort zurück ins Penthouse. Das Krankenhaus war ein Wirbel aus weißen Kitteln und Fragen. Kael blieb an meiner Seite kleben, die Hand ließ die meine nie los, während der Arzt meinen Arm reinigte und nähte. Die Bindung speiste ihm weiter meinen Schmerz – jeden Stich der Nadel, jedes Wickeln des Verbands –, bis er aussah, als stünde er kurz davor, durchzudrehen.
Als wir schließlich in die kühle Nachtluft hinausgingen, fühlten sich die Lichter der Stadt anders an. Heller. Als würden sie uns jetzt beobachten.
Im SUV zog er mich auf seinen Schoß, ignorierte den Fahrer und küsste mich langsam und tief. Seine Hände streiften über meinen Körper, suchten nach Verletzungen, beruhigten jeden zitternden Zentimeter. „Du hast heute für mich gekämpft“, murmelte er gegen meine Lippen. „Genau so, wie ich für dich kämpfe. Jedes einzelne Mal.“
Ich nickte, die Stirn an seiner. „Ich bin nicht mehr deine zerbrechliche Omega. Ich bin deine Partnerin. Deine Frau. Deine Gefährtin.“
Sein Knurren war pure Gier. „Dann lass mich dir zeigen, wie sehr ich dich liebe. Lass mich mich um jede Markierung kümmern, die du heute verdient hast.“
Die Tür des Penthouses war kaum ins Schloss gefallen, da hatte er mich schon dagegen gedrückt. Kleidung fiel in einer Spur zu Boden. Er hob mich mühelos hoch, meine Beine schlangen sich um seine Hüften, und er trug mich direkt ins Schlafzimmer. Diesmal gab es kein langsames Neckspiel. Nur rohe, verzweifelte Hunger.
Er legte mich aufs Bett, schob meine Schenkel auseinander und leckte einen langen Streifen über meine Mitte. Ich schrie auf, der Rücken wölbte sich, der frische Schnitt an meinem Arm pulsierte im Takt mit der Bindung. Er küsste ihn sanft, leckte ihn dann erneut und beruhigte ihn mit seinem Mund. „Meins zum Beschützen“, flüsterte er. „Meins zum Lieben.“
Dann glitt er in mich – tief, langsam, vorsichtig bei jedem blauen Fleck, den er sehen konnte. Die Bindung sang so laut, dass ich sie in meinen Knochen spürte. Ich erwiderte jeden Stoß, die Fersen gruben sich in seinen Rücken, flüsterte seinen Namen wie ein Gelübde.
Als der Orgasmus kam, war er erschütternd und schön. Ich kam um ihn herum mit Tränen der reinen Erleichterung, die Wände zogen sich eng zusammen. Er folgte sofort, der Knoten versiegelte uns, während er meinen Namen brüllte und die Fangzähne über die Markierung an meiner Schulter strichen – ohne sie zu durchbrechen, nur um sie erneut zu beanspruchen.
Wir blieben verbunden, zitterten und atmeten einander ein.
Später, als der Knoten langsam nachließ, zog er mich in seine Arme und hielt mich, als wäre ich das Einzige, was ihn am Leben hielt.
„Viktors Rudel bricht auseinander“, sagte er leise. „Die Hälfte des Rates ist schon übergelaufen. Meine Mutter—“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Sie ist in Gewahrsam. Das alte Rudel wird nach ihr kommen. Aber ich werde nicht zulassen, dass sie sie anfassen. Nicht so, wie sie dich angefasst haben.“
Ich strich über die Narbe an seinem Kiefer. „Dann beschützen wir sie auch. Weil das ist, was Familie tut. Auch wenn es die chaotische, gebrochene Art ist.“
Er küsste meine Stirn. „Meine wilde, wunderschöne Frau. Meine Gleichgestellte. Mein Zuhause.“
Draußen drehte sich die Stadt weiter.
Doch innen, ineinander verschlungen, spürte ich es endlich.
Den Frieden, auf den ich mein ganzes Leben zugelaufen war.
Nicht nur Freiheit.
Nicht nur die Bindung.
Sondern *uns*.
Für immer.
Und egal, wie viele Schatten das alte Rudel uns morgen entgegenwerfen würde – wir würden ihnen gemeinsam entgegentreten.
Denn ich war nicht allein. Ich war bei ihm.