ALISAS SICHT
Das Lagerhaus roch nach Blut, nassem Beton und dem metallischen Gestank der Angst, der nach dem Kampf nie ganz aus der Luft verschwand.
Meine Knie trafen zuerst den kalten Boden, dann Kaels Körper, denn er stand nur noch durch ein Wunder aufrecht, einen Arm um meine Taille geschlungen, als wäre ich das Einzige, was ihn noch aufrecht hielt. Blut tränkte die Vorderseite seines schwarzen Hemdes in einer sich ausbreitenden Blüte – es war nicht sein Blut.
Der Schuss war ihm direkt durch die Seite gegangen, knapp unter den Rippen, und er verblutete schnell.
„Bleib bei mir“, flüsterte ich, die Stimme brach, während die Bindung vor seinem Schmerz schrie. Goldene Fäden flammten weißglühend zwischen uns auf und speisten jeden Schmerzpuls in mein Nervensystem. Meine Wölfin heulte, verzweifelt danach, ihn zu schützen, ihn zu heilen. „Kael, bitte. Wage es nicht, mich jetzt zu verlassen.“
Er versuchte zu lächeln. Es kam blutig und verzerrt heraus. „Hab dir gesagt… ich geh nirgendwo hin, kleine Wölfin.“ Seine Stimme war schwach, aber seine Augen – diese dunklen, durchdringenden Augen – waren immer noch bernsteinfarben gesprenkelt und wild. Er berührte mein Gesicht mit einer zitternden Hand, der Daumen strich über meine Wange. „Du hast heute Nacht für mich gekämpft. So wie ich für dich gekämpft habe. Das ist, was wir tun.“
Viktor stöhnte aus der Ecke, aber niemand schaute zu ihm. Blackwoods Männer hatten ihn in Handschellen, Sirenen kamen näher. Meine Mutter stand zehn Meter entfernt wie erstarrt, die Waffe längst fallengelassen, Tränen gruben Spuren durch den Regen auf ihrem Gesicht.
Ich schaute sie noch nicht an. Nicht, bevor Kael in Sicherheit war.
Kaels Knie knickten ein. Ich fing ihn auf, legte ihn behutsam auf den Beton und drückte mit beiden Händen fest auf die Wunde. Blut sickerte zwischen meinen Fingern hervor, warm und klebrig. Die Bindung pulsierte mit seiner schwindenden Kraft, und Panik kroch mir in den Hals.
„Bleib bei Bewusstsein“, bettelte ich, die Stirn an seine gepresst. „Wage es nicht, ohnmächtig zu werden. Nicht heute Nacht. Nicht, nachdem wir gerade gewonnen haben.“
Er lachte, ein nasses, schmerzhaftes Geräusch. „Würde nicht mal dran denken… Mrs. Draven.“ Der Titel, den er mir vor Gericht gegeben hatte, fühlte sich immer noch neu und perfekt auf seinen Lippen an. „Öffne die Verbindung. Blackwood. Sag ihm… mir geht’s gut.“
Ich ließ die Wunde nicht los. Stattdessen griff ich mit der freien Hand nach meinem Telefon, die Finger zitterten, und drückte den Live-Notfall-Link, den er mir gegeben hatte, sobald die Bedrohung aufgetaucht war. Blackwoods Gesicht füllte den Bildschirm – angespannt, professionell, aber seine Augen wurden weicher, als er Kael sah.
„Draven, du verblutest. Das medizinische Team ist unterwegs. Halt durch.“
Kaels Hand umschloss die meine fester. „Sag ihr… sie ist in Sicherheit. Und ich bringe sie nach Hause, sobald das hier vorbei ist.“
Die Bindung pulsierte mit einer wilden, schützenden Welle – *mein, schützen, schützen*. Ich spürte seine Liebe, als wäre sie meine eigene, heiß und unerschütterlich.
Die Sirenen wurden lauter. Rote und blaue Lichter blitzten durch die zerbrochenen Fenster, als zwei schwarze Transporter quietschend zum Stehen kamen. Sanitäter stürmten herein, Kaels Sicherheitsteam bewegte sich wie Schatten und räumte den Weg frei. Sie hoben ihn auf eine Trage, aber er ließ mich nicht los.
„Alisa bleibt bei mir“, keuchte er, die Stimme wurde schwächer. „Sie ist Familie. Meine Frau. Sie kämpft für mich.“
Ein Sanitäter wollte protestieren. „Sir, sie braucht selbst medizinische Versorgung—“
„Sie gehört mir“, knurrte Kael, die Augen fixierten den Mann mit reiner Alpha-Dominanz. Die Bindung machte den Befehl unmöglich zu ignorieren. „Sie kommt mit in den Krankenwagen. Sofort.“
Sie gaben nach. Ich stieg neben ihn ein und hielt seine Hand so fest, dass unsere Knöchel weiß wurden. Die Sanitäter setzten ihm eine Sauerstoffmaske auf, aber er riss sie kurz ab, nur um mich nah heranzuziehen und mich zu küssen – Blut und Regen und alles, was wir überlebt hatten.
„Verlass mich nicht“, flüsterte er gegen meine Lippen.
„Ich werde es nicht“, versprach ich, Tränen verschleierten meine Sicht. „Niemals.“
Die Fahrt zum Krankenhaus war ein verschwommener Wirbel aus blitzenden Lichtern und dem stetigen Piepen der Monitore. Meine Mutter stieg ohne Aufforderung in das zweite Fahrzeug – weil ich sie nicht allein lassen wollte. Sie saß in der Ecke, zitternd, aber sie sprach nicht. Noch nicht.
In der Notaufnahme brachten die Ärzte Kael hastig in den Traumaraum zwei. Eine Krankenschwester wollte mich am Türrahmen stoppen und in den Wartebereich schicken.
„Mein Mann ist der Patient“, sagte ich, die Stimme trotz des Terrors in meiner Brust ruhig. „Und ich gehe nirgendwo hin. Nicht jetzt. Niemals.“
Sie ließen mich rein. Gerade so. Die Bindung hielt mich verankert – jedes Piepen der Geräte, jeder Fluch der Schwestern, jeder Moment, in dem Kaels Gesicht noch blasser wurde, spürte ich wie meinen eigenen Schmerz.
Stunden zogen sich hin. Ich aß nicht. Ich schlief nicht. Ich saß nur neben seinem Bett, hielt seine Hand und flüsterte: „Du hast mir für immer versprochen. Wage es nicht, das zu brechen.“
Er wachte einmal auf, die Augen trüb von Schmerzmitteln, und zog mich zu einem schwachen Kuss herunter. „Liebe dich… meine wilde Frau.“
Dann sank er wieder weg.
Meine Mutter saß im Plastikstuhl mir gegenüber und starrte auf den Boden. Als der Arzt endlich nach Stunden herauskam – Blutverlust, drei gebrochene Rippen, eine kollabierte Lunge, die sie stabilisiert hatten – brach meine Mutter zusammen.
„Ich habe das verursacht“, flüsterte sie, die Stimme brach. „Wenn ich nicht mit Viktor gekommen wäre… wenn ich die Waffe nicht in der Hand gehabt hätte…“
Ich stand auf. Die Bindung sang mit einer seltsamen, erschöpften Zärtlichkeit. „Du hattest Angst. Ich hatte auch Angst. Aber wir sind beide hier. Weil wir uns füreinander entscheiden. Das ist, was Familie jetzt bedeutet.“
Sie streckte die Hand nach mir aus. Ich ließ mich umarmen – eng, zitternd, echt. Nicht der Käfig von früher. Nur wir. Nur chaotische, gebrochene, gewählte Familie.
Die Bindung pulsierte zwischen mir und Kael wie ein Versprechen, dass das Schlimmste vorbei war. Doch als die Dämmerung hereinbrach und die Krankenhauslichter dimmten, piepte eine neue Benachrichtigung auf meinem Telefon.
„Viktors Anwalt: Sie wollen einen Deal. Zieht euch vom Restaurant zurück. Lasst die Namensgebung fallen. Gebt uns die Schlüssel. Oder das alte Rudel kommt stärker zurück.“
Ich sah den schlafenden Mann im Bett neben mir an – meinen Ehemann, meinen Gefährten, mein alles – und spürte, wie die alte Angst aufstieg.
Aber die Bindung antwortete sofort: *nein*.
Ich tippte mit ruhigen Fingern zurück.
„Kein Deal. Wir behalten, was wir aufgebaut haben. Und wir behalten einander.“
Der Krieg war noch nicht vorbei.
Aber ich auch nicht.
Nicht mit Kaels Hand noch in meiner.
Nicht mit der Bindung, die heller leuchtete als je zuvor.
Morgen würden wir wieder kämpfen.
Heute Nacht würde ich den Mann halten, den ich liebte, bis die Sonne aufging.