Kapitel 1

1357 Words
ALISAS SICHT Der Bass der Lautsprecher vibrierte direkt durch die Sohlen meiner Schuhe und ließ meine Brust schmerzen. Ich hasste diesen Ort. Die VIP-Lounge des Black Fang war immer erstickend voll – gepackt mit hochrangigen Alphas und Betas, die sich in teurem Alkohol und rohen Pheromonen ertränkten. Als rangniedrige Omega gehörte ich nicht hierher. Aber heute Nacht war es mir egal. Heute war unser fünfter Hochzeitstag. Ich hatte drei Stunden in unserer Küche verbracht, ein perfektes Steak-Dinner zubereitet, das Licht gedimmt und gewartet. Die Kerzen waren zu Stümpfen heruntergebrannt. Das Essen war kalt geworden. Jeff war nicht gekommen. Er hatte nicht ans Telefon gegangen und meine Nachrichten über die Rudelverbindung komplett blockiert. Also war ich gekommen, um ihn zu suchen. Ich marschierte den hinteren Korridor entlang, der zu den privaten Executive-Suiten führte. Bevor ich die Tür überhaupt erreichen konnte, traten zwei massive Rudelwachen in meinen Weg. Es waren große, kräftig gebaute Betas, und sie schauten auf mich herab, als wäre ich Müll, der in den Club geweht war. „Halt“, sagte der Wächter links und verschränkte die Arme. „Der VIP-Bereich ist heute Abend geschlossen. Nur privates Rudelgeschäft. Dreh um, kleines Mädchen.“ Ich schluckte den Kloß nervöser Anspannung in meinem Hals hinunter und zwang meine Schultern nach hinten. „Lass mich durch.“ Der zweite Wächter lachte, ein hässliches, höhnisches Geräusch. „Hast du sie gehört, Marcus? Sie denkt, sie kann einfach reinschlendern. Schau, Süße, geh zurück auf die Tanzfläche, bevor du verletzt wirst. Die Alphas da drin mögen es nicht, von schwachen Omegas gestört zu werden.“ Feuer flammte in meinen Adern auf. Ich hatte es satt, herumgeschubst zu werden, und ich hatte es satt, versteckt zu werden. „Ich bin nicht irgendein zufälliges Mädchen“, sagte ich, und meine Stimme klang klar über die laute Musik hinweg. „Ich bin Alisa Moretti. Ich bin die Frau deines Bosses. Tritt jetzt zur Seite, bevor ich Jeff genau erzähle, wie unhöflich ihr mich behandelt habt.“ Die Wächter blinzelten überrascht. Sie beugten sich leicht vor und fingen den schwachen, abgestandenen Duft von Jeffs Rudelregistrierung auf meiner Haut auf. Die selbstgefälligen Blicke verschwanden sofort von ihren Gesichtern. „Mrs. Moretti“, murmelte Marcus, sein Gesicht wurde blass, während er schnell zurücktrat. „Wir… wir haben Sie nicht erkannt. Der Boss hat nicht gesagt, dass Sie kommen.“ „Offensichtlich“, knurrte ich und schob mich an ihnen vorbei, bevor sie es sich anders überlegen konnten. Ich ging den stillen, Teppich-bedeckten Flur entlang, mein Herz hämmerte gewaltsam gegen meine Rippen. Das laute Pochen des Clubs verklang und wurde durch eine unheimliche Stille ersetzt. Als ich mich der Tür zu Jeffs privater Suite näherte, blieb ich stehen. Ich konnte Geräusche durch das dicke Holz hören. „Ah… ja, genau da… hör nicht auf, Jeff…“ Es war ein schweres, atemloses Stöhnen. Mein Magen machte einen heftigen Salto. Ich erstarrte, meine Hand zitterte, als sie über dem Türgriff schwebte. Ich sagte mir, ich solle umdrehen. Ich sagte mir, es sei nur ein Missverständnis. Aber dann sprach eine andere Stimme, und sie schnitt durch mich wie ein Messer. „Du bist so perfekt für mich“, grollte Jeffs Stimme, voller Lob und einer tiefen Zuneigung, die er niemals einmal bei mir verwendet hatte. „So eng. Ein echter Partner. Nicht wie diese nutzlose, langweilige Omega zu Hause. Du bist der Einzige, der weiß, wie man einen Alpha wie mich befriedigt, Aiden.“ Ein weiteres lautes, verzweifeltes Stöhnen hallte von innen. Das Puzzle meiner gesamten fünfjährigen Ehe fügte sich endlich zusammen. Die kalte Distanz. Die schnellen, lieblosen Begegnungen von hinten im Dunkeln. Das völlige Fehlen von Zuneigung. Jeff wollte keine Frau. Er hatte meinen stillen, fügsamen Omega-Status als politische Tarnung benutzt, um seinen Ruf zu schützen und den traditionalistischen Rudelrat zufriedenzustellen. Tränen blendeten meine Augen und verwischten den goldenen Griff. Mit einem Schub roher, schmerzhafter Adrenalin stieß ich die schwere Eichentür weit auf. Der Raum war von rotem Neonlicht schwach beleuchtet, aber ich konnte alles perfekt sehen. Jeff hatte sein Hemd vollständig aufgeknöpft und jemanden fest gegen das Ledersofa gedrückt. Seine Hände packten die Hüften des Mannes und bewegten sich in einem harten, verzweifelten Rhythmus. Als das Neonlicht wechselte, traf es das Gesicht des Mannes unter ihm. Es war Aiden. Jeffs Beta und Stellvertreter. Der Mann, von dem er mir immer gesagt hatte, er sei „wie ein Bruder“ für ihn. Die beiden erstarrten. Jeff schaute über seine Schulter, seine Augen trafen mich, wie ich in der Tür stand. Es gab keinen Schock in seinen Augen. Keinen Duft von Schuld in der Luft. Nur pure, unverfälschte Verärgerung. Aiden zog hastig seine Hose hoch, schaute auf den Teppich hinunter, sein Gesicht vor Verlegenheit gerötet. „Alisa… warte, es ist nicht das, wonach es aussieht—“ „Halt den Mund, Aiden“, befahl Jeff glatt, trat vom Sofa weg und knöpfte ruhig sein Hemd zu. Er sah mich an, als wäre ich eine Angestellte, die eine wichtige Besprechung gestört hatte. „Was machst du hier, Alisa? Du weißt besser, als mich bei der Arbeit zu unterbrechen.“ Meine Kehle fühlte sich unglaublich trocken an, und meine Stimme kam als gebrochener Flüsterton heraus. „Arbeit? Nennst du das Arbeit, Jeff? Ich bin gekommen, um meinen Ehemann zu finden. Es ist unser fünfjähriger Hochzeitstag. Ich habe für dich gekocht. Ich habe stundenlang gewartet.“ Jeff runzelte leicht die Stirn, steckte sein Hemd in die Hose. Sein Ton wurde eiskalt. „Ich hab’s vergessen. Und ehrlich gesagt bin ich gerade beschäftigt, Alisa. Geh zurück ins Penthouse. Wir besprechen das morgen, wenn du nicht so emotional bist.“ Keine Entschuldigung. Keine Reue. Es kümmerte ihn nicht einmal, dass er mir das Herz gebrochen hatte. Etwas in meiner Seele riss leise. Fünf Jahre als perfekte, unterwürfige Ehefrau, und ich war nur eine kleine Unannehmlichkeit für ihn. Ich trat zurück, schüttelte den Kopf, während die Tränen endlich über meine Wangen liefen. „Ich verstehe. Ich verstehe genau, was ich für dich bin.“ „Alisa, warte!“, rief Aiden und machte einen Schritt nach vorne. Aber Jeff packte Aidens Arm und zog ihn zurück. „Lass sie gehen“, sagte Jeff kalt, seine Stimme hallte im Raum. „Sie hat sowieso nirgendwo sonst hinzugehen. Sie wird in der Wohnung warten.“ Das war der letzte Schlag. Ich drehte mich um und rannte, bevor die völlige Demütigung mich ersticken konnte. Ich stürmte durch den Korridor, vorbei an den verdutzten Wachen und hinaus durch den Hinterausgang des Clubs in den strömenden Regen. Das kalte Wasser durchnässte mein dünnes Kleid innerhalb von Sekunden, aber es war mir egal. Ich rannte einfach weiter die dunklen, glitschigen Stadtstraßen hinunter, schluchzte laut, der Regen wusch meine Tränen weg. Ich wartete immer wieder auf das Geräusch schwerer Schritte hinter mir. Ich erwartete, dass er mich jagen, meinen Arm packen, mich anlügen, mir irgendein Zeichen geben würde, dass ich ihm wichtig genug war, um darum zu kämpfen. Aber da war nur das hohle Geräusch des Regens auf dem Pflaster. Erschöpft, zitternd und völlig zerbrochen stieß ich die Tür einer stillen, schwach beleuchteten Bar am Rand des Rechtsviertels auf. Ich sackte auf einen Hocker am äußersten Ende der Theke, nasses Haar klebte an meinem Gesicht. Der Barkeeper warf einen Blick auf meine durchnässte, elende Gestalt und kam herüber. Ich schaute mit roten, geschwollenen Augen zu ihm auf. „Gib mir etwas Starkes“, flüsterte ich, die Stimme brach. „Und lass die Flasche stehen.“ Er stellte keine Fragen. Er schenkte nur eine dunkle bernsteinfarbene Flüssigkeit in ein Glas. Ich griff danach und kippte es in einem Zug hinunter. Es brannte in meiner Kehle, aber es fühlte sich gut an. Es betäubte den eisigen Schmerz in meiner Brust. Ich schenkte sofort ein weiteres Glas ein und starrte leer in die bernsteinfarbene Flüssigkeit. „Ich war so dumm“, murmelte ich zu mir selbst, ein bitteres Lachen entwich meinen Lippen. „So unglaublich dumm.“ „Vielleicht“, grollte eine tiefe, unglaublich sanfte Stimme aus den Schatten neben mir. „Aber du bist viel zu schön, um dich in billigem Schnaps zu ertränken, kleiner Wolf.“
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