ALISAS SICHT
Ich blinzelte durch meine verschwommene Sicht und drehte den Kopf in Richtung des Geräuschs.
Der Mann, der drei Barhocker weiter saß, nahm den Raum nicht einfach nur ein. Er beherrschte ihn. Selbst entspannt sitzend, ein Kristallglas in der Hand, schrien seine breiten Schultern und seine machtvolle Haltung nach absoluter Autorität.
Er trug einen perfekt sitzenden anthrazitfarbenen Anzug, der sich um einen massigen, muskulösen Körper schmiegte. Als das gedämpfte Licht von oben sich verschob, fing es die scharfen Winkel seines Kiefers und ein Paar dunkler, durchdringender Augen, die sich in meine bohrten.
Aber es waren nicht nur sein Aussehen, das mir den Atem stocken ließ. Es war sein Duft. Eine schwere, berauschende Welle aus dunklem Zedernholz und frischem Regen strömte in meine Lungen.
In dem Moment, in dem ich ihn einatmete, wurde meine innere Omega vollkommen still. Die hektische, weinende Wölfin in meiner Brust hörte plötzlich auf zu schluchzen. Eine seltsame, elektrische Wärme zuckte tief in meinen Adern auf und besänftigte augenblicklich die rohe Panik, die mich seit dem Verlassen des Clubs würgte.
Ich runzelte die Stirn und versuchte, dem plötzlichen Trost zu widerstehen, den seine Nähe mitbrachte. „Ich habe nicht um Rat gebeten“, murmelte ich und wandte mich wieder meinem Drink zu.
„Musstest du auch nicht“, antwortete er. Ich hörte das leise Gleiten von Leder, als er sich bewegte. Bevor ich aufschauen konnte, war der Hocker direkt neben mir besetzt. Seine schiere Größe versperrte plötzlich den Rest des Raumes und hüllte mich in seine Hitze.
„Aber eine durchnässte, gebrochene Omega zu beobachten, die Whiskey der obersten Preisklasse wie Wasser hinunterstürzt, zieht nun einmal Aufmerksamkeit auf sich.“ Ich rollte mit den Augen und trank weiter, doch er zog mir die Flasche aus der Hand.
„Du hast genug“, fügte er hinzu. Seine Stimme war nicht laut, trug aber das unverkennbare, schwere Gewicht eines Alpha-Befehls.
Unter normalen Umständen hätte eine rangniedrige Omega wie ich den Kopf gesenkt und das Glas weggeschoben. Aber heute Nacht hatte ich nichts mehr zu verlieren.
Die Zurückweisung durch Jeff hatte etwas in mir zerbrochen und einen gefährlichen, rücksichtslosen Funken hinterlassen.
Ich stieß ein müdes, trotziges Lachen aus und sah ihm direkt in die Augen. „Und wer genau bist du, dass du mir sagst, wo meine Grenzen liegen? Du kennst mich nicht. Du weißt nichts über meine Nacht.“
Die Mundwinkel des Mannes zuckten zu einem kleinen, interessierten Lächeln. „Ich weiß, dass das, was dich ohne Mantel in diesen Regen getrieben hat, tief geschnitten haben muss. Und ich kenne diesen Blick in deinen Augen, kleine Wölfin. Es ist der Blick von jemandem, der seine eigene Welt niederbrennen will.“
„Vielleicht will ich das“, flüsterte ich, der Alkohol machte mich gefährlich ehrlich. Ich stützte den Ellbogen auf die Theke und neigte den Kopf zu ihm. „Ich war nur eine törichte, unterwürfige Ehefrau. Ich dachte, wenn ich die perfekten Abendessen koche, das Penthouse sauber halte und still bleibe, würde mein Mann mich irgendwann so ansehen, als würde ich zählen. Es stellte sich heraus, dass ich nur eine Tarnung war. Ein hübscher Schild, um sein wahres Leben zu verbergen.“
Der Fremde unterbrach mich nicht. Sein Gesichtsausdruck härtete nur, seine dunklen Augen folgten der Bewegung meiner Lippen mit schwerer, beschützender Intensität.
„Er ist schwul“, platzte es aus mir heraus, die Worte rissen sich wie gezacktes Glas aus meiner Brust. „Ich habe ihn gerade in seiner VIP-Suite erwischt, wie er mit seinem besten Freund schlief. Er hat den Namen meiner Familie geheiratet, um seinen Rang im Hohen Rat des Rudels sauber zu halten. Fünf Jahre lang war ich nur eine Unannehmlichkeit, die er an unserem Jahrestag vergessen hat.“
Es einem völlig Fremden laut zu sagen, hätte demütigend sein müssen. Stattdessen fühlte es sich wie Freiheit an. Das unsichtbare Halsband, das Jeff fünf Jahre lang um meinen Hals gelegt hatte, fiel ab.
Die entspannte Haltung des Fremden verschwand. Seine Schultern spannten sich, und eine gefährliche, urtümliche Hitze loderte in seinen Augen auf, die die dunklen Iris für einen Sekundenbruchteil in räuberisches Amber verwandelte.
Ein tiefes, rollendes Vibrieren setzte tief in seiner Brust ein – der Laut des Wolfs eines dominanten Alphas, der auf eine Beleidigung gegen etwas reagierte, das er als kostbar betrachtete.
„Er ist ein Narr“, murmelte der Mann, seine Stimme sank in ein tiefes, kiesiges Register, das einen heftigen Schauer direkt meine Wirbelsäule hinunterjagte. „Ein blinder, erbärmlicher Narr.“
Ich betrachtete ihn jetzt richtig, mein Herz raste plötzlich aus einem ganz anderen Grund. Die schiere Aura von Macht, die von diesem Mann ausging, ließ Jeff wie einen Amateur aussehen.
Dieser Fremde war nicht nur ein Alpha. Er war ein wahrer Alpha.
Er war gefährlich, gebieterisch und atemberaubend magnetisch. Meine innere Wölfin flehte mich praktisch an, mich näher zu lehnen, mein Gesicht in seinem Nacken zu vergraben und seinen Duft den Geruch des Moretti-Rudels für immer auslöschen zu lassen.
Eine wilde Welle aus Trotz und Verlangen übernahm meinen Verstand. „Ein Narr“, wiederholte ich, meine Stimme sank zum Flüstern. Ich glitt vom Barhocker, die Beine vom Whiskey etwas unsicher.
Aber ich weichte nicht zurück. Stattdessen trat ich direkt in seinen persönlichen Raum, schloss die Distanz, bis mein feuchtes Kleid an seine teuren Anzughosen streifte. Ich war vollständig von ihm umgeben.
Ich streckte die Hand aus, meine Finger zitterten leicht, als ich sie locker um seinen Nacken legte. Seine Haut brannte heiß gegen meine kalten Handflächen. „Wirst du mir eine gute Zeit bereiten, Alpha? Wirst du mich vergessen lassen?“
Seine Augen verdunkelten sich sofort, die Pupillen weiteten sich, bis sie fast ganz schwarz waren. Der Zedernholzduft in der Luft wurde d**k und besitzergreifend.
„Du bist betrunken, Schätzchen“, knurrte er leise, seine Hände kamen hoch und schwebten nur einen Zentimeter von meiner Taille entfernt, übten eine brutale Menge Zurückhaltung. „Und du spielst mit einem Feuer, das du nicht verstehst. Wenn ich dich aus dieser Bar mitnehme, bringe ich dich nicht zurück.“
„Gut“, erwiderte ich, meine Finger krallten sich in das kurze, dichte Haar an seinem Nacken und zogen ihn einen Bruchteil eines Zolls herunter. „Fünf Jahre lang hat mich niemand berührt, als würde ich gewollt. Mein Körper hungert. Ich muss diese Nacht vergessen, oder ich verliere vollständig den Verstand.“
Ich wartete nicht auf seine Antwort. Ich beugte mich vor und presste meine Lippen fest auf seine. Ich hatte halb erwartet, dass er mich wegstoßen würde, mich zurückweisen wie alle anderen.
Stattdessen zerbrach seine Zurückhaltung in dem Moment, in dem sich unsere Lippen berührten, vollständig. Ein tiefes Knurren riss sich aus seiner Kehle, als seine große Hand wie ein stählerner Schraubstock um meine Taille klammerte und mich fest gegen seine harte, solide Brust zog.
Seine andere Hand verfing sich in meinem nassen Haar, kippte meinen Kopf zurück, während er meinen Mund vollständig in Besitz nahm. Der Kuss war tief, fordernd und erfüllt von einer wilden, berauschenden Gewissheit, die meine Knie vollständig nachgeben ließ.
Hätte er mich nicht so fest gehalten, wäre ich zu Boden gesunken.
Er zog sich nur einen Hauch zurück, sein Atem rau und heiß gegen meine geschwollenen Lippen. Seine Amberaugen durchsuchten meine mit einer erschreckenden Intensität.
„Wirst du das morgen bereuen, Schätzchen?“
Der kiesige Rand in seiner Stimme ließ meinen Kern mit plötzlichem, verzweifeltem Hunger schmerzen. Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte nur den Kopf schütteln, die Augen fest auf ihn gerichtet.
Seine Zurückhaltung verdampfte vollständig. „Mein Penthouse ist nah“, knurrte er gegen mein Ohr, seine Zähne streiften die empfindliche Haut meines Kiefers.
Bevor ich überhaupt aufkeuchen konnte, hakte er die Arme unter meine Oberschenkel und hob mich mühelos hoch. Instinktiv schlang ich die Beine um seine Taille und versteckte das Gesicht in der Beuge seines Nackens, während er mich an dem verdutzten Barkeeper vorbei und hinaus auf die Straße trug.
Jeder Atemzug seines Dufts fühlte sich wie ein Rettungsanker an, und zum ersten Mal seit fünf Jahren war mir der morgige Tag egal.
Als wir im Hotel ankamen, hob er mich mühelos und steuerte geradewegs auf die Aufzüge zu. Die Fahrt war schnell. In dem Moment, in dem sich die Türen zu seinem Penthouse öffneten, trug er mich direkt in sein großes Schlafzimmer.
Der Raum roch vollständig nach ihm. Nach Zedernholz und Regen. Er setzte mich auf die Füße, aber bevor ich mich bewegen konnte, drückte er mich gegen die Schlafzimmertür.
Er war riesig, und seine dunklen Augen leuchteten in einem hellen Amber. Meine Hände zitterten, aber das war mir egal. Ich packte seine Anzugjacke und versuchte, sie ihm vom Leib zu ziehen. Ich musste seine warme Haut spüren.
Ich musste Jeff und das Schreckliche vergessen, das ich gerade im Club gesehen hatte. „Langsamer“, flüsterte er, fing meine Hände und hielt sie sanft über meinem Kopf gegen die Tür.
Ich gab einen kleinen Laut von mir, wollte ihn näher. Er beugte sich, bis seine Lippen fast die meinen berührten. „Sieh mich an“, befahl er. Seine Stimme ließ meine innere Wölfin sofort gehorchen. „Du riechst nach einem anderen Mann, kleine Wölfin. Das treibt meinen Wolf in den Wahnsinn.“
„Tu es“, keuchte ich. „Bitte.“ Er ließ meine Hände los und packte meine Oberschenkel. Er hob mich leicht hoch, und ich schlang die Beine um seine Taille.
Er ging zum Bett und drückte mich in die weichen Laken, presste mich unter seinem schweren Körper fest. In dem Moment, in dem wir uns verbanden, schoss eine Schockwelle direkt durch meine Seele.
Ich stieß einen lauten Schrei aus. „Oh … Gott!“ Es war nicht kalt oder distanziert wie immer bei Jeff. Dieser Fremde bewegte sich mit roher, verzweifelter Hitze. Er füllte die leere Sehnsucht, die ich fünf Jahre lang getragen hatte, und schickte reines Vergnügen direkt durch meinen Körper.
Meine innere Wölfin wurde wild. Sie erkannte ihn sofort. Mate. Das Wort füllte meinen Geist, aber ich schob es beiseite, glaubte, ich hätte es mir eingebildet.
Er setzte einen schnellen, schweren Rhythmus an, der mir den Kopf schwindelig machte. Seine großen Hände hielten meine Hüften fest und bewegten mich mit ihm. Ich grub die Fingernägel in seine breiten Schultern, mein Körper spannte sich, während das Vergnügen in mir aufbaute.
„Sieh mich an“, knurrte er, seine Stimme tief und rau. Ich öffnete die Augen. Er starrte direkt auf mich, beobachtete mein Gesicht, stellte sicher, dass ich ihn ansah.
„Bitte“, weinte ich gegen seinen Nacken. Tränen liefen mir über das Gesicht, weil es zu viel war. Ich hatte noch nie so etwas gespürt. Ich hatte nie gewusst, dass berührt werden sich so gut anfühlen kann.
„Ich hab dich“, grollte er. Sein Tempo wurde härter und schneller, als wir beide die Grenze erreichten. Das Vergnügen explodierte wie Feuer. Ich schrie laut auf, als mein ganzer Körper in einer heftigen Erlösung zitterte.
Über mir stieß der Alpha einen lauten, tiefen Schrei aus. Seine Muskeln wurden vollkommen steif, und er hielt mich fest, während er in mir kam und mich mit seiner Wärme füllte.
Er sank auf meine Brust, vergrub das Gesicht in meinem Nacken und atmete mich ein. Sein schwerer Herzschlag pochte gegen meinen. Ich war völlig erschöpft.
Zwischen dem Alkohol, dem Weinen von vorhin und der intensiven Hitze seines Körpers wurden meine Augen schwer.
Der besänftigende Duft von Zedernholz und Regen hüllte mich ein, und ich schloss die Augen und fiel in einen tiefen Schlaf.