ALISAS SICHT
Die Stadtlichter verschwammen hinter den getönten Fenstern von Kaels schlankem schwarzen SUV, während er sich durch den nächtlichen Verkehr schnitt. Ich saß auf dem Beifahrersitz, mein Handy wie eine scharfe Granate auf dem Schoß. Jeffs Text brannte immer noch auf dem Bildschirm.
„Ich weiß Dinge über deinen neuen ‚Anwalt‘, die euch beide verbrennen werden.“
Ich hatte es Kael noch nicht gesagt. Nicht, solange wir noch in der Marmor-und-Glas-Festung von Draven & Blackwood waren. Nicht, solange seine Finger in mir gewesen waren und sein Duft jeden rationalen Gedanken in meinem Kopf kurzgeschlossen hatte. Jetzt, im ruhigen Summen des Autos, kroch der Zweifel wieder herein wie kalter Nebel.
„Du bist still“, sagte Kael, die Stimme tief. Eine Hand lag am Lenkrad, die andere lag lässig über der Mittelkonsole – nah genug, dass seine Finger meinen Oberschenkel streifen konnten, wenn er wollte. Er hatte mich nicht berührt, seit wir das Büro verlassen hatten. Professionelle Zurückhaltung, nannte er es. Mein Körper nannte es Folter.
„Ich verarbeite“, murmelte ich und starrte auf die vorbeiziehenden Wolkenkratzer. „Heute Morgen habe ich noch auf der Couch in meinem Restaurant geschlafen. Jetzt sitze ich in einem Auto mit einem Mann, der… der…“
„Der dich auf seinem Schreibtisch hat kommen lassen?“ Er beendete den Satz ohne Scham, ein dunkles Lachen grollte in seiner Brust. Der Laut vibrierte direkt zwischen meinen Beinen. „Sag es, kleine Wölfin. Kein Verstecken mehr.“
Hitze flutete mein Gesicht. „Ja. Das.“ Ich drehte mich um, um ihn anzuglotzen, aber der Blick löste sich auf, als ich seinen Augen begegnete. Bernsteinfarbene Flecken leuchteten noch schwach im Armaturenbrettlicht. „Jeff weiß, dass ich zu dir gekommen bin. Er hat dich bedroht. Uns.“
Kaels Ausdruck veränderte sich nicht, aber die Luft im Auto wurde schwerer, d**k von Alpha-Dominanz. Sein Duft schärfte sich – Zedernholz wurde zu Sturmwinden und Blitz. „Lass ihn drohen. Ich habe darauf gewartet, dass er die Zähne zeigt.“
Er fuhr in die Tiefgarage eines glänzenden Turms, der mein Penthouse bescheiden aussehen ließ. Privater Aufzug. Penthouse-Etage. Natürlich. Als sich die Türen direkt in sein Zuhause öffneten, erstarrte ich auf der Schwelle.
Alles war klare Linien, dunkles Holz und bodentiefe Fenster mit Blick auf die glitzernde Stadt. Minimalistisch, mächtig, kontrolliert. Genau wie er. Aber es gab warme Touches – Lederbücher auf niedrigen Regalen, eine massive Felldecke auf dem Sectional, die perfekt aussah, um sich in Wolfsgestalt hineinzurollen. Der ganze Raum roch nach ihm. Nach „uns“.
„Das Gästezimmer ist den Flur runter“, sagte er und stellte meine kleine Übernachtungstasche an die Tür. Er hatte jemanden Kleider und Essentials aus meinem Restaurant holen lassen, während wir im Meeting waren. Effizient. Erschreckend. „Oder mein Zimmer. Deine Wahl. Kein Druck.“
Meine Wölfin wollte sein Zimmer. Wollte sich in seinen Laken wälzen und sich in diesem Duft einhüllen, bis Jeffs abgestandene Rudelmarkierung für immer verblasste. Ich schluckte schwer. „Gästezimmer. Fürs Erste.“
Kaels Grinsen war wissend. „Fürs Erste.“
Er bestellte Abendessen – rares Steak, geröstetes Gemüse, eine Flasche tiefen Rotweins – während ich duschte. Das heiße Wasser wusch weder den Schmerz zwischen meinen Schenkeln noch die Erinnerung an seine Finger fort. Als ich in weichen Lounge-Hosen und einem seiner übergroßen Hemden herauskam (ich hatte es „aus Versehen“ aus dem Gästeschrank gegriffen), wartete er in der offenen Küche, Ärmel hochgekrempelt, Unterarme sehnig mit Muskeln.
„Iss“, befahl er sanft und schob einen Teller über die Marmorinsel. „Dann reden wir über Strategie.“
Wir aßen in geladener Stille. Jedes Mal, wenn sich unsere Blicke trafen, zog die Bindung fester. Meine Haut summte. Als wir ins Wohnzimmer wechselten, war ich rastlos und ging nahe den Fenstern auf und ab.
„Jeffs Familie hat Verbindungen im Rudelrat“, sagte ich schließlich. „Geld. Dreck auf die halbe Stadt. Wenn er bei dir gräbt—“
„Hat er schon.“ Kael lehnte sich auf dem Sectional zurück und sah aus wie der rücksichtslose Räuber in Ruhe. „Mein Team hat Gegenmaßnahmen gestartet, in dem Moment, als du in mein Büro gekommen bist. Finanzunterlagen, Offshore-Konten, Aidens kleine Nebengeschäfte. Dein Ehemann ist nicht so vorsichtig, wie er denkt.“
Ich hörte auf zu gehen. „Du hast ihn seit letzter Nacht untersucht?“
„Seit der Bar.“ Sein Blick nagelte mich fest. „In dem Moment, als ich dich gerochen habe, Alisa, bist du zum Zentrum meiner Welt geworden. Ich beschütze, was mir gehört.“
Da war es wieder. „Meins.“ Ein Teil von mir schmolz. Der andere Teil – der Teil, der fünf Jahre Jeffs dekorative Omega gewesen war – sträubte sich. „Ich bin kein Eigentum, Kael. Nicht deins, das du beschützt wie etwas Zerbrechliches.“
Er stand langsam auf und schlich auf mich zu, bis mein Rücken gegen das kühle Glas drückte. Die Stadt funkelte hinter mir; seine Hitze umhüllte mich von vorne. „Nicht zerbrechlich. Niemals das. Aber du *bist* meins. Die Bindung lügt nicht. Deine Wölfin weiß es. Dein Körper weiß es.“ Seine Hand hob sich und schwebte über der Kurve meines Nackens, wo eine Claim-Marke sitzen würde. „Ich rieche, wie nass du immer noch bist. Wie sehr du willst, dass ich dich festnageln und dir genau zeigen, zu wem du gehörst.“
Ein Wimmern entkam mir. Meine Nippel zogen sich gegen das weiche Hemd zusammen. „Das geht zu schnell. Ich habe ihn gerade erst verlassen. Ich kann nicht—“
„Du kannst.“ Sein Atem streifte meine Lippen. „Und du wirst. Aber nicht heute Nacht. Heute Nacht planen wir. Morgen kämpfen wir. Wenn es vorbei ist, knote ich dich so gründlich, dass du jede kalte Nacht vergisst, die er dir gegeben hat.“
Das grobe Versprechen schickte eine Welle Slick, die meine Unterwäsche durchtränkte. Ich presste die Schenkel zusammen, beschämt und schmerzhaft erregt. Kael atmete tief ein, die Augen halb geschlossen vor reiner männlicher Zufriedenheit.
„Bett, kleine Wölfin. Bevor ich jede ethische Grenze breche, die ich heute gesetzt habe.“
Ich floh wie eine Feigling ins Gästezimmer, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Stunden später schlich ich barfuß den Flur entlang zur Küche, um Wasser zu holen. Licht fiel aus dem Wohnzimmer. Kael war dort, ohne Hemd, ging mit einem Tablet in der Hand auf und ab. Narben kreuzten seinen Rücken und die Schultern – alte Kämpfe, Macht, die in Blut verdient worden war. Mondlicht versilberte die starken Linien seines Körpers. Mein Mund wurde trocken.
Er spürte mich sofort. „Konntest nicht schlafen?“
„Die Bindung… sie zieht“, gab ich zu und trat näher. „Wie ein Jucken unter der Haut.“
Er legte das Tablet beiseite. „Komm her.“
Ich ging. Er zog mich auf seinen Schoß auf dem Sectional und ordnete mich so, dass ich einen dicken Oberschenkel ritt. Nicht sexuell. Nicht ganz. Einfach nah. Seine Arme schlangen sich um mich, eine Hand strich langsame Kreise auf meinem Rücken.
„Erzähl mir vom Restaurant“, sagte er leise. „Dem echten. Nicht der Version mit Jeffs Namen drauf.“
Also tat ich es. Ich erzählte ihm, wie ich jedes Menüitem entworfen, für das offene Küchenlayout gekämpft und meine Seele hineingegossen hatte, um einen Raum zu schaffen, in dem Omegas sich sicher und gesehen fühlen konnten. Wie es das Einzige gewesen war, das mich bei Verstand gehalten hatte. Seine Hand hörte nie auf zu streichen, zu beruhigen, zu erden.
„Du behältst es“, versprach er. „Erweitert. Umbenannt unter *deinem* Namen. Moretti wird Geschichte.“
Tränen stachen in meine Augen. „Warum bist du so? Nach einer Nacht?“
„Weil du meine Schicksalsgefährtin bist. Weil ich genug zerbrochene Omegas in meiner Karriere gesehen habe, um zu wissen, wie echte Stärke aussieht. Du bist mit nichts als Wut und einer Visitenkarte von ihm weggelaufen. Das ist die Frau, die ich an meiner Seite will.“ Er drückte einen Kuss auf meine Schläfe. „Schlaf hier. Lass mich dich halten. Nichts weiter.“
Ich hätte nein sagen sollen. Stattdessen kuschelte ich mich an seine Brust und atmete diesen perfekten Duft ein. Sein Herzschlag stabilisierte meinen. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich… sicher.
Der Morgen kam zu früh. Wir waren um acht in seinem Home Office, Blackwood kam per Video dazu. Dokumente lagen auf dem Tisch – Kontoauszüge, eidesstattliche Erklärungen, Fotos von Jeff und Aiden, die mir den Magen umdrehten.
„Emotionale Verlassenheit, finanzielle Nötigung, öffentliche Untreue“, listete Blackwood auf. „Wir haben genug für vorläufige Sofortmaßnahmen. Aber Jeff hat heute Morgen einen Gegenantrag eingereicht. Er behauptet, *du* hättest die eheliche Wohnung verlassen und seist in einer unangemessenen Beziehung mit dem Anwalt.“
Mein Blut gefror. „Er dreht es.“
Kaels Kiefer spannte sich. „Natürlich tut er das. Wir werden es zerschmettern. Alisa, ich brauche von dir eine vollständige Aussage. Alles. Nichts zurückhalten.“
Ich tat es. Die Worte taten diesmal weniger weh, mit Kaels ruhiger Präsenz an meiner Seite, seiner Hand, die gelegentlich unter dem Tisch meine streifte. Als ich die Jahrestagsnacht beschrieb, war sein Knurren so leise, dass nur ich es hörte. Beschützend. Besitzergreifend. Perfekt.
Am Nachmittag hatten wir einen Plan. Gerichtstermin in drei Wochen. Anträge auf Vermögenssperre. Eine öffentliche Erklärung, um das Narrativ zu kontern.
Aber als Blackwood sich abmeldete, klingelte mein Handy. Meine Mutter.
Ich nahm auf Lautsprecher an und stählte mich.
„Alisa, das ist zu weit gegangen“, zischte sie. „Jeffs Familie ist wütend. Sie reden davon, die Verbindungen komplett abzubrechen. Die Verlobung deiner Schwester ist wegen dieses Skandals, den du verursachst, in Gefahr.“
„Mama“, sagte ich, die Stimme überraschend ruhig. „Er hat mich benutzt. Fünf Jahre lang. Ich bin fertig damit.“
„Du wirfst alles weg für irgendeinen Alpha-Anwalt, der wahrscheinlich nur zwischen deine Beine will“, schnappte sie.
Kaels Augen blitzten gefährlich. Er beugte sich vor. „Frau was-auch-immer-Ihr-Name-ist. Das ist Kael Draven. Ihre Tochter steht jetzt unter meinem Schutz. Sprechen Sie noch einmal so mit ihr, und ich sorge dafür, dass die verbliebenen Allianzen Ihrer Familie bis morgen austrocknen.“
Stille. Dann war die Leitung tot.
Ich starrte ihn an, das Herz raste. „Das musstest du nicht—“
„Doch.“ Er zog mich nah heran, die Stirn an meiner. „Niemand macht dich mehr klein. Nicht Jeff. Nicht deine Mutter. Nicht einmal deine eigenen Zweifel.“
In dieser Nacht wurde der Zug unerträglich. Wir hatten keinen s*x – Kael hielt die Linie mit eiserner Kontrolle – aber wir küssten uns, bis meine Lippen geschwollen waren und mein Körper sang. Langsame, tiefe Küsse, die sich wie Gelübde anfühlten.
Seine Hände kartierten meine Kurven über der Kleidung, ehrfürchtig und hungrig. Als ich endlich in seinen Armen auf der Couch einschlief, sein Duft mich markierend, träumte ich von Wölfen, die zusammen unter dem Mond frei liefen.
Aber Freiheit kam immer mit Zähnen.
Am nächsten Morgen tauchte ein Zusteller im Restaurant mit Papieren auf. Jeff kämpfte nicht nur gegen die Scheidung.
Er kam nach meinem Geschäft. Und er zog Kaels Vergangenheit mit in den Dreck.
Ich stand mitten in meinem Restaurant, die Papiere zitterten in meinen Händen, als die ersten Risse des echten Krieges sichtbar wurden.
Kaels Text kam Sekunden später: „Ich komme. Atme. Wir brennen heller zusammen.“
Ich lächelte durch die Angst.
Sollen sie nur kommen.