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1425 Words
ALINA Der Wagen hielt, und unser Fahrer stieg aus, um uns die Tür zu öffnen. Zuerst entschlüpfte Clara dem Wagen, dann ich; sofort gewitterte es Blitzeinschläge von den Kameras. „Miss von Dunkelfeld, Sie sehen umwerfend aus! Von wem ist das Kleid?“, rief jemand aus der Menge. „Chanel“, antwortete ich mit einem gewinnenden Lächeln. Ich hakte mich bei Clara unter, und wir posierten für die Fotografen – erst gemeinsam, dann jede für sich. Dies war der einzige Ort, an dem ich mich freiwillig ablichten ließ. Ich war mir bewusst, was für ein Privileg es war, hier zu sein; es war mir eine Ehre, diese wahnsinnig talentierten Designer zu unterstützen. Nach all den Aufmerksamkeiten, die sie mir ständig zukommen ließen, war ich ihnen diese Publicity einfach schuldig. Clara und ich schlenderten Hand in Hand durch die Vorhalle direkt in die Chanel-Halle. „Guten Abend.“ Der Platzanweiser lächelte uns an. Er trug einen perfekt sitzenden Smoking und hätte glatt als Model durchgehen können. Claras Augen wurden groß, und sie strahlte ihn an. „Hallo.“ Ich reichte ihm unsere Einladungskarten. „Hier entlang, bitte.“ Er ging voraus, um uns zu unseren Plätzen zu führen. „Ganz schön lecker“, flüsterte Clara. Er brachte uns zu unseren Plätzen in der ersten Reihe, und wir ließen uns nieder. „Das wird einfach nie langweilig“, flüsterte Clara wieder. „Hast du David Beckham an der Tür gesehen?“ „Nein.“ Ich warf einen kurzen Blick zurück zum Eingang. „Wo? Ich seh ihn nicht.“ „Na, der mit dem ‚Fuck-me‘-Shirt.“ „Ist der nicht langsam ein bisschen alt?“ „Von wegen! Der ist wie ein guter Wein, der wird mit jedem Jahr schärfer.“ Ich kicherte leise. „Gut zu wissen.“ Die Musik erfüllte den Raum, und das Licht wurde gedimmt; eine erwartungsvolle Stille legte sich über das Publikum. Ich liebte die Fashion Week – den Trubel der Presse, die gespannte Vorfreude auf die neuen Kollektionen, selbst die klatschüchtigen Paparazzi gehörten hier einfach dazu. Ein funkiger Beat dröhnte aus den Lautsprechern, und ich musste lächeln. Ich liebte diesen Song: „Give It To Me Baby“ von Jarina De Marco. Der ganze Saal hielt kollektiv den Atem an, als das erste Model über den Laufsteg schwebte. Dunkelhaarig und mit elfenhaften Zügen – die perfekte Eröffnung für die Show. „Die Jacke ist der Wahnsinn“, flüsterte Clara. „Ich wünschte, die hätten sie dir geschickt.“ „Ich auch“, erwiderte ich mit einem schiefen Grinsen, ohne den Blick abzuwenden. Ein Model folgte auf das nächste, eine Schönheit nach der anderen. Während die Show voranschritt und die Abendkleider präsentiert wurden, ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen – und erstarrte mitten in der Bewegung. Was zum…? Dort, im Halbdunkel auf der anderen Seite des Laufstegs, saß Moritz in der ersten Reihe. Sein Blick war starr auf den Runway gerichtet; ich glaubte nicht, dass er mich schon bemerkt hatte. Ruckartig sah ich weg. Wie konnte er es wagen, hier aufzukreuzen! Das hier war mein Revier. Hamburg war mein Rückzugsort, fern von ihm und allem, was mit Amerika zu tun hatte. Unauffällig setzte ich meine dunkle Sonnenbrille auf. Ich hoffte, dass er mich so nicht erkennen würde – außerdem konnte ich ihn so beobachten, ohne dass er es merkte. „Was machst du da?“, flüsterte Clara. „Das Licht tut meinen Augen weh“, log ich. „Gott, wie schräg ist das denn bitte?“, gab sie zurück. „Vielleicht kriegst du ja gleich einen epileptischen Anfall oder so.“ „Kann sein.“ Ich senkte den Kopf, um mein Lächeln zu verbergen. Typisch Clara, dass sie mich sofort durchschaute. Ich hielt den Kopf starr nach vorn gerichtet, aber meine Augen wanderten zur Seite. Er starrte mich direkt an. Oh nein. Wie konnte er es wagen, überhaupt in meine Richtung zu sehen! Ich straffte die Schultern und machte den Rücken ganz gerade. Er beobachtete mich weiter… und weiter… und weiter… Was zur Hölle bildete er sich ein? Interessierte er sich überhaupt für die Show? Ich jedenfalls nicht mehr, jetzt, wo mein unerträglicher Bastard von einem attraktiven Bruder hier war. Gott, dieser Satz war so falsch, ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Er trug Jeans und ein Tweed-Sakko über einem weißen T-Shirt; die Beigetöne brachten sein dunkles Haar und seine markante Kieferpartie perfekt zur Geltung. Sie hätten ihn als Model buchen sollen; er war der attraktivste Mann in dieser verdammten Halle… oder auf dem ganzen Planeten. Ugh… warum war er hier? Seine Worte hallten zum zehntausendsten Mal in meinem Kopf wider: „Verpiss dich zurück nach Amsterdam und heirate, Alina. Ich will dich nicht mehr sehen. Nie wieder. Dein spießiges Vanilla-Life ist verdammt langweilig, und mich interessiert absolut nichts von dem, was du zu sagen hast.“ Gut… genau das würde ich tun. Heiraten. Einen normalen Menschen, der kein verdammtes Arschloch war. Ich riss meinen Blick von ihm los und versuchte, mich auf die Show zu konzentrieren. Fünf Minuten später schritt eines der Topmodels den Laufsteg hinunter, und ich beobachtete sie voller Bewunderung… sie war wirklich wunderschön. Sie versprühte puren Sexappeal und Selbstbewusstsein. Ich lächelte, während ich ihren Walk beobachtete; ich musste zugeben, sie riss die Hütte ab. Go Girl. Sie erreichte das Ende des Laufstegs, beugte sich vor und warf Moritz eine Kusshand zu. Er grinste sie an und antwortete mit einem anzüglichen Zwinkern. Was? Sie war mit ihm hier? Ugh… Das war das Model aus der Zeitung. Natürlich, jetzt ergab alles einen Sinn. Das Puzzle, warum er hier war, setzte sich zusammen. Arschloch. Kein Wunder, dass er mich nicht mehr sehen wollte. Da machte ich mir nach der Beerdigung Sorgen um seine Gefühle, und er vergnügte sich währenddessen mit der heißesten Frau der Welt. Typisch. Ich ballte die Hände in meinem Schoß zusammen; ich war rasend vor Wut. Mir wurde heiß, ich fing an zu schwitzen – ich hätte in diesem Moment buchstäblich jemanden erstechen können. Ihn. Nur ihn. Alles drehte sich immer nur um ihn… diesen dämlichen, kriminellen, frauenverbrauchenden Mistkerl. „Oh mein Gott“, flüsterte Clara, als sie ihn entdeckte. „Pst!“, herrschte ich sie an. „Ich hab’s gesehen.“ „Die sind zusammen?“ „Wen juckt das bitteschön?“, fuhr ich sie an. „Gott, stell dir mal deren Babys vor.“ Ich presste den Kiefer so fest zusammen, dass meine Zähne fast knackten. „Lieber nicht.“ Der Rest der Show war nur noch ein einziger Nebel. Ich konnte mich nicht konzentrieren, konnte den Moment nicht genießen oder mich entspannen. Ich wollte nur noch weg. Weit, weit weg von ihm und allem, wofür er stand. Die Untreue meines Vaters, die Korruption meiner Familie und mein Verlangen nach einem Mann, der sich als mein Bruder herausgestellt hatte. Gott, ich konnte es nicht fassen. Alles, was Moritz von Dunkelfeld tat, war, mich fertigzumachen. Er säte Zweifel in mir – an meinem Leben, an Erik – und war dann so grausam zu mir, dass ich mich in den Schlaf weinte, während es ihm völlig egal war. Wozu das Ganze? Warum gab er sich überhaupt die Mühe? Er hatte eine Freundin, und nicht irgendeine, sondern die verdammte Amber Lopez. Das Finale begann, und ich hielt es keine Sekunde länger aus. Ich lehnte mich zu Clara rüber. „Wir treffen uns draußen.“ „Was?“ „Ich muss jemanden sprechen.“ „Wen denn?“ Ohne ein weiteres Wort stand ich auf und bahnte mir meinen Weg nach draußen. Ich stürmte durch die Türen und wurde von Sonnenlicht und frischer Luft empfangen. Ich legte den Kopf in den Nacken und ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen. „Was treibst du da?“, sagte eine tiefe Stimme. Ruckartig öffnete ich die Augen. Moritz stand direkt vor mir. Wir starrten uns an, und verdammt, es war wieder da. Dieses Knistern in der Luft, das mir den Atem raubte. Plötzlich fühlte ich mich völlig instabil. Ich wollte ihm am liebsten mitten ins Gesicht schlagen, ihm irgendetwas Schreckliches an den Kopf werfen – alles, um ihn so zu verletzen, wie er mich verletzte. Aber ich tat es nicht. Denn ich war besser als das und definitiv viel zu gut für ihn. Ohne ein Wort drehte ich mich um und ging zu meinem Wagen. Mein Fahrer hielt mir die Tür offen, und ich stieg ein. Er verdiente keine Antwort. Ich schuldete ihm gar nichts. Moritz von Dunkelfeld war für mich gestorben.
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