MORITZ
Zehn Minuten später tauchte sie in dem eng anliegenden schwarzen Kleid und den High Heels auf, die sie schon gestern Abend getragen hatte. Einfach großartig.
Sie sah unverschämt gut aus – wie ein verdammter Blickfang, dem man sich nicht entziehen konnte. Ich wünschte mir, sie würde einen Müllsack tragen … und eine Gorillamasken. Ein massiver Keuschheitsgürtel wäre auch nicht schlecht gewesen. Blickkontakt, starr ihr bloß in die Augen. Schau nicht an ihr runter.
„Bist du fertig?“, fragte sie.
Und wie ich das war!
„Hm-m.“
Ich ging den Flur entlang zur Haustür. Sie folgte mir nach draußen und wir stiegen in den Fahrstuhl. Ich starrte stur geradeaus und schwieg. Wenn ich den Mund nicht aufmachte, konnte ich mich auch nicht wie ein Arschloch aufführen. Es sollte mich nicht verdammt noch mal aufregen, dass sie ihr Leben ohne mich weiterführte, aber genau das tat es.
„Wann bist du heute fertig?“, fragte ich während der Abwärtsfahrt.
„Gegen zwei.“
„Welche Hotelkette ist das?“
„The Remington.“
Ich gezog die Stirn in Falten. „Davon habe ich noch nie gehört.“
„Das ist eine kleine, luxuriöse Boutique-Kette.“
„Okay. Für wie viel Uhr soll ich deinen Flug buchen?“
„Hm, ich weiß nicht, vielleicht gegen fünf?“
„Nach Hamburg?“
Sie sah zu mir rüber und unsere Blicke verfingen sich ineinander. In diesem Moment gingen die Fahrstuhltüren auf und unterbrachen die Spannung.
„Ja, nach Hamburg“, antwortete sie.
Sie flog also zurück zu ihm.
„Schön“, schnauzte ich, stürmte hinaus und durchquerte das Foyer. Natürlich tat sie das, er war schließlich ihr verdammter Verlobter. Ich merkte, wie mein Blut zu kochen begann, während ich aus dem Gebäude marschierte. Ich hielt ihr die Autotür auf; sie stieg ein und ich knallte die Tür hinter ihr zu. Ich ertrug es nicht mal, in ihrer Nähe zu sein. Wenn ich jetzt mit ihr mitgefahren wäre, wäre ich explodiert und hätte Dinge gesagt, die mir leid getan hätten.
Das Arschloch vom Dienst. Diese Frau machte mich verdammt noch mal wahnsinnig.
Ich wandte mich an ihren Fahrer. „Bringen Sie Alina zurück zum Hotel, damit sie auschecken kann, und begleiten Sie sie danach zur Arbeit. Ich will heute das volle Team um sie herum haben.“
„Sehr wohl, Sir.“
Sie kurbelte das Fenster herunter und sah zu mir auf. „Du kommst nicht mit?“
„Nein.“
„Sehen wir uns heute Nachmittag?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Ich habe noch einiges zu erledigen“, log ich.
„Oh …“
„Schönen Tag noch.“ Ich klopfte auf das Autodach und noch bevor ich sie ein weiteres Mal ansehen musste, drehte ich mich um und ging zurück ins Gebäude.
Im Fahrstuhl rief ich in meinem Büro an.
„Hey, Boss.“
„Hallo, Marcus. Ich brauche ein paar Informationen von dir.“
„Natürlich.“
„Kannst du irgendetwas Relevantes über die Eigentümer der Remington-Hotelkette herausfinden?“
„Geht klar. Wo sitzt die Kette?“
„Die sind weltweit vertreten. Details weiß ich nicht, aber ich weiß, dass sie ein Hotel in Barcelona haben.“
„Ich kümmere mich drum, Boss“, sagte er, hielt dann aber kurz inne. „Ist irgendwas nicht in Ordnung?“
„Nein. Alina arbeitet zurzeit für sie. Ich will nur sichergehen, dass sie dort sicher ist.“
„Gute Idee.“
„Okay, melde dich bei mir.“
„Geht klar.“
Die Fahrstuhltüren öffneten sich, ich schritt hinaus, ging zurück in mein Apartment und direkt in das Schlafzimmer, in dem Alina geschlafen hatte. Ohne nachzudenken, griff ich nach dem Kissen, auf dem sie gelegen hatte, und atmete tief ihren Duft ein. Ich schloss die Augen, während ihr Aroma meine Sinne vernebelte. Sanft und erregend, wie eine Erinnerung an den Himmel.
Ich tat es wieder und wieder … bis mir plötzlich klar wurde, was ich da eigentlich trieb. Angewidert pfefferte ich das Kissen gegen die Wand.
Was zur Hölle ist bloß los mit dir … sie ist deine Schwester. Du krankes Schwein.
Ich fuhr mir mit den Händen durchs Haar und stürmte wieder nach unten. Während ich die Stufen jeweils zu zweit nahm, tätigte ich den nächsten Anruf. Ich musste hier einfach verdammt noch mal raus.
„Hey, Boss.“
„Bereite die Flugzeuge für heute Nachmittag vor.“
„Flugzeuge? Im Plural?“
„Zwei. Eines nach Hamburg und eines nach München.“