ALINA
„Könnten Sie bitte jetzt die Grundfläche des Festsaals ausmessen?“, fragte ich meinen Assistenten, während ich die Details des letzten Zimmers notierte, das wir vermessen hatten.
Herr Aschenbrand hatte mir heute freundlicherweise zwei Gehilfen zur Seite gestellt. Es waren die hauseigenen Handwerker des Hotels, und heute legten sie sich für mich mächtig ins Zeug. Ich wusste, dass die Maße in den Bauplänen standen, aber ich wollte jedes noch so kleine Detail dreifach absichern.
„Geht klar.“
„Fräulein von Dunkelfeld.“ Ich hörte eine tiefe Stimme hinter mir.
Erschrocken drehte ich mich um und blickte in das Gesicht eines Mannes. „Ja, hallo.“
Er lächelte herzlich und reichte mir die Hand. „Ekkehard Fehling.“
„Hallo.“ Ich lächelte überrascht zurück. Wer war denn dieses Prachtexemplar?
Er schmunzelte, wohlwissend, wie gut er aussah. Er mochte Anfang dreißig sein, hatte dunkles, leicht lockiges Haar, große blaue Augen und war kräftig gebaut.
„Meine liebe Alina“, ertönte eine vertraute, tiefe Stimme. Ich wandte mich Herrn Aschenbrand zu, der gerade den Raum betrat.
„Hallo, Herr Aschenbrand.“
Er reichte dem Mann die Hand. „Darf ich Ihnen meinen Operations Manager vorstellen? Das ist Ekkehard Fehling. Ekkehard, das ist Alina von Dunkelfeld, unsere Chefdesignerin aus Hamburg.“
„Guten Tag. Freut mich sehr.“
„Ganz meinerseits“, erwiderte er, und sein Blick verweilte einen Herzschlag länger auf mir, als es nötig gewesen wäre.
Hm …
„Ich wollte, dass Sie beide sich kennenlernen. Ekkehard wird von hier an das Meiste übernehmen, Alina“, erklärte Herr Aschenbrand.
„Oh, okay.“ Ich lächelte erstaunt.
„Er ist der CEO unserer Hotelkette, und Sie werden eng mit ihm zusammenarbeiten.“
„Großartig.“ Ich setzte ein falsches Lächeln auf. Mist … sollte ich ihm jetzt oder erst später sagen, dass ich nicht oft nach Barcelona kommen konnte?
„Dann überlasse ich Sie mal Ihrer Arbeit.“ Herr Aschenbrand lächelte uns beide abwechselnd an. „Ekkehard ist über alles im Bilde, und nach unserem gestrigen Tag, Alina, habe ich vollstes Vertrauen in Ihre Entwürfe und Konzepte.“
„Vielen Dank.“ Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf. „Haben Sie Ihre Büroräume hier im Haus, Herr Aschenbrand?“
„Nein, nicht direkt im Gebäude, aber ich wohne oft oben im Penthouse. Ich habe das Haus seit ein paar Tagen nicht mehr verlassen.“
„Oh.“ Ich lächelte. Ich fand es toll, dass er so arbeitswütig war.
„Auf Wiedersehen“, verabschiedete er sich und ging auf die Türen zu. „Tschüss.“
Ich starrte wieder auf meinen Skizzenblock. Eine unangenehme Stille entstand zwischen Ekkehard und mir – vielleicht lag es einfach daran, dass er verdammt gut aussah und genau wusste, dass mir das nicht entgangen war.
„Werden Sie für die Dauer des Projekts nach Barcelona ziehen?“, fragte er.
Verdammt.
„Nein, leider kann ich nicht hierher umziehen.“ Ich versuchte, mir eine Ausrede einfallen zu lassen. „Ich habe momentan mehrere Projekte gleichzeitig laufen.“ Ich wollte nicht, dass er dachte, ich käme nie aus Deutschland weg. „Und ich bin viel in München.“
„Das ist ja perfekt.“
„Was ist perfekt?“
„Mein Hauptsitz ist in München. Wir könnten uns also dort treffen.“
„Wirklich?“ Ich strahlte. Oh mein Gott, das machte alles so viel einfacher. Ich konnte in meiner Wohnung bleiben und den Job von dort aus leiten. „Das wäre absolut ideal.“
„Tja.“ Er breitete die Arme aus, als würde er sich mit mir freuen. „Mir passt das auch besser, dann muss ich für unsere Besprechungen nicht extra nach Barcelona fliegen. Wir messen heute noch alles aus, was Sie brauchen, und nächste Woche machen wir dann in München weiter.“
„Abgemacht.“
Ich lächelte erleichtert. Gott sei Dank. Problem gelöst. Jetzt musste Moritz sich keine Sorgen mehr um mich machen.
Mein Wagen rollte auf das Rollfeld, wo bereits zwei andere schwarze Limousinen am Flugzeug warteten.
Ist er hier?
Moritz stieg hinten aus und lehnte sich gegen den Wagen, während er auf mich wartete. Mein Magen fuhr augenblicklich Achterbahn.
Er war gekommen.
Er trug einen dunkelgrauen Anzug, sein dunkles Haar war leicht zerzaust und die markanten Züge unterstrichen sein attraktives Gesicht. Groß, dunkel und absolut verboten.
Es gab kein Leugnen: Moritz von Dunkelfeld war ein atemberaubend gutaussehender Mann.
Mein Wagen hielt an. Als Moritz vortrat, um mir die Tür zu öffnen, machte mein Herz einen regelrechten Sprung. Ich hatte den ganzen Tag an nichts anderes als an ihn denken können.
„Hallo“, sagte er mit seiner tiefen Stimme.
„Hi.“ Ich lächelte ihn sanft an. Er nahm meine Hand und half mir aus dem Wagen.
„Wie war dein Tag?“, fragte er.
„Gut.“ Ich lächelte verlegen; er machte mich ganz kribbelig. „Und deiner?“
Seine großen braunen Augen fixierten meine. „Gut.“
Das Dröhnen der Triebwerke war ohrenbetäubend, und in einiger Entfernung standen Männer um uns herum, aber während der Wind mir die Haare ins Gesicht peitschte, hatte ich nur Augen für ihn.
Wir starrten uns an, und die Luft zwischen uns war erfüllt von all den ungesagten Worten. Es gab so viel zu besprechen, und doch wusste ich, dass nichts davon jemals das Licht der Welt erblicken durfte.
„Ich ruf dich an, wenn ich gelandet bin“, sagte ich hoffnungsvoll.
„Tu es nicht.“
Suchend sah ich ihn an und schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. Ich wollte ihn darauf ansprechen, dass er mich gebeten hatte, Erik nicht zu heiraten. „Wegen dem, was du gesagt hast …“
„Vergiss es.“
Meine Miene verfinsterte sich.
Wir sahen uns schweigend an. „Es spielt doch sowieso keine Rolle … oder?“, sagte er leise.
Ich bekam kaum noch Luft. Das hier war der Abschied.
„Es war wirklich schön, dich wiederzusehen, Jules. Ich habe dich vermisst.“ Er schenkte mir ein trauriges Lächeln und nickte mir zu.
„Danke, dass du gekommen bist, um nach mir zu sehen.“ Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und umarmte ihn. „Ich weiß das wirklich zu schätzen.“
Er blieb reglos stehen, die Hände schlaff an den Seiten.
„Halt mich fest“, flüsterte ich ihm ins Ohr. „Bitte.“
Er schlang die Arme um mich und wir krallten uns aneinander fest. Er fühlte sich in meinen Armen so stark und groß an, und verdammt, ich wollte ihn einfach nicht loslassen.
Nicht schon wieder.
Er löste sich aus meiner Umklammerung und trat einen Schritt zurück. „Du musst jetzt los.“
Ich lächelte kurz, beschämt darüber, wie ich mich in seiner Gegenwart aufführte. „Leb wohl.“ Ich drehte mich um, lief zum Flugzeug und die Stufen hinauf.
„Guten Tag, Fräulein von Dunkelfeld“, sagte der Kapitän.
„Guten Tag.“ Ich zwang mir ein Lächeln ab.
„Hier entlang, bitte.“ Die Stewardess lächelte. Ich folgte ihr hinein und nahm am Fenster Platz.
Ich blickte hinaus auf den schwarzen Mercedes-Kombi und wusste, dass er hinten darin saß.
Am liebsten wäre ich zu ihm zurückgerannt und hätte ihn angefleht, mich in eine Zeit zurückzubringen, in der wir uns einfach lieben durften.
Aber ich konnte nicht … weil er es nicht konnte.
Die Stewardess schloss die Flugzeugtür, und beim Geräusch des luftdichten Versiegelns schossen mir die Tränen in die Augen. Es fühlte sich so endgültig an.
Die Maschine begann langsam über die Startbahn zu rollen, und ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.
Adieu, meine Liebe. Schon wieder.
Ich drücke die Klingel.
Vier Stunden sind vergangen, seit ich Moritz verlassen habe. Aber ich weiß genau, was ich tun muss. Ich weiß, dass wir niemals zusammen sein können, und ich verstehe, dass dieses Problem nie gelöst werden wird.
Und trotzdem will ich in diesem Leben eine Liebe spüren, die alles andere verschlingt… bei meinem Mann. Bei Erik spüre ich das nicht. Ich wünschte, ich täte es.
Die letzten Tage ohne ihn haben mir nur noch klarer gezeigt, was ich längst wusste. Ich habe ihn nicht vermisst. Überhaupt nicht. Ich habe Moritz vermisst… obwohl er direkt eine Etage tiefer schlief.
Auf dem Weg nach Amsterdam habe ich still geweint, bei jedem Moment im Flugzeug spürte ich, wie ich ihm weiter entrückt war.
Das ist nicht richtig, und ich muss Erik gehen lassen, damit er jemanden findet, der ihn so liebt, wie er es verdient. Meine große Liebesgeschichte ist gescheitert, aber ich will, dass seine gelingt. Ich will, dass er glücklich ist.
Lieber wäre ich für den Rest meines Lebens allein, als gezwungen zu sein, eine Lüge zu leben. Ich kann nicht mehr.
Die Tür öffnet sich, und Eriks Gesicht erscheint. „Hey.“ Er lächelt.
„Hi.“ Ich lächle traurig. „Wir müssen reden.“