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1491 Words
ALINA Die Wärme der Sonne tanzte auf meiner Haut. Moritz und ich lagen auf dem Rücken auf unseren Handtüchern am Strand, während im Hintergrund das sanfte Rauschen der Wellen zu hören war. Ich trug einen schwarzen Bikini und hatte mir einen schwarzen Strohhut über das Gesicht gelegt. Es war seltsam: Bisher war mir die Anwesenheit der Leibwächter immer bewusst gewesen, aber heute fühlte es sich wie eine unüberwindbare Hürde an. Ich hatte panische Angst, dass sie etwas zwischen Moritz und mir bemerken könnten. Lukas und Sav saßen im Café am hinteren Ende des Strandes und behielten uns im Auge. Spielverderber. Am liebsten hätte ich mich einfach zu ihm herübergerollt, ihn geküsst, ihm den Rücken mit Sonnenöl eingerieben und mit ihm im Wasser herumgetollt. Aber ich konnte nicht. Wir durften nicht. Moritz streckte die Hand zwischen unseren Körpern aus und verhakte seinen kleinen Finger mit meinem. Unter meinem Hut lächelte ich. Eine so kleine Geste, die doch so viel aussagte. Er wünschte sich genauso sehr wie ich, dass wir allein wären. Er rollte sich auf die Seite, sodass er mir zugewandt war, und stützte sich auf den Ellbogen. „Bereust du die letzte Nacht?“ Ich antwortete nicht, also hob er meinen Hut an, um mir ins Gesicht sehen zu können. „Tust du es?“ „Was, wenn sie es wissen?“, fragte ich stattdessen. „Wissen sie nicht.“ „Und wenn doch?“ „Sie können nichts beweisen, das wären reine Spekulationen. Wir dürfen ja wohl noch befreundet sein.“ Ich nickte, während ich ihn ansah. „Es sind nur drei Tage, Liebes. Gemessen an einem ganzen Leben sind es nur drei Tage.“ Ich starrte ihn an und spürte, wie mir das Herz brach. Er hatte recht. Von einem ganzen Leben gehörten mir nur drei Tage mit ihm. Ich nickte traurig. „Was soll das bedeuten?“, fragte er stirnrunzelnd. Ich setzte mich auf, plötzlich fest entschlossen, jede Sekunde zu nutzen. „Das bedeutet, dass ich zurück auf unser Zimmer will. Und zwar sofort.“ Auch er setzte sich auf. „Und was haben wir dort vor?“ „Wir verdienen uns unser Ticket zur Hölle.“ Er schmunzelte und brach dann in Lachen aus. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich meins schon längst habe, aber ich helfe dir gern dabei, deins zu bekommen.“ Wir stürmten durch die Schlafzimmertür. Moritz griff nach meiner Hand, zog mich durch das Apartment und warf mich aufs Bett. „Rühr dich nicht vom Fleck.“ Er verschwand kurz und kam mit meiner Strandtasche zurück, in der er hektisch kramte. Was hatte er vor? Er zog mein Sonnenöl hervor und grinste diebisch. „Wir wollen ja nicht, dass du dir einen Sonnenbrand holst.“ Er goss etwas davon in seine Handfläche. Was um alles in der Welt …? „Du bist echt pervers, weißt du das?“ Er beugte sich vor und streifte mir das Bikiniunterteil ab, während er das Öl über meinen Schoß goss und es mit seinen starken Fingern einmassierte. Ich öffnete die Beine und sah ihn ehrfürchtig an. „Als ob du es nicht lieben würdest“, flüsterte er mit dunkler Stimme. Er hatte recht … ich liebte es absolut. Der Raum war voller Dampf und Hitze. Moritz und ich saßen an den entgegengesetzten Enden der riesigen Badewanne. Er massierte meine Füße, die auf seiner Brust ruhten. Wir amüsierten uns prächtig. Den gestrigen Tag hatten wir fast komplett im Bett verbracht, abends waren wir essen, hatten viel zu viele Cocktails getrunken, waren im Club gewesen und erst viel zu spät nach Hause gekommen. Heute waren wir nur geschwommen und lagen in der Sonne. Ich fühlte mich vollkommen entspannt. Ich beobachtete den Mann, der mir gegenüber saß. Bei manchen Menschen ist es so, dass sie hässlicher werden, je besser man sie kennt. Nicht bei ihm. Moritz von Dunkelfeld wurde mit jeder Sekunde traumhafter. Zu allen anderen war er hart und kalt, aber nicht zu mir. Ich sah seine andere Seite, sein wahres Ich – sanft und liebevoll. Die Art von Mann, mit dem man ein ganzes Leben verbringen könnte, oder auch zehn. „Darf ich dich was fragen?“, sagte ich. „Ich nehme an …“, er massierte meine Füße weiter, „… du wirst es sowieso tun.“ „Die kriminellen Geschäfte.“ Er blickte kurz auf. „Was ist damit?“ „Was genau macht ihr?“ Er führte die Massage fort. „Das ist nichts für dich …“ Er hielt inne, als würde er nach den richtigen Worten suchen. „Darüber musst du dir keine Gedanken machen.“ „Ich bin nicht dumm. Ich weiß, dass es da ist.“ Ich zuckte mit den Schultern; ich musste wissen, wozu er fähig war. „Bringst du Leute um?“ „Nein, das tue ich nicht.“ Ich fixierte seinen Blick. „Deine Männer aber schon?“ „Manchmal.“ Mein Gesicht wurde ernst. „Oh.“ „Aus Notwehr. Es ist nicht so wie bei deinem geliebten Großvater, um es mal so auszudrücken.“ „Stefano hat Menschen ermordet?“, fragte ich stirnrunzelnd. Er lachte kurz auf. „Er hat sie nicht nur ermordet. Er hat sie zerstückelt, während sie noch am Leben waren.“ Ich starrte ihn entsetzt an und verstummte. Scheiße. Ich setzte an, um mehr zu fragen. „Liebes“, unterbrach er mich. „Stell keine Fragen, auf die du die Antwort eigentlich gar nicht wissen willst, Baby.“ Er massierte mein Fußgewölbe. „Drogen?“, hakte ich nach. „Ja.“ „Du verkaufst Drogen?“ „Wir …“, er deutete vage in den Raum zwischen uns, „… verkaufen Unterhaltung.“ „Unterhaltung?“, keuchte ich. „Kokain.“ „Drogen töten Menschen, Moritz.“ „Es ist wie Süßigkeiten für reiche Leute.“ Er zuckte die Achseln. „An verdammt noch mal Kokain stirbt niemand an einer Überdosis. Du siehst keine Kinder auf der Straße, die Koks für tausend Dollar das Päckchen kaufen. Wir sind im Premium-Segment tätig. Wir beliefern die High Society in fast ganz Europa – Anwälte, Ärzte, Politiker. Klienten mit Format.“ Hm … „Na ja …“ Ich überlegte kurz. „Und wo bekommt ihr das her?“ „Ich importiere es aus Kolumbien.“ „Du importierst es?“, wiederholte ich fassungslos. Gott, das klang nach echtem Schwerverbrechen. Er lächelte bei der Massage. „Schau nicht so schockiert. Glaubst du, dein Immobilienportfolio und dein Designer-Lifestyle fallen vom Himmel?“ „Wie zum Teufel importiert man Kokain?“, platzte es aus mir heraus. Ups, das war zu laut. Schuldbewusst sah ich mich im Badezimmer um. „Wie bekommt ihr das ins Land?“, flüsterte ich dann. „Der Grenzschutz arbeitet für mich.“ Mir klappte die Kinnlade herunter. „Und die Polizei, und die Richter. Und jeder, der seiner Familie ein Luxusleben ermöglichen will. Ich bezahle meine Mitarbeiter sehr gut.“ „Wie viel importiert ihr?“ „Kommt drauf an, im Schnitt …“, er zuckte lässig mit den Schultern, „… dreihundert Kilogramm.“ „Im Jahr?“ „In der Woche.“ „In der Woche?“, japste ich. „Was zur Hölle? Was ist das wert?“ „Ungefähr achtzig Millionen.“ Meine Augen traten fast aus den Höhlen. „Du verdienst achtzig Millionen Dollar pro Woche?“ „Nein“, spottete er. „Wir haben enorme Fixkosten. Zweitausend Angestellte und zahlreiche Unternehmen. Dinge kosten Geld, Alina, verdammt viel Geld. Wir tun, was nötig ist, um für unsere Leute zu sorgen.“ „Wir?“ „Simon und Fabian arbeiten an meiner Seite. Malte auch.“ „Und was, wenn ihr erwischt werdet? Dann gehst du ins Gefängnis“, stammelte ich panisch. Vor meinem inneren Auge sah ich meinen sanften Moritz bereits in einer Gefängniszelle bis aufs Blut kämpfen. Er lächelte, hob meinen Fuß an und küsste ihn. „Vertrau mir, im Vergleich zu unseren Vorfahren, die dieses Geschäft aufgebaut haben, sind wir absolut seriös. Wir schüchtern niemanden ein. Wir betreiben eine Unterhaltungsindustrie, nicht mehr und nicht weniger. Außerdem habe ich Vorkehrungen getroffen.“ „Was für Vorkehrungen?“ „Die Yachten, mit denen die Ware kommt, laufen auf falsche Namen. Die Leute, die die Schiffe führen und den Vertrieb übernehmen, wissen nicht, wer wir sind. Nichts lässt sich zu uns zurückverfolgen. Das Geschäftsmodell ist perfekt und absolut wasserdicht.“ Suchend sah ich ihn an. „Bist du dir sicher?“ Er küsste meinen Fuß erneut. „Ich bin doch nicht dumm.“ Er massierte einfach weiter. Ich überlegte einen Moment. „Da bin ich anderer Meinung“, erwiderte ich. „Denn du massierst mir jetzt seit einer Stunde die Füße. Wenn das nicht dumm ist, weiß ich auch nicht.“ Er lachte, stürzte sich über mich, wobei das Wasser über den Wannenrand schwappte. „Zeit für die Bezahlung.“
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