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1246 Words
**Raven** Ich riss die Augen auf und starrte an die Decke — ein Kronleuchter direkt über mir, die Art, wie sie in Häusern hingen, die ich besessen hatte, nicht in solchen, unter denen ich als Gast aufgewacht war. Die Gipsleisten an den Rändern vergilbt, in den Ecken rissig, vernachlässigt. Ein Mittelklassehotel. Ein Ort, an dem Männer, die Zeit mit einer Hure verbringen wollten, nicht zurückverfolgt werden wollten. Ich drehte den Kopf langsam. Ein Fremder neben mir. Alt, grau an den Schläfen, der Mund schlaff, ein Arm hing in einem seltsamen Winkel über die Bettkante. Ich wartete darauf, dass er sich bewegte… schnarchte, irgendetwas tat, was atmende Körper taten. Er tat es nicht. Ich setzte mich auf. Meine Hände — sie waren nicht meine. Ich umklammerte die Laken, die Haut war glatt, fast makellos, nicht die einer alten Frau, die von Jahren des Führens von Geschäften und des Begrabens von Kummer gezeichnet war. Ich drehte die Hände langsam um und drückte den Daumen in meine Handfläche, nur um zu spüren, wie es sich anfühlte, jung zu sein. Fünfundzwanzig Jahre hatte ich meinen eigenen Körper wie ein Haus getragen, in dem ich nicht mehr leben wollte — und jetzt stand ich in einem ganz anderen. Ich überquerte den Raum zum Spiegel. Das Gesicht, das mich anstarrte, konnte nicht älter als vierundzwanzig sein. Dunkelbraune Augen, tief und eindringlich. Ein scharfes Kinn, das sich noch nicht mit dem Alter abgerundet hatte. Hübsch auf eine Art, die Aufmerksamkeit auf sich zog — aber abgemagert, erschöpft, selbst in ihrer Jugend. Meine Hand hob sich, um ihre Wange zu berühren. Ihre Erinnerungen kamen in dem Moment zurück, als meine Finger den Spiegel berührten. Ich erinnerte mich an eine beengte Wohnung mit feuchten Wänden, einen Vater, der nach billigem Fusel roch, und Schuldeneintreiber, die regelmäßig vorbeikamen und immer dafür sorgten, dass das Leben zur Hölle wurde. Und dann letzte Nacht — ein Mann, den ihr Vater lächelnd vorgestellt hatte, ein Umschlag gegen sie eingetauscht in ihrem Elternhaus. Sie auf dem Beifahrersitz im Auto ihres Vaters, die Straßenlaternen vorbeiziehend, und das vollständige Verstehen dessen, was passiert war und was von diesem Moment an passieren würde — ohne das Recht zu haben, Nein zu sagen. Mir wurde übel. Ich sah zurück auf den Mann im Bett. Der Winkel seines Arms. Die Reglosigkeit seiner Brust. Ich drückte zwei Finger an seinen Hals, so wie ich es einmal einen Arzt auf einem Wohltätigkeitsgala hatte tun sehen, als ein älterer Gast ohnmächtig geworden war. Nichts. Meine Knie gaben nach. Ich fing mich an der Kommode ab und stieß dabei eine leere Flasche zu Boden, die zersplitterte und einen scharfen Geruch von billigem Alkohol über die Fliesen verbreitete. In meinem früheren Leben wäre ein solches Problem mit einem einzigen Anruf erledigt gewesen. Mein Rechtsteam arbeitete wie eine Privatarmee — teuer und loyal, Menschen, denen ich so sehr vertraut hatte. Ich hatte noch nie in einem Raum mit einem toten Mann gestanden. Und jetzt, ohne einen Namen, der in dieser Stadt irgendetwas bedeutete… war ich verloren. Ich zog die Kleider an, die über den Boden verstreut lagen — zerrissene Jeans und ein verblasstes Shirt, dessen Farbe ich kaum bestimmen konnte. Die Straße roch nach Abgasen. Ich rümpfte die Nase und rannte barfuß, ließ ihre Erinnerungen mich durch das Viertel führen, das mit jedem Block schlechter wurde, bis ich vor einem Haus mit abblätternder Farbe und einem Garten, der wie eine Katastrophe aussah, stehen blieb — wildes Gras mit Müll dazwischen. Die Tür öffnete sich, bevor ich klopfen konnte. Ihr Vater stand im Rahmen. Als er mein Gesicht sah, wich alle Farbe aus seinem. „Du solltest nicht hier sein.” Zornesfalten breiteten sich über sein Gesicht aus, seine Augen röteten sich. „Ich habe nirgendwo sonst hinzugehen.” Ich hielt meine Stimme ruhig. „Es war nur eine Nacht, und jetzt ist er…” „Verschwinde.” Ihre Mutter tauchte hinter dem Vater auf, rot im Gesicht, den Kiefer zusammengepresst. Sie sah so sehr wie ich aus — und ich hasste es. Eher wie eine Süchtige, die des Lebens müde war und sich kaum über Wasser hielt. „Willst du uns Ärger ins Haus bringen?” „Ich bin deine Tochter.” Ich widersprach. „Du gehörst jetzt ihm.” Die Stimme des Vaters wurde lauter, dann schnell wieder ruhiger, während er nach draußen spähte, um zu sehen, ob jemand mir gefolgt war. „Wir haben eine verdammte Abmachung gemacht — die Schulden sind wegen dir von uns. Wenn Grandins Leute herausfinden, was passiert ist…” „Grandin ist tot.” Die Stille war ohrenbetäubend. Die Augen der Mutter weiteten sich, sie starrte mich ausdruckslos an. „Dann verschwinde dahin, wo auch immer.” Sie trat einen Schritt zurück — jetzt sah ich die Angst in ihren Augen. „Denn du bist die Erste, die sie sich vorknöpfen werden.” Die Tür knallte zu, bevor ich erklären konnte, dass ich nichts damit zu tun hatte. Ich stand auf der rissigen Eingangsstufe und dachte langsam darüber nach, wie alles schiefgelaufen war. Warum ich in diesem verdammten Körper steckte. Ich weiß, ich hatte um eine zweite Chance gebeten — aber das? Das war eine zweite Chance in der Hölle. In den dreiundfünfzig Jahren, die ich gelebt hatte, war ich viele Dinge gewesen — verraten, trauernd — aber ich war noch nie von Menschen, die meine Familie sein sollten, von der Tür gewiesen worden. Dieses Mädchen hatte dieses Trauma ihr ganzes Leben lang gelebt. Das Telefon in meiner Tasche vibrierte. Ich zog es heraus und warf einen Blick auf den Bildschirm. *Rolen.* „Raven, wo bist du?” Sie klang ungefähr gleich alt, ihre Stimme voller Panik. „Die Polizei kam zu meinem Arbeitsplatz. Sie sagen, ein Mann wurde tot in dem Hotelzimmer gefunden, und du warst die letzte Person, die mit ihm gesehen wurde…” „Ich weiß.” Ich antwortete und seufzte. „Es stellt sich heraus, dass der Mann der große Mafiaboss der Stadt ist. Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?” Ich antwortete nicht. Eine Erklärung hatte keinen Sinn, und wenn die Polizei mir bereits auf den Fersen war, musste ich einen Ausweg finden. „Gib dich nicht selbst an. Grandin hatte Verbindungen, und wenn Männer wie er auf unwürdige Weise sterben, wird jemand zum Exempel gemacht… Lauf einfach weg.” „Ja.” Ich fuhr mit der Hand durch das trockene, verfilzte Haar, das wie das einer Stoffpuppe aussah. „Hast du irgendwo, wo du dich verstecken kannst?” fragte sie. Ich wandte mich zur geschlossenen Tür hinter mir. „Nein.” „Find irgendwas. Muss los.” Sie beendete den Anruf. Ich stand dort eine Minute lang und wünschte, ich würde nicht existieren. In meinem früheren Leben hatte ich Menschen leicht mit einem einzigen Satz abgeschnitten — einem Vorstandsbeschluss oder sogar einer Unterschrift. Aber jetzt hatten sich die Tische auf die schlimmstmögliche Weise gedreht. Ich wusste jetzt, wie es sich anfühlte, nichts zu sein… barfuß vor diesem Haus, mit der Tatsache im Gepäck, dass diese zwei Idioten mich verkauft und mir die Tür vor der Nase zugeknallt hatten. Marcus hatte alles genommen, was ich aufgebaut hatte. Ivy? Sie hatte alles genommen, wofür ich gelebt hatte. Und jetzt sollte ich wegen Mordes angeklagt werden. Ich erinnerte mich an meine letzten Worte vor meinem Tod — das Flehen um eine Chance. Wenn das hier sie war, musste ich zuerst dieses Chaos überleben.​​​​​​​​​​​​​​​​
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