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**Marielyn**
Der Handrücken traf meine Wange, bevor ich ihn kommen sah.
Ich fiel hart auf den rauen Perserteppich, blieb dort einen Moment lang liegen, die Handfläche flach gegen das burgunderrote und goldene Muster gepresst, die andere Hand an mein Gesicht gedrückt.
Marcus zog seine Ärmel glatt.
Ich stand auf.
„Du hast es herausgefunden.” Er schenkte mir keinen Blick. „Ich dachte, wir hätten noch ein paar Wochen.”
Ich hielt den Ordner gegen meine Brust gedrückt. „Wer ist ‚wir’, Marcus?”
„Spielt das eine Rolle?” Er löste seine Krawatte vom Kragen und legte sie auf den Sessel — den hellblauen, genau in dem Farbton seiner Augen. Ich hatte in einem Boutique in Mailand vierzig Minuten lang an einem Kleiderständer gestanden, um sie zu finden.
Er setzte sich mir gegenüber, schlug ein Bein über das andere.
„Ja, es spielt eine Rolle für mich.” Meine Stimme war flach. „Im Moment schon.”
„Siehst du?” Er sah mich zum ersten Mal an. „Das ist dein Problem.”
„Mein Problem?” Der Ordner zitterte leicht in meiner Hand, ich umklammerte ihn fester. „Fünfundzwanzig Jahre, und du entscheidest dich dazu — und machst es zu einem ‚Ich’-Problem?”
„Dein Problem.” Er wiederholte es, als amüsiere ihn das Wort. „Wie du es nennen würdest…”
„Alles, was ich getan habe, war, für dich zu sorgen.”
„Sorgen?” Er lehnte sich zurück. „Ich nenne es ersticken, Marielyn — jedes verdammte Geschenk, jedes Abendessen, jede Reservierung, die du machst… Du hast einen Teil von mir geliebt, der nie gefragt wurde, ob er so geliebt werden wollte.”
„Du hast meine Hand über den Tisch hinweg gehalten.” Meine Stimme brach, bevor ich es verhindern konnte. „Du hast mir gesagt, dass du es alles liebst.”
„Ich war fünfundzwanzig, verdammt nochmal.” Seine Stimme war etwas lauter. „Du warst die reichste Frau, die mir nie einen zweiten Blick geschenkt hatte.” Er pausierte. „Was genau dachtest du, was ich tun würde?”
Stille.
Er hob leicht das Kinn. „Du bist zu einem Hindernis geworden.” Er stand auf und ging langsam auf mich zu. „Alt und abgenutzt.” Seine Augen wanderten kalt über mein Gesicht. „Du siehst aus wie ein Geist, seit der Junge gestorben ist.”
„Nicht.” Ich biss die Zähne zusammen. „Benutze David nicht…”
„Wann hast du dich zuletzt wirklich angeschaut?” Er blieb nah genug stehen, dass ich einen Hauch seines Kölnischwassers wahrnahm — das, das ich ausgesucht hatte, weil es mich an unsere erste gemeinsame Wohnung erinnerte. Ich hasste es jetzt mehr als alles andere. „Sieh dich an — die Trauer zehrt dich bis auf die Knochen aus, und du siehst es nicht einmal.”
„Ich habe um unseren Sohn getrauert.” Meine Hand glitt zum Bettpfosten, ich drückte meine Nägel hinein. „Ich dachte, du auch. Ich dachte, das sei der Grund, warum du dich in letzter Zeit zurückgezogen hast.”
„Ich war längst fertig, bevor David starb.” Er sagte es leise. „Ich hatte nur keinen sauberen Ausweg.”
Ich spürte, wie mein Körper erstarrte.
„Wie lange.” Meine Stimme war kaum hörbar.
„Ändert es etwas, wenn du es weißt?”
„Wie lange, Marcus?”
Er blickte zum Spiegel und richtete seinen Kragen. „Lang genug, dass ich aufgehört habe, mich schuldig zu fühlen.”
Meine Finger schlossen sich um das harte Holz.
„Ich habe dir alles gegeben.” Meine Stimme brach, und ich konnte es nicht aufhalten. „Alles, was ich hatte und aufgebaut habe. Ich habe dich geliebt, als du nichts hattest — als du den ersten Wein, den du probiert hast, nicht einmal aussprechen konntest, und ich habe mit dir gelacht und gedacht… ich habe wirklich geglaubt, du wärst das Echteste, was ich je…”
„Und dafür bin ich dankbar.” Er lächelte spöttisch. „Deine Großzügigkeit hat mich zu dem gemacht, was ich bin — aber ich kann nicht aus Dankbarkeit bleiben.” Er lächelte seinem Spiegelbild an. „Ich brauchte jemanden Jüngeres. Jemanden, der nicht aussieht wie ein Geist.” Er nickte zur Tür hin. „Jemanden wie…”
Sie öffnete sich.
Das scharlachrote Kleid fiel mir sofort ins Auge.
Ich hatte dieses Kleid vor ein paar Wochen gekauft, als Ivy meinen Arm gepackt und es lachend vom Ständer gezogen hatte. „Das ist nichts, was du tragen würdest, Mom” — und ich hatte ihr ohne einen zweiten Gedanken meine Karte gegeben, weil ich an diesem Nachmittag glücklich gewesen war, mit ihr zusammen zu sein.
Mein Blick fiel auf ihre Kehle.
Der Diamantanhänger. Der meiner Großmutter, davor der meiner Mutter. Ich kannte den Kratzer am hinteren Verschluss, als er heruntergefallen war — ich hatte auf dem Badezimmerboden geweint, bis Marcus mich in die Arme genommen und gesagt hatte: „Es ist nur ein Kratzer. Lass es los.”
„Hallo, Mutter.” Ivys Lächeln erreichte jeden Winkel ihres Gesichts. „Herzlichen Glückwunsch zum Jahrestag.”
Sie ging auf Marcus zu und schmiegte sich an seine Seite, sein Arm zog sie an der Taille zu sich heran.
„Ivy.” Meine Hand fuhr an meine Kehle, ich rang nach Atem. „Jeden auf der Welt — nur nicht dich.”
„Du hast mir immer gesagt, ich soll auf der Gewinnerseite stehen.” Sie neigte den Kopf zur Seite, der Anhänger fing das Licht des Kronleuchters auf. „Ich habe jedes Mal aufgepasst.”
„Ich habe dir beigebracht zu überleben — nicht damit du…”
„Ach bitte.” Sie verdrehte die Augen mit einem Schmunzeln. „Das hier ist mein Überleben.”
„Drei Jahre.” Marcus’ Stimme klang zufrieden. „Jeden Tipp, den du ihr gegeben hast. Jede Vorstellung, die du gemacht hast. Jeden Raum, in den du sie geführt hast.” Er atmete aus. „Du wusstest nicht, dass du ihr langsam alles übergeben hast, Marielyn. Du hast es so mühelos gemacht.”
Vor einer Stunde hatte Ivy ein kleines Tablett mit Tee in mein Schlafzimmer gebracht. „Du siehst blass aus, Mom. Trink etwas — du willst doch nicht, dass die Gäste dich so sehen.”
„Der Tee.” Ich wandte mich zu Ivy. „Was hast du hineingetan?”
Sie kam ohne Eile auf mich zu, kniete sich vor mir nieder und hob mein Kinn mit zwei Fingern an — so, wie sie es getan hatte, seit sie elf war, und was ich immer als ihren Ausdruck von Zuneigung verstanden hatte. „Ich habe mich immer um dich gekümmert, Mutter.”
„Was hast du hineingetan?”
„Nichts, das du schmecken wirst.” Ihr Daumen drückte leicht gegen meinen Kiefer. „Nichts, das irgendjemand finden wird.” Sie stand auf und glättete ihr Kleid mit beiden Handflächen, ihr Gesicht verzog sich wie das einer Trauernden. „Eine Mutter, die sich nie vom Verlust ihres geliebten Sohnes erholt hat.” Sie seufzte. „Niemand wird auch nur eine Frage stellen.”
„Ivy.” Ich starrte sie an. „Ich habe dich halb erfroren im Schnee gefunden. Du warst gerade mal zehn Jahre alt und hattest nichts. Ich habe dich nach Hause gebracht. Ich habe dich das Gefühl spüren lassen…”
„Und dafür bin ich dankbar.” Sie lächelte — genauso wie Marcus es getan hatte. „Aber du hast mir beigebracht, dass Dankbarkeit kein Grund ist, loyal zu bleiben.”
Meine Knie gaben nach.
Langsam glitt ich zu Boden. Der Teppich drückte sich an meine Wange — burgunderrot und gold. Ich erinnerte mich an den Auktionssaal. Marcus hatte ihn gegen drei andere Männer ersteigert, die ihn wollten.
Ich hörte Gläser klingen, Lachen und einen leidenschaftlichen Kuss zwischen ihnen.
Marcus kniete sich neben mich, sein Mund nah an meinem Ohr. „Alles, was dir gehört.” Sagte er leise. „Ist bereits weg.” Er pausierte. „Und du auch.”
Mein Blickfeld verschwamm.
Ich konnte Marcus’ Stimme hören, obwohl sie sich nun weit entfernt anhörte. „Sie ist weg. Wir sollten das hier in Ordnung bringen, bevor einer der Gäste etwas bemerkt.”
Ich hörte Ivys Absätze näherkommen, dann kniete sie sich neben mich und strich mir das Haar von der Stirn. „Du hast immer gesagt, die Familie kommt zuerst, Mutter. Danke, dass du es so einfach gemacht hast.”
Ich versuchte zu sprechen — sie laut zu verfluchen, zu schreien, dass ich ihr Leben zur Hölle machen würde — doch nur ein trockenes Röcheln verließ meinen Mund. Das Gift hatte seine Arbeit getan. Meine Finger zuckten einmal auf dem Teppich.
*Noch eine Chance, bitte. Ich flehte.*
Meine Augen öffneten sich wieder. Ein brennender Schmerz durchzog meinen ganzen Körper, als würde ich in Flammen stehen. Ich versuchte mich zu bewegen — ein Schmerz traf mein Gesicht, als hätte mich jemand verbrannt.
Mein Blick war noch immer verschwommen. Ich hörte Schritte, die trockene Blätter knirschten — jemand, der allein vorbeinging.
Ich hob einen zitternden Arm. „Hilfe…” Meine Stimme kam heiser heraus, kaum hörbar. „Bitte… helfen Sie mir…”
Er blieb stehen.