7. Herzen und Macht

943 Words
Die Stadt lebte im Takt von Fortschritt und Politik. Straßenbahnen ratterten über das Kopfsteinpflaster, Fabrikpfeifen heulten im Rhythmus der aufgehenden Sonne, und Zeitungen verkündeten Adrian Vales Namen auf den Titelseiten wie einen Herold des Wandels. Adrian schritt zügig die belebte Allee entlang, Marcus an seiner Seite, die neueste Ausgabe der Gazette unterm Arm. Seine letzte Rede hatte die Stadt elektrisiert: ein Ruf nach Transparenz in der Regierung, ein Appell an die Stimme des Volkes. Kühn, riskant — und, wie er gehofft hatte, unmöglich zu ignorieren. „Sieht so aus, als hättest du die halbe Stadt, die deinen Namen ruft“, sagte Marcus und blinzelte gegen die Schlagzeilen. „Und die andere Hälfte ist bereit, dich zu lynchen.“ Adrian lachte, doch in seinen Augen brannte ein Feuer. „Gut. Sollen sie etwas fühlen. Wenn wir keine Herzen bewegen, tun wir gar nichts.“ Doch selbst im Triumph blieb ein Gedanke hartnäckig, schärfer als jeder politische Sieg: Evelyn Hartwell. Die Bekanntgabe von Sebastian Crownes Verlobung mit Evelyn war vor Wochen wie ein Schlag verkündet worden. In der Öffentlichkeit hatte Adrian Fassung bewahrt, doch insgeheim hatte er mit Neid, Verzweiflung und Entschlossenheit gerungen. Er respektierte Crownes Intelligenz, seine Rücksichtslosigkeit, sein Talent, Chancen zu ergreifen — aber Adrian kannte die Wahrheit in Evelyns Herz besser, als Crowne es je könnte. Nicht Berechnung bestimmte sie, sondern Überzeugung. Am Abend, im Salon der Hartwells, stellte Adrian sich endlich der Wahrheit, die er monatelang mit sich getragen hatte. Emily war früh gegangen, lachend und neckend, sodass nur Evelyn am Feuer zurückblieb. Adrian stand nahe am Kamin, Staub vom Tag noch an seinem Mantel, die Hände leicht zitternd — nicht aus Furcht, sondern wegen der Intensität dessen, was er sagen wollte. „Evelyn“, begann er, die Stimme fest, aber dringlich, „ich kann nicht länger schweigen. Ich habe beobachtet, gewartet und zur Stadt gesprochen — aber nie zu dir, nicht wirklich. Und das muss ich.“ Evelyn sah ihn an, ihr Ausdruck ruhig, doch ein Hauch von Neugier lag in ihren Augen. „Ich bin in dich verliebt“, sagte Adrian, die Worte brachen frei. „Seit Monaten, vielleicht seit ein, zwei Jahren. Ich versuchte, es als Freundschaft zu tarnen, als Bewunderung, als Sorge um deine Sicherheit — aber es ist mehr. Es war immer mehr.“ Sie schwieg einen Moment. Das Knistern des Feuers füllte die Stille. „Du bist leichtsinnig“, sagte sie schließlich, nicht als Vorwurf, sondern als Feststellung. „Du brennst wie ein Feuer, wo die meisten Männer vorsichtig gehen.“ „Ja“, gab Adrian zu. „Ich bin leichtsinnig. Und doch sehe ich keinen anderen Weg zu leben. Ich kann kein Leben aus Kompromissen bauen, nicht wenn mein Herz und meine Überzeugung mehr verlangen. Evelyn… ich will dich. Ich will dich heiraten. Nicht als Strategie, nicht aus Bequemlichkeit — sondern weil ich dich aus der Ferne geliebt habe.“ Ihr Blick wurde weich. Langsam überquerte sie den Raum und nahm seine Hände in ihre. „Du bist ein Narr“, flüsterte sie. „Und vielleicht ist es genau deshalb, dass ich Ja sage.“ Die Entscheidung war sofort, und doch gewaltig. Adrians Wahl entsprang nicht Bequemlichkeit, Macht oder Ehrgeiz. Sie kam aus Klarheit und Sehnsucht, eine seltene Verbindung in einer Welt voller Politik und Kalkül. Später in dieser Nacht ging Adrian mit Marcus durch die stillen Straßen. Das Licht der Stadt spiegelte sich in den nassen Pflastersteinen und ließ es aussehen, als tanzte Feuer über den Boden. „Sie hat Ja gesagt“, sagte Adrian leise, fast zu sich selbst. Marcus stieß einen langen Pfiff aus. „Ernsthaft? Nach Crowne? Die Stadt wird explodieren, wenn sie das hört.“ Adrians Lächeln war langsam, selbstsicher. „Sollen sie reden. Sollen sie schreien. Crowne wollte sie aus Macht heiraten. Ich will sie aus Liebe heiraten. Und am Ende wird das mehr zählen als jede Ratsstimme oder Schlagzeile.“ Unterdessen nahm Sebastian Crowne am anderen Ende der Stadt die Nachricht mit ruhiger Miene auf, die jedoch einen Sturm verbarg. Politische Kämpfe hatte er erwartet, rivalisierende Reden, öffentliche Skandale — aber das? Adrian Vale hatte getan, was ihm verwehrt geblieben war: Evelyns Herz gewonnen. Sebastian goss sich einen Brandy ein, ließ die bernsteinfarbene Flüssigkeit kreisen, während er sein Spiegelbild im Glas musterte. „Er ist leichtsinnig“, murmelte er. „Das war er immer. Aber das… das verändert alles. Die Stadt sieht hin, die Zeitungen reden. Und trotzdem geht er vorwärts. Kühn, töricht, unaufhaltsam.“ Er leerte den Brandy in einem Zug, stellte das Glas mit Bedacht ab und richtete sich auf. Sebastian war nie ein Mann, der sich ergab — weder politischen Gegnern, noch seinem Stolz, und schon gar nicht der Liebe. Er würde einen Weg finden, dem entgegenzutreten, Einfluss zurückzugewinnen, die Stadt daran zu erinnern, warum der Name Crowne Gewicht hatte. Doch selbst er wusste, tief in den stillen Winkeln seines Verstandes, dass Adrian Vale etwas erobert hatte, was man nicht kaufen konnte: ein Herz, ganz gegeben, freiwillig, ohne Berechnung. Am Ende der Woche summte die Stadt vor Gerüchten. In Cafés, Tavernen und Ratssälen schwirrten die Stimmen. Adrian Vale und Evelyn Hartwell waren verlobt. Sebastian Crownes Bündnis der Bequemlichkeit mit Evelyn war annulliert, fast noch bevor es begonnen hatte. Emily Hartwell lächelte wissend und neckte Adrian gnadenlos, doch Evelyn blieb standhaft, ihre Hand fest in Adrians, ihr Blick klar. In einer Stadt voller Ehrgeiz und Strategie hatte die Liebe ihren eigenen Weg geschmiedet — und keine Berechnung konnte ihn ändern. Adrian Vale hatte das Feuer gewählt, und er würde hell brennen — an der Seite von Evelyn Hartwell, der Frau, die er von Anfang an geliebt hatte.
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