6. Gezogene Linien

886 Words
Sebastian Krone hatte immer an Kontrolle geglaubt. Kontrolle über die Stadt, über den Rat, über das sorgfältig polierte Bild, das er der Welt präsentierte. Doch Kontrolle war eine fragile Sache, wenn es um Frauen ging — besonders um Frauen, die sowohl Witz als auch Feuer besaßen. Die Schwestern Hartwell stellten ihn vor ein Dilemma. Emily Hartwell war ein Sturm in Seidenhandschuhen. Sie lachte zu laut, lehnte sich zu nah, neckte ohne Zurückhaltung. Zuerst hatte sie Sebastian mit derselben Respektlosigkeit behandelt, die sie auch Adrian entgegenbrachte. Doch anders als Adrian ließ sich Sebastian nicht so leicht von Charme beeindrucken. Er fand ihre Energie erschöpfend und… anziehend. Eines Abends standen sie nebeneinander auf einem Wohltätigkeitsball und beobachteten, wie die Elite der Stadt Champagner schlürfte und hinter juwelenbesetzten Fächern tuschelte. Emily neigte sich zu ihm, ihre Stimme verspielt: „Wissen Sie, Herr Krone, Adrian Wahl mag hell brennen, aber Sie, Sir, könnten ihn überstrahlen, wenn Sie es nur zuließen.“ Sebastian lächelte dünn, seine Augen berechnend. „Ich strahle am besten, wenn ich den Winkel des Lichts selbst wähle, Miss Hartwell. Nicht, wenn die Stadt Funken für mich macht.“ Emily lachte, ein voller, schelmischer Klang. Sie berührte kurz seinen Arm, prüfte ihn. Sebastian zuckte nicht zusammen, obwohl er ein Gefühl spürte, das er selten zugab. Bei Emily gab es keine Subtilität — nur Kühnheit, Lachen und Unberechenbarkeit. Er bewunderte es heimlich, obwohl er wusste, dass solche Unberechenbarkeit in einer Ehe gefährlich sein konnte. Sie würde Spaß machen… aber niemals sicher sein. Eveline Hartwell hingegen war Anmut und Intellekt in Person. Ihr Blick war Urteil und Verständnis zugleich. Sie stellte ihn auf die Probe, sprach klar, hörte aufmerksam zu. Anders als Emily war Evelines Charme nicht laut — er war präzise, bewusst und dauerhaft. Als Sebastian ihr zum ersten Mal bei einer Versammlung von Ratsanhängern begegnete, hinterfragte sie seine Worte höflich, aber scharf. Ihre Kritik war nie grausam, nie spöttisch. Sie war gemessen und ließ ihn nachdenken — nicht reagieren. Er begann, sie zu respektieren, vielleicht mehr, als er zugeben wollte. Eveline warf sich ihm nicht zu Füßen, verspottete ihn nicht. Sie ließ ihn gesehen — und gehört — fühlen. Eines Abends fragte er sie leise beim Abendessen: „Miss Hartwell, glauben Sie, dass der Ehrgeiz eines Mannes von seinem Gewissen gezügelt werden sollte?“ Evelines Blick wankte nicht. „Ehrgeiz ohne Gewissen ist Zerstörung. Aber Ehrgeiz mit Gewissen… das ist selten. Und kostbar.“ Sebastian schwieg lange. Selten. Kostbar. Sie hatte keine Ahnung, wie treffend sie beschrieben hatte, wie er sich selbst sah — oder wie er das zu seinem Vorteil nutzen wollte. Mit der Zeit umwarb Sebastian beide Schwestern auf unterschiedliche Weise, obwohl seine Absichten nie gleich waren. Emily war Spaß, ein Funke, eine Ablenkung — jemand, den er öffentlich charmieren konnte, um andere von seiner scheinbaren Leichtigkeit zu beeindrucken. Mit ihr lachte er, tanzte, zeigte der Stadt sein zugängliches, witziges, unantastbares Gesicht. Doch Eveline… Eveline war der Anker. Seine Wahl, letztlich. Er bewunderte ihre Intelligenz und ihre stille Macht. Wo Emily das Herz mit Leichtigkeit reizte, bot Eveline Strategie. Sie forderte Respekt, nicht nur von ihm, sondern von der Welt um sie herum. Eine Ehe mit Eveline würde Einfluss konsolidieren — ihre Familie war respektiert, ihr Verstand begehrt, ihre Haltung unübertroffen. In Sebastians Augen war das eine Verbindung, die seinen Einfluss weit über die Ratskammern hinaus ausdehnen würde. Eines Abends, nach einem Galaabend, bei dem Emily in Lachen wirbelte, fand sich Sebastian allein mit Eveline auf dem Balkon wieder. Die Lichter der Stadt funkelten unter ihnen, Rauch und Gaslampen verschmolzen zu einem goldenen Dunst. „Ich habe Ihre Gesellschaft heute Abend genossen“, sagte er, sorgfältig abgewogen. Eveline hob eine Augenbraue. „Vernehme ich ein Kompliment, Herr Krone, oder eine Erklärung?“ „Vielleicht beides“, antwortete er, unverwandt. „Ich glaube, ein Mann sollte ehrlich zu seinen Absichten sein. Und ich beabsichtige, ein Leben mit jemandem aufzubauen, der sowohl meine Ambitionen als auch meine Grenzen versteht.“ Eveline betrachtete ihn schweigend. Schließlich sagte sie: „Und diese Person… ist weder für Ihr Vergnügen, noch für Ihren Funken, sondern für Ihre Beständigkeit.“ Sebastian lächelte, ein seltener, privater Ausdruck. „Richtig. Diese Person… sind Sie.“ Von diesem Tag an wusste Emily, dass sie seine spielerische Zuneigung hatte, aber der wahre Preis seines Herzens — und seines Geistes — Eveline vorbehalten war. Auch Adrian beobachtete dies aus der Ferne. Er erkannte das Muster: Emilys Lachen und Feuer zog Männer an, doch Evelines Ruhe und Klarheit hielt sie. Er verstand, dass Krones Wahl pragmatisch, kalkuliert und tief aufschlussreich für seinen Charakter war. Sebastian verfolgte Einfluss genauso unerbittlich wie Zuneigung, und Eveline verkörperte beides. Im folgenden Frühling wurde die Verbindung bekannt gegeben: Sebastian Krone würde Eveline Hartwell heiraten, eine Verbindung aus Intellekt, Strategie und Macht. Emily war unbeeindruckt. Sie lächelte hell auf der Verlobungsfeier und neckte Adrian leise: „Nun, Wahl“, flüsterte sie, „zumindest muss ich mir keine Sorgen machen, dass er mein Herz stiehlt. Das hat er schön in einem Käfig verschlossen.“ Adrian lachte, doch in seiner Brust regte sich ein Hauch von Erkenntnis. Selbst in Liebe, selbst in Strategie, hatte Krone den Weg gewählt, der ihn am meisten stärken würde. Und Adrian wusste mehr denn je: Jeder Zug in dieser Stadt — jede Allianz, jedes Wort — war ein Schachspiel.
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