5. Der designierte Erbe

857 Words
Sebastian Krone glaubte nicht an Zufälle. In seiner Welt war jede Geste, jedes Wort, jede Neigung eines Glases bei einem Dinner genau berechnet. Seit seiner Kindheit war er dafür trainiert worden. Das Anwesen der Krone lag am Rand der Hauptstadt, ein weitläufiges Herrenhaus mit Marmorsäulen und gepflegten Gärten, in denen Diener sich wie Schatten bewegten. Drinnen glänzte alles: Silber, Kronleuchter, sogar die Familienporträts, die das Treppenhaus säumten, jeder Vorfahre in Öl verewigt, mit derselben kantigen Kieferpartie und kalten Augen. Sebastian war unter diesen Blicken aufgewachsen. Immer wieder hatte man ihm gesagt, dass sein Leben ihm nicht gehöre — dass er das Gewicht von Jahrhunderten trug, dass der Name Krone kein Besitz, sondern eine Last sei. Die Stimme seines Vaters, längst still im Grab, hallte noch immer in seinen Ohren: *Wir sind Albion, Junge. Ohne uns zerfällt es. Merke dir das.* Und Sebastian tat es. Er betrat die Ratskammern, als träte er auf eine Bühne, die nur für ihn gebaut war. Seine Reden waren elegant, seine Ausstrahlung magnetisch. Er trug maßgeschneiderte Anzüge, als sei er darin geboren, und die Zeitungen liebten ihn, zeichneten sein Gesicht in den Gesellschaftsseiten mit Worten wie „charmant“ und „brillant“. Doch in letzter Zeit gab es einen Riss im Spiegel. Dieser Riss hatte einen Namen: Adrian Wahl. --- Im Gentlemen’s Club in der Ostbourne-Straße lehnte Sebastian in einem Ledersessel, ein Glas Brandy in der Hand, während sich Ratskollegen um das Feuer scharten. „Dieser Wahl“, murmelte Lord Camden, heftig an seiner Zigarre ziehend, „ist überall. Pamphlete, Reden, Kundgebungen — unerträglich. Er ist ein Niemand, und doch tut er, als hätte er das Land mit bloßen Händen aufgebaut.“ „Ein gefährlicher Aufsteiger“, stimmte ein anderer zu. „Er wird bald verglühen.“ Sebastian wirbelte seinen Brandy, verbarg die Irritation in den Augen. Verglühen? Nein — Wahl verglühte nicht. Er brannte heller. Und obwohl Sebastian es nur ungern zugab, beneidete er das rohe Feuer des Mannes. Er lehnte sich vor, seine Stimme glatt. „Meine Herren, verwechseln Sie Berühmtheit nicht mit Macht. Wahl ist ein Funke, ja, aber Funken erlöschen schnell. Albion braucht beständige Flammen, keine Waldbrände. Und das“ — er tippte leicht auf seine Brust — „ist, was Familien wie die unsere bieten.“ Die älteren Männer nickten, beruhigt. Doch Sebastian fand keinen Trost. Er wusste, dass Wals Funke nicht so leicht zu löschen war. --- In der Nacht, zurück auf dem Anwesen, saß Sebastian allein in seinem Arbeitszimmer. Das Feuer knisterte leise, warf lange Schatten über die Regale mit ledergebundenen Büchern. Auf seinem Schreibtisch lag ein Stapel Zeitungen, jede erwähnte Adrians Namen. Er las sie alle. Nicht weil er wollte. Sondern weil er nicht aufhören konnte. Wahls Worte waren leichtsinnig, roh, manchmal sogar naiv. Und doch trafen sie Töne, die Sebastians eigene Reden nie anschlugen. Wo Sebastian sprach, um zu beeindrucken, sprach Wahl, um zu entfachen. Wo Sebastian auf Herkunft baute, baute Wahl auf Hunger. Und die Leute — verdammt — hörten zu. Sebastian schloss die Augen, lehnte sich zurück. Er sagte sich, Wahl sei gefährlich, weil er die Ordnung Albion bedrohte. Doch in Wahrheit bedrohte er etwas Tieferes. Er ließ Sebastian sich kleiner fühlen… weniger als er selbst. --- Am nächsten Morgen besuchte Sebastian früh die Ratskammern, bevor die meisten Männer eintrafen. Er stand am großen Fenster, blickte über die Stadt, die Schornsteine und Türme verschwammen im Nebel. Lord Grau fand ihn dort. „Mit der Sonne aufgestanden, Krone? Ungewöhnlich für Sie.“ Sebastian drehte sich um, verbarg Überraschung hinter einem Lächeln. „Disziplin, mein Lord. Man muss ein Beispiel geben.“ Grau musterte ihn lange. Er ließ sich nicht leicht täuschen. „Wahl verunsichert Sie.“ Sebastians Kiefer spannte sich. „Er ist leichtsinnig. Gefährlich.“ „Oder vielleicht“, sagte Grau gelassen, „ist er das, was Sie gern wären.“ Sebastian fuhr auf. „Ich bin, was Albion braucht. Stabil, poliert, vorbereitet. Kein zerlumpter Junge, der Parolen kritzelt.“ Grau lächelte leise, wie ein Lehrer, der einen Schüler belobigt. „Vielleicht. Aber merken Sie sich dies, Krone: Manchmal folgen Nationen dem zerlumpten Kind. Weil sie sich selbst in ihm sehen. Und in Ihnen sehen sie sich weit weniger.“ Sebastian hielt Graus Blick stand, jeder Instinkt drängte ihn zur Antwort, zum Gegenschlag. Doch er sagte nichts. Weil Grau recht hatte. --- Am Abend, bei einem Ball der Kanzlerfamilie, spielte Sebastian seine Rolle perfekt. Er tanzte, charmierte, lachte an den richtigen Stellen, lieferte die besseren Witze. Doch als Adrian Wahl den Saal betrat — schlicht gekleidet, aber mit unerschütterlicher Selbstsicherheit — wandte sich jeder Blick. Nicht zu Sebastian. Zu ihm. Sebastians Glas zerbrach in seiner Hand. Als er in der Nacht zum Anwesen zurückkehrte, das Blut noch schwach an seiner Handfläche, goss er sich ein weiteres Glas ein und stellte sich vor das Porträt seines Vaters. „Du hattest Unrecht“, flüsterte Sebastian. „Es sind nicht Blutlinien, die Albion zusammenhalten. Es sind… die Menschen.“ Er stellte das Glas mit Bedacht ab, sein Spiegelbild verzerrt im Kristall. „Was bedeutet“, murmelte er, „dass ich ihn brechen muss, bevor er uns bricht.“
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD