Kapitel 2

1178 Words
Cressidas POV. Ich öffnete die Augen. Der Schmerz kam zuerst, nicht die brennende Qual, die damit einhergeht, wenn einem das Herz herausgerissen wird. Es war etwas viel Langsameres, etwas… Unbeschreibliches. Ich schnappte nach Luft und fuhr ruckartig hoch. Ich zog schnell einen Atemzug ein, dann noch einen; meine zitternden Hände flogen instinktiv zu meiner Brust, dorthin, wo mein Herz ist. Der erstickende Druck, den ich so lange gespürt hatte, war verschwunden, ersetzt durch eine beruhigende Ruhe. Ich war ganz und lebendig. In diesem Moment traf mich der Geruch: Salbeirauch, eisenreiche Tinte und zerstoßene Mondblütenblätter. Mein Magen sackte ab. Nein. Ich kannte diesen Geruch. Mein Blick schnellte nach unten. Ich war oberkörperfrei. Mein Oberkörper war entblößt, mit halb vollendeten Runen über meine Rippen und entlang meiner Wirbelsäule, die schwach silberblau leuchteten, als wären sie von innen erhellt. „Hör auf, dich zu bewegen, und leg dich hin, ja?“ kam eine scharfe, vertraute Stimme. „Ich würde lieber einen Segen einprägen als einen Fluch.“ Mein Kopf ruckte nach oben. Meine Mutter saß hinter mir. Ihr dunkles Haar war fest den Rücken hinunter geflochten, Strähnen bereits von frühem Silber durchzogen. Ihre Ärmel waren bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, ihre Hände schwarz und blau von Tinte und Blut befleckt. In einer Hand hielt sie eine Knochennadel, die mit Hexensymbolen verziert war; in der anderen eine kleine Schale mit einer zähflüssigen, leuchtenden Flüssigkeit. Ihre Augen waren vor Konzentration verengt. Das war nicht nur eine Erinnerung oder ein Traum. Es war real. Mein Atem stockte. „M… Mom?“ Die Nadel hielt inne. Langsam hob sie den Blick, um meinem zu begegnen, scharf und prüfend. „Ich habe dir gesagt, du sollst nicht sprechen, während ich arbeite, Cressida.“ Meine Brust zog sich zusammen. Das war nicht der Wolfskäfig. Da war nicht Kaels kaltes Lächeln oder Isoldes spöttische Augen. Das war nicht der Tod. Es war eine zweite Chance. Das war das Heiligtum unter unserer Hütte. Der Steinboden. Die niedrige Decke war mit Ahnensigillen verziert. Der Ring aus Schutzzaubern summte leise in der Luft. Das war ein Monat vor meiner Hinrichtung. Meine Kehle schnürte sich zu, ich drehte mich um, ignorierte ihre Warnung und warf meine Arme um sie. Sie erstarrte sofort. „Cressida—“ „Du hattest recht, Mom,“ sagte ich mit heiserer Stimme und versuchte, meine Emotionen zu kontrollieren. „Du hattest immer recht. Er hat mich verraten, er—er,“ Ihre Hand schlug fest auf meine Schulter und packte zu. „Genug.“ sagte sie leise. „Was meinst du?“ Ich erstarrte. Sie zog sich zurück, ihre Augen suchten mein Gesicht nach Antworten ab. Sie war schon immer gut darin gewesen, Dinge zu bemerken. „Was zum Teufel hast du getan?“ fragte sie langsam. „Sag mir nicht, dass du das verfluchte Siegel gelöst hast.“ „Ja,“ antwortete ich. „Wie weit hat es dich zurückgeschickt?“ „Einen Monat,“ sagte ich. Sie sah mich besorgt an. „Es sollte ein Jahr sein, es sei denn, die Beschwörung wird unterbrochen.“ Der Blick meiner Mutter glitt zu den leuchtenden Runen, die in meine Haut geätzt waren. Dann zu der Schale mit Tinte. Dann zurück zu meinen Augen. „Verdammter Mond, Cressida.“ Sie stand abrupt auf und ging zu einem nahegelegenen Regal, das mit Schriftrollen, Knochen und Gläsern vollgestellt war, die von Zeit zu Zeit pulsierten. Mit ungewohnter Hast durchsuchte sie alles, zog ein altes, in Leder gebundenes Buch hervor und schlug es auf. Meine Mutter, Valentina, war die größte Runenverzauberin im gesamten Nightwell-Konklave. Sie war ein Workaholic, jemand, der die Last der Verantwortung selbst für Dinge übernahm, die sie nichts angingen. „Was hast du angeboten?“ fragte sie. „Solche Flüche bieten etwas und nehmen etwas. Sie nähren sich oft von negativen Emotionen, um zu funktionieren.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte nur getan, was ich konnte, um zu überleben. Ich hatte damals nicht einmal klar denken können. Ich war gestorben und zurückgekehrt, aber sie reagierte ruhiger, als ich erwartet hatte. Sie musste schon absurdere Dinge gesehen haben, damit das hier so normal wirkte. „Ich erinnere mich nicht wirklich an viel,“ sagte ich und dachte über das nach, was geschehen war. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände. „Oh, mein Baby. So jung und doch schon mit so viel Verantwortung belastet.“ Sie ging zurück zum Regal und suchte weiter nach einem Gegenstand. „Die Last einer zweiten Chance… deine zweite Chance ist es, Kael zu töten. Du wirst innerhalb eines Monats sterben, wenn du scheiterst.“ sagte sie beiläufig, während sie zu mir zurückkam. Es war ein fairer Tausch, wirklich. Ein Monat, um das Leben noch einmal zu durchleben, und ich musste Kael töten, um den Fluch zu brechen. Tief in mir wusste ich es bereits. Und meine Mutter auch. Ich wusste nur zu gut, was sie in ihren Händen hielt. „Das ist Silverfang, ein uraltes Artefakt, das zum Töten von Übernatürlichen verwendet wird. Nimm es und beende, was du begonnen hast.“ Sie küsste mich auf die Stirn. „Es wird keine dritte Chance geben, Liebling, also nutze diese zweite gut.“ Ich nickte, unfähig zu sprechen. Sie nahm ihre Arbeit wieder auf, ihre Bewegungen präzise und bedacht. Die Nadel durchbohrte erneut meine Haut, Schmerz flammte auf, aber diesmal hieß ich ihn willkommen. Jede Linie brannte sich in mich ein, Macht zog sich wie flüssiges Feuer durch meine Adern. Schließlich trat sie zurück und wischte ihre Hände mit einem Tuch sauber. Die Runen verblassten und legten sich unter meine Haut wie schlafende Bestien. „Du warst schon immer stur, Cressida. Ich hoffe nur, du hast etwas gelernt und wirst nicht wieder blindlings hineinstürmen.“ „Das werde ich nicht,“ versicherte ich ihr. „Man nennt Kaels Land das Nightfall-Dominion,“ sagte sie. „Das Gebiet der Blackfangs erstreckt sich vom Ironwood-Kamm bis zum Aschenfluss. Er herrscht durch ruhige Angst und Inszenierung.“ Ich erinnerte mich an die Käfige. Den Rat. Die Art, wie sie mich wie Beute angesehen hatten. Ich erinnerte mich daran, mich in dieses Monster, Kael, verliebt zu haben. „Ich gehe zurück,“ sagte ich selbstbewusst. „Wie geplant.“ Ich wusste, wo er sein würde. Schließlich hatten wir unsere Hochzeit heimlich für in ein paar Tagen geplant. Hexen und Werwölfe waren im Krieg, so lange sich die Geschichte erinnern konnte. Ursprünglich war ich geschickt worden, um den verdammten Bastard zu töten; ich konnte nicht anders, als unter seinem charmanten Aussehen und seiner engelsgleichen Stimme einzuknicken. Nicht mehr. Dieses Mal würde ich ihn endgültig töten. Die Weite des Nightfall-Dominions erstreckte sich vor mir, dunkel und dicht. Von Zeit zu Zeit waren Wolfsgeheul zu hören. Ich stand knapp jenseits der Grenzlinie, verborgen zwischen den Bäumen, und beobachtete, wie sich die Patrouillen in eingespielten Mustern bewegten, als eine vertraute Präsenz meine Sinne streifte. Kael Nightfang. Er stand vor mir, als wäre er aus dem Nichts erschienen. Beta Eric stand neben ihm. Er sprach mit sanfter, tiefer und amüsierter Stimme. „Du bist früh, meine kleine Hexe.“
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD