Nach einer neunzigminütigen Fahrt vom Flughafen beugte sich Grier nach vorne und klammerte sich am Armaturenbrett des Wagens ihres Schwagers fest. Dabei spürte sie die Aufregung, nach mehr als sechs Monaten endlich mal wieder nach Hause zu kommen.
Ihr Schwager Curly stand ihr so nah wie ein richtiger Bruder, da er immer mit Twila zusammen gewesen war. Sie war überrascht gewesen, ihn zu sehen, als sie die Sicherheitskontrolle passiert hatte. Normalerweise wären ihr Vater oder ihre Großeltern väterlicherseits dort gewesen, um sie abzuholen. Aber laut Curly gab es ein Problem mit einer Lieferung, die sie aus der Stadt erwarteten, um sich auf die Feiertage vorzubereiten. Sowohl ihr Vater als auch Twila versuchten, die Sache zu klären. Ihre Großeltern waren auf einer Kreuzfahrt und noch nicht wieder zurück. Sie war froh darüber.
Sie hatten ein bisschen geplaudert, während Curly ihr auf der Heimfahrt Neuigkeiten über alle Einwohner des Ortes mitteilte. Allerdings waren es nicht wirklich Neuigkeiten, denn in ihrem Heimatort änderte sich nie etwas. Es waren immer dieselben Geschichten, die sich nur mit teilweise anderen Akteuren wiederholten. Es gab immer eine skandalträchtige Teenagerschwangerschaft, meist aus einer der bekannteren Familien. Es gab immer eine geliebte Person, die krank wurde und um die sich der ganze Ort dann sorgte. Vor zwei Jahren war es ihre Oma. Es gab immer einen Touristen, der auf dem Weg zum Skigebiet durch den Ort fuhr oder vom Resort herüberkam, und sich in eine der Einheimischen verliebte, aber nie blieb. Trotzdem sog sie jeden Klatsch und Tratsch auf, als ob Curly die beste Predigt hielt, die sie je gehört hatte.
Aber jetzt war sie bereit, endlich zu Hause bei ihren Eltern anzukommen. Besonders bei ihrer Mutter und Schwester, um deren Unterstützung nach dem höllischen Wochenende zu spüren, das sie durchgemacht hatte.
„Bist du bereit? Deine Mutter kann es kaum noch erwarten, dich in die Arme zu schließen. Sie hat am Wochenende geweint, nachdem sie herausgefunden hat, was der kleine Psychopath dir angetan hat.“
„Ich könnte wirklich eine Umarmung von ihr gebrauchen“, gab Grier zu, als sie ihre Mutter aus dem Wohnzimmerfenster des großen Bauernhauses schauen sah. Der Wagen kam zum Stillstand und Grier sprang aus dem Fahrzeug und rannte in die ausgestreckten Arme ihrer Mutter.
Ihre Mutter wiegte sie sanft in ihren Armen hin und her. „Oh, mein Schatz. Es tut mir so leid, dass du all diesen Mist so kurz vor Weihnachten durchmachen musst. Mein armes Mädchen. Du bist jetzt zu Hause. Mama wird sich gut um dich kümmern, solange du hier bist.“
Grier spürte, wie Tränen in ihren Augen aufstiegen, und sie kämpfte darum, nicht bei den beruhigenden Worten ihrer Mutter zu weinen. „Wie konnte sie mir das nur antun, Mama?“
„Weil sie ein riesengroßes Arschloch ist!“ Twilas Worte schwebten um sie herum, als sie sowohl sie als auch ihre Mutter in ihre Arme schloss. „Willkommen zu Hause, Grier! Wir werden später ein Lagerfeuer machen und all den Mist verbrennen, den sie hier über die Jahre hinterlassen hat.“
„Ich bin nicht einmal wütend wegen des Kerls, aber sie war meine Freundin“, schniefte sie an der Schulter ihrer Mutter.
„Dumme Spermadeponie“, zischte Twila.
Ihre Mutter schlug nach ihr, traf sie am Hintern und Twila sprang auf, was Grier zum Kichern brachte.
„Mein Chef hat im Forschungslabor für Produktentwicklung eine essbare Schleim-Süßigkeit hergestellt und sie in kleine Plastikbehälter gefüllt. Dann hat er Etiketts mit der Aufschrift Spermadeponie darauf geklebt. Er hat mir heute Morgen eine Textnachricht geschickt, um mir mitzuteilen, dass er Hazel ein Paket zu ihr nach Hause geschickt hat.“
„Nein!“ Twila war zugleich entsetzt und beeindruckt. „Warum?“
„Ich habe es dir doch schon gesagt. Er hat mir meinen Laptop zurückgebracht, den ich in seinem Auto vergessen hatte. Wir waren einen Tag früher zurück und ich war so aufgeregt, seinem mürrischen Gesicht zu entkommen, dass ich meinen Koffer, aber nicht meine Laptoptasche mitgenommen habe. Er hat sie auf dem Boden bemerkt und sie mir dann nach Hause gebracht. Er war also da, als ich Hazel und Arlo konfrontierte.“
„Das erklärt nicht, warum er plötzlich nett zu dir ist.“ Ihre Mutter runzelte die Stirn, während sie die Mädchen ins Haus zog.
„Also, gestern Morgen kam Hazel früher zur Arbeit, um mich zum Reden zu bewegen, da ich sie auf meinem Handy blockiert hatte. Ich hatte mich auch geweigert, sie erneut in meine Wohnung zu lassen. Also sprach sie mich in der Nähe des Aufzugs an. Ich sagte ihr, dass sie zu Weihnachten nicht mehr eingeladen ist und teilte ihr auch noch ihren neuen Spitznamen mit.“ Grier lächelte ihre Schwester halbherzig mit geröteten Augen an. „Sie ist ausgerastet und hat so einen Aufstand veranstaltet, dass sie dafür gefeuert wurde. Jedenfalls habe ich ein professionelles Bild abgegeben, aber mein Chef wollte danach wissen, was los war. Ich erzählte es ihm und erwähnte auch den neuen Spitznamen. Er, als der großartige Süßwarenhersteller, der er ist, entschied sich dann dafür, dass wir ihr eine Version für Erwachsene von Kohle im Nikolausstiefel schenken sollten. Also kreierte er ihr zu Ehren eine Leckerei. Die kleinen Etiketten wurden gedruckt und auf die Dosen geklebt und dann war alles fertig. Sie sehen aus wie echte Süßwarenbehälter aus einem Laden, sind aber definitiv nicht jugendfrei.“
Nun konnte Twila ihr Lachen nicht mehr zurückhalten. „Warum hast du uns nie erzählt, dass er solch einen Sinn für Humor hat?“
„Weil ich es auch nicht wusste. Er war immer ein mürrischer Kerl. Aber gestern Morgen hat er tatsächlich gelächelt. Ich meine, es war ein richtig breites Grinsen.“ Sie setzte sich auf das Sofa und schenkte Curly ein breites, anerkennendes Lächeln, während er mit ihren beiden Koffern und einer Übernachtungstasche über der Schulter an ihnen vorbeiging. Er brummte ihr als Antwort zu und sie stieß ihre Schwester mit dem Ellbogen an. „Du solltest ihm vielleicht helfen. Ich bin eben einfach aus seinem Wagen gesprungen und habe nicht einmal angeboten ihm zu helfen.“
„Im Ernst? Ich jage den armen Mann durchs Haus. Er versteckt sich vor mir.“ Twila beobachtete offen, wie das Hinterteil ihres Mannes den Flur zu Griers Kinderzimmer hinunter verschwand. „Dieser Hintern gehört später mir, Curly.“
Grier kicherte, als er zurückkam und damit wackelte, was ihm einen Pfiff von seiner Frau einbrachte, bevor er wieder verschwand.
„Eine Mutter muss sowas nicht wissen.“ Ihre Mutter Phoebe verzog das Gesicht.
„Oh, als ob wir dich und Papa nicht gehört hätten“, konterte Twila.
„Oder euch circa hundertmal erwischt hätten“, fügte Grier hinzu.
Ihre Mutter zuckte mit den Schultern. „Stimmt auch wieder. Euer Vater ist einfach heiß. Also zurück zu dem fiesen Chef.“ Sie winkte mit den Händen. „Hat er sich plötzlich total verändert?“
„Nein. Ich denke, es war eher ein Ausrutscher in seinem Verhalten. Um zehn Uhr morgens war er wieder ein riesiger Idiot und obwohl er wusste, dass ich heute Morgen um sieben fliegen würde, ließ er mich bis neun Uhr abends schuften und verabschiedete sich nicht einmal, als ich aus dem Auto stieg. Wenigstens versorgt er mich immer mit Essen, wenn wir lange arbeiten. Und das Essen ist wirklich gut. Ich glaube, ich bleibe nur wegen des Essens dort. Gestern Abend gab es eine Lieferung aus einem Fünf-Sterne-Restaurant und ich habe die besten, wirklich die absolut besten, Makkaroni mit Hummer meines Lebens gegessen. Ich werde das feine Essen in den nächsten Wochen vermissen.“ Sie wusste, dass ihre Familie sie die meisten ihrer Mahlzeiten kochen lassen würde. Aber das machte ihr nichts aus.