Trautes Heim, Glück allein - 2

1409 Words
„Da wir schon von Essen reden, das Weihnachtsgericht deiner Tante im Restaurant ist Hackbraten mit Ahornsirup.“ „Warum?“ Grier schauderte. „Ich weiß es auch nicht. Aber die Leute kaufen es tatsächlich und mögen es sogar.“ „Hast du es probiert?“, fragte sie ihre Schwester. „Als ob ich das probieren würde. Hackbraten sollte entweder mit Bratensoße oder mit Tomatensoße serviert werden. Das war's.“ Twila war eindeutig nicht beeindruckt von den Kreationen meiner Tante. „Nick würde den Hackbraten mit Ahornsirup definitiv mögen“, überlegte Grier in Bezug auf ihren Chef. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihn jemals einen ganzen Tag ohne irgendeine Art von Süßigkeiten gesehen habe. Seine Zahnarztrechnungen müssen astronomisch hoch sein.“ „Du hast schon den ganzen Morgen von ihm gesprochen.“ „Er hat mich dieses Wochenende einfach völlig aus der Bahn geworfen.“ Sie holte tief Luft. „Ich habe ihm sogar von Kash und Candy erzählt.“ „Was hielt er davon? Ich bin neugierig auf die Meinung des Idioten“, grinste Twila. „Er bot an, Kash auch eine Kiste der speziellen Bonbons zu schicken.“ „Kash war gestern in der Bäckerei und fragte, wann du nach Hause kommst. Er versuchte, es beiläufig klingen zu lassen, aber man merkt ihm an, dass er immer noch an dir interessiert ist.“ „Er kann mich mal kreuzweise!“ Grier duckte sich vor dem Schlag ihrer Mutter. „Er war mit meiner Cousine im Bett und hat sie geschwängert.“ „Vor dreizehn Jahren!“ „Mama!“ Bei den Worten ihrer Mutter konnte Grier nur mit den Augen rollen. „Am darauffolgenden Wochenende schenkte er mir einen Ring an dem Ort, wo wir nur zwei Monate zuvor zusammen unsere Jungfräulichkeit verloren hatten.“ „Du warst kaum siebzehn. Du hättest sowieso keinen s*x haben sollen“, beharrte ihre Mutter. „Richtig. Deshalb sind du und Twila kaum achtzehn Jahre auseinander, oder?“ Sie verspottete ihre Mutter ein wenig. „In einer so kleinen Stadt, wenn die Winter so kalt sind, gibt es nur wenige Aktivitäten, denen man nachgehen kann. Man kann ja nicht in einer Tour mit dem Heuwagen fahren und heiße Schokolade trinken. Irgendwann findet man eben andere Wege, um sich warmzuhalten.“ „So ist das also“, sagte Twila und zwinkerte dann ihrem Mann zu, der den Flur entlang zurückkam. „Was hat so lange gedauert?“ Er warf Grier ein Handy zu. „Das Ding ging im unteren Teil deiner Laptoptasche wie verrückt los. Es hat ewig gedauert, es zu finden. Ich dachte, es muss wichtig sein, da es nicht aufhörte zu klingeln.“ „Das ist mein Arbeitshandy und ich hätte es ausschalten sollen.“ Sie stöhnte ungeduldig, als sie die Anzahl der verpassten Anrufe von Meg und Nick sah. „Ruf nicht zurück!“ Twila drängte sie mit weit aufgerissenen Augen. „Was würdest du machen, wenn Papa dich im Urlaub anrufen würde und du wüsstest, dass es um die Arbeit geht?“ „Ich würde rangehen.“ Twila ließ sich resigniert rückwärts auf das Sofa fallen. „Aber ich würde es nur widerwillig tun.“ Grier versuchte zuerst, Meg anzurufen, aber der Anruf wurde sofort an die Mailbox weitergeleitet. Während ihre Mutter, ihre Schwester und ihr Schwager ihr zusahen, rief sie Nick über Lautsprecher an. Sie hatten ihren Chef noch nie getroffen und auch noch nie seine Stimme gehört. Sie kreuzte die Finger und betete, dass er sich nicht wie ein totales Arschloch verhalten würde. „Wie verdammt lang war dein Flug, dass du nicht ans Handy gehen konntest?“ Und da war er in all seinem Arschloch-Glanz. Grier rollte mit den Augen. „Meine Laptoptasche war hinten im Auto und ich habe es nicht klingeln gehört, weil das hier mein Arbeitshandy ist. Ich bin im Urlaub, Herr Santos“, knirschte sie durch die Zähne. „Was bedeutet, dass ich ausschließlich mein privates Handy benutze.“ „Ist das immer noch im Flugmodus, weil du auch darauf nicht antwortest?“ „Eigentlich ...“ Sie prustete. „Ja, das ist es. Also, was kann ich für Sie tun?“ „Megs Blinddarm ist geplatzt. Genau hier im verdammten Büro.“ Grier schloss die Augen und fiel zurück gegen die Sofakissen, wie es ihre Schwester gerade getan hatte. „Nein.“ „Doch. Sie hatte Schmerzen im Bauch, aber hatte zu viel Angst, es mir zu sagen. Dann fiel sie direkt vor meinem Schreibtisch um, während sie mir einen Kaffee brachte. Jetzt ist überall Kaffee und der ist auch noch mit Kotze vermischt, weil sie, als sie wieder zu sich kam, anfing zu erbrechen. Dann trampelten die Sanitäter mit ihren dreckigen, matschigen Stiefeln auch noch überall herum. Mein Büro sieht aus wie in einer Staubsaugerwerbung, bevor die Geräte getestet werden. Ich habe versucht, deine Kontakte durchzugehen, um die Spezialreiniger zu finden, die du das letzte Mal engagiert hast, als das Fruchtwasser der schwangeren Frau in meinem Büro platzte. Ich glaube, ich würde das lieber noch einmal sehen als Megs Kotzen und ihre Zuckungen.“ „Wie geht es Meg?“, erinnerte sie ihn daran, dass es um eine Person ging. „Sie unterzieht sich gerade einer Operation. Ich habe bereits alle Rechnungen bezahlt und dem Chirurgen gesagt, dass ich die Anwaltskosten der Familie bezahlen werde, um ihn zu verklagen, falls Meg sterben sollte. Daher gehe ich davon aus, dass sie es überleben wird.“ Der Mund ihrer Mutter formte ein O, während sie ihre Augenbrauen hochzog angesichts der kaltherzigen Art, wie Griers Chef über seine Angestellte sprach. „Ich werde das Krankenhaus anrufen und mich nach ihr erkundigen. Danach werde ich die Reinigungsfirma kontaktieren. Aber Sie müssen dann aus dem Büro raus, damit sie ihre Arbeit machen können, weil sie Angst vor Ihnen haben. Arbeiten Sie einfach im Konferenzraum, bis es fertig ist. Ich werde auch die Personalabteilung anrufen und sehen, ob jemand meinen Schreibtisch übernehmen kann.“ Sie schickte sich bereits Nachrichten mit der Frau von der Reinigungsfirma, die sich über Nicks Verhalten beschwerte. Grier bot ihr an, die reguläre Gebühr zu verdoppeln. Die Frau verlangte das Dreifache. Erledigt. „Reinigungsfirma ist unterwegs.“ „Grier, ich kann schon Meg kaum ertragen, verdammt nochmal. Ich will definitiv nicht so eine Hohlbirne, die mir die Personalabteilung schicken wird.“ Seine Worte drangen zu ihr durch und sie kam aus ihren Gedanken zurück. „Nein! Ich komme nicht zurück. Es ist Weihnachten und ich verbringe die Zeit mit meiner Familie!“ „Gut. Dann komme ich zu dir. Ich kann von überall aus arbeiten. Ich brauche meine rechte Hand. Erinnerst du dich, worüber wir gestern gesprochen haben?“ „Ich bin im Urlaub. Ich will nicht arbeiten.“ „Du bekommst deine freie Zeit im neuen Jahr zurück.“ „Nein.“ „Zehntausend Euro als Bonus.“ Grier sah, wie sich Twilas Augen ungläubig weiteten und ihre Mutter packte ihren Arm. „Vierzig.“ „Fünfundzwanzig.“ „Das ist doch verrückt. Ihnen ist schon klar, dass dieser Ort hier ein Ziel für Weihnachtsurlaube ist, oder? Die Leute kommen von weit her, um hier die Feiertage zu verbringen, wegen der Baumplantage, dem Skihang, dem See, der komplett zugefroren ist, sodass man Schlittschuh laufen und Eisfischen kann. Es ist genau wie in diesen Weihnachtsfilmen. Daher ist es auch unmöglich jetzt noch eine Unterkunft hier zu bekommen.“ Sie vermisste den fünfundzwanzigtausend Euro Bonus jetzt schon. Sie redete sich ein, dass sie nur an das Geld dachte und dass sie nicht seltsam süchtig nach seiner fiesen Art war und ihn um sich haben wollte, um sich von dem Herzschmerz wegen Hazel abzulenken. „Eigentlich haben wir ein Zimmer, das noch nicht gebucht ist“, meldete sich Twila zu Wort. „Es ist das kleinste Zimmer und es ist ganz oben in der Pension. Also muss man immer bis hoch in den vierten Stock, aber ...“ Grier warf ihrer Schwester einen Blick zu, der sie auf der Stelle hätte umbringen sollen. Aber ihre Schwester grinste wie eine Verrückte. Ihre Mutter hüpfte aufgeregt auf dem Sofa hin und her. „Ich nehme es. Ich brauche nicht viel. Ich brauche einfach nur meine verdammte Assistentin. Ich buche gerade meinen Flug. Wir sehen uns in ein paar Stunden.“ Der Anruf endete und Grier wandte sich trotz des Flatterns in ihrem Herzen anklagend an ihre Schwester. „Was hast du gerade getan?“
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD