Kapitel 1: Die Löwengrube
Der Regen, der auf die raumhohen Glaswände der VIP-Lounge im Obsidian Club prasselte, klang wie Rauschen. Draußen in Manhattan war die Nacht ein verschwommenes Durcheinander aus Bremslichtern und Pfützen auf der Wall Street. Drinnen war die Klimaanlage so kalt, dass Zara Croft trotz ihres geliehenen smaragdgrünen Kleides eine Gänsehaut bekam.
Sie gehörte nicht hierher. Jede ihrer Bewegungen fühlte sich schwer und unbeholfen an. Kellner in Anzügen schwebten mit silbernen Tabletts voller Champagnergläser vorbei, die mehr kosteten als ihr Monatsgehalt als private Literaturlehrerin.
Zara umklammerte ihre mit Perlen besetzte Clutch fest. Sie hatte drei Tage lang nach ihrer Schwester Vivien gesucht, die sich in Luft aufgelöst hatte. Vivien hatte einen Laptop, eingefrorene Bankkonten und eine panische SMS hinterlassen: „Diesmal habe ich es richtig vermasselt, Zee. Wenn sie mich finden, bin ich tot. Such mich nicht.“
Aber Zara musste suchen. Die medizinischen Behandlungen ihrer Mutter hingen von Viviens Stabilität ab. Als Zara in Viviens Schreibtischschublade eine Einladung zu dieser Tech-Gala eines Unternehmens fand, zog sie das Kleid ihrer Schwester an, frisierte sich die Haare und betrat die Höhle des Löwen.
Die Atmosphäre im Raum veränderte sich schlagartig. Das ungezwungene Geplauder der Gäste verstummte augenblicklich. Die doppelten Eichentüren schwangen auf, und es schien, als würde es im Raum kälter werden.
Adrian Vance betrat den Raum. Zara hatte sein Gesicht schon auf Zeitschriftencovern gesehen. Doch die Fotos wurden dem Eindruck, den der Mann persönlich hinterließ, nicht gerecht. Er war groß, breitschultrig und trug einen mitternachtsschwarzen Anzug, der ihm wie eine Rüstung passte. Seine Augen hatten einen durchdringenden, berechnenden Grauton, der dennoch Wärme ausstrahlte.
Er schaute weder die Milliardäre noch die Tech-Investoren an. Sein Blick streifte durch den Raum, bis er auf Zara ruhte. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Er schaut mich an. Nein, er schaut Vivien an.
Adrian lächelte nicht. Er hob eine Hand, und zwei massige Sicherheitsleute lösten sich von der Wand, die den Ausgang hinter ihr versperrte.
Adrian ging auf sie zu, seine Schritte waren bedächtig und autoritär. Jeder Schritt fühlte sich für Zara an wie eine Countdown-Uhr, die in ihrem Kopf herunterzählte. Sie wollte weglaufen, schreien, dass sie die falsche Schwester hatten, doch ihre Absätze schienen am Boden festzukleben.
„Vivien Croft“, sagte Adrian. Seine Stimme war ein rauer Bariton, der durch ihre Brust vibrierte. Es gab keine Begrüßung, keine Höflichkeit. Es war eine Erklärung der Gefangennahme.
„Mr. Vance“, brachte Zara mit trockener Kehle hervor. Sie zwang ihre Stimme zu einem höheren Ton, um Viviens Selbstsicherheit nachzuahmen.
Adrian blieb vor ihr stehen. Er war so nah, dass sie sein Parfüm riechen konnte – eine Mischung aus Zedernholz, schwarzem Pfeffer und teurem Leinen. Er blickte auf sie herab, seine grauen Augen verengten sich, während sie ihr Gesicht musterten.
„Hast du wirklich geglaubt, du könntest dich nach dem, was du getan hast, vor aller Augen verstecken?“, fragte er, wobei seine Stimme zu einem leisen Flüstern absank.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, log Zara, während ihre Hände zitterten. „Wenn es hier um ein geschäftliches Missverständnis geht …“
„Ein Missverständnis?“, stieß Adrian humorlos hervor. „Du nennst den Diebstahl des Kernalgorithmus meines Unternehmens ein Missverständnis? Du hast die Verschlüsselungscodes an Marcus Sterling weitergegeben, Vivien. Du hast meinem Rivalen die Waffe in die Hand gegeben, mit der er Vance Enterprises zerschlagen kann.“
Die Anschuldigung traf Zara wie ein Schlag. Ihr sank das Herz. Vivien hatte schwerwiegende Wirtschaftsspionage gegen den mächtigsten Mann der Stadt begangen.
„Mr. Vance, hören Sie mir zu“, flehte Zara. Sie wollte die Wahrheit gestehen. Sie wusste, dass dies eine Katastrophe für ihre Schwester und ihre Mutter bedeuten würde.
Als sie in Adrians gnadenlose Augen blickte, breitete sich eine schreckliche Erkenntnis in ihrer Brust aus. Wenn sie leugnete, Vivien zu sein, würden Adrians Ressourcen sofort auf die Fahndung nach ihrer Schwester ausgerichtet werden. Vivien würde noch vor Ende der Woche ins Gefängnis geworfen werden. Mehr noch: Der Name der Familie Croft würde in den Schmutz gezogen, ihr Vermögen beschlagnahmt und die medizinische Versorgung ihrer kranken Mutter würde im Handumdrehen wegfallen. Bis zum Morgen wäre ihre Familie vollständig zerstört.
Zara holte qualvoll Luft. Sie musste die Rolle spielen. Sie musste Vivien Zeit verschaffen, egal, was es sie selbst kosten würde.
„Sie können nichts beweisen“, sagte Zara und zwang sich zu einem spöttischen Lächeln. „Das sind alles nur Spekulationen, Mr. Vance. Sie haben kein Recht, mich so in die Enge zu treiben.“
Adrians Miene veränderte sich nicht. Ein Funke blitzte in seinen Augen auf. Er zog ein mattschwarzes Tablet hervor und drehte es ihr zu.
Auf dem Bildschirm war eine Überwachungsaufnahme zu sehen, die eine Frau mit verdecktem Gesicht zeigte, die Viviens Jacke trug und einen USB-Stick in ein gesichertes Terminal bei Vance Enterprises einsteckte.
„Das ist Unternehmenssabotage, Vivien“, sagte Adrian mit emotionsloser Stimme. „Morgen um 8:00 Uhr liegen dieses Filmmaterial sowie die forensischen Spuren des Offshore-Kontos, über das Sterling dich bezahlt hat, auf dem Schreibtisch des FBI. Die Durchsuchungsbefehle sind bereits ausgestellt. Das Haus deiner Eltern? Zwangsversteigert. Dein Name? Ruiniert. Du wirst die nächsten zwanzig Jahre deines Lebens in einer Betonzelle verbringen.“
Zara hatte das Gefühl, der Raum würde sich drehen. Die Wände schienen sich um sie herum zusammenzuziehen. Adrians Macht war absolut; er bluffte nicht.
„Was willst du von mir?“, flüsterte sie, während ihre vorgetäuschte Zuversicht zerbröckelte. „Bitte. Es muss doch einen anderen Weg geben.“
Adrian trat näher und drang in ihren persönlichen Raum ein. Für einen Moment wanderte Adrians Blick zu der Pulsstelle an ihrem Hals, die wild pochte. Ein winziges Stirnrunzeln zeichnete sich auf seiner Stirn ab, als ob etwas an ihrer echten Angst nicht ganz zu dem kalten, berechnenden Dieb passte, den er erwartet hatte.
Die Sanftheit verschwand so schnell, wie sie gekommen war, und wurde durch eine eiserne Mauer der Rache ersetzt.
„Du hast eine Markteinführung im Wert von mehreren Milliarden Dollar ruiniert“, flüsterte Adrian, sein Atem warm an ihrer Wange. „Du hast eine Schuld bei mir, die du unmöglich in drei Leben zurückzahlen kannst. Ich bin ein Geschäftsmann und glaube daran, Wert dort einzufordern, wo er fällig ist.“
Er zog ein cremefarbenes, in Leder gebundenes Dokument hervor und ließ es auf den kleinen Cocktailtisch neben ihnen fallen.
„Was ist das?“, fragte Zara mit zitternder Stimme.
„Ein Entschädigungsvertrag“, antwortete Adrian gelassen. „Eine einjährige Vereinbarung über uneingeschränkte Gehorsamkeit. Du wirst dein gesamtes persönliches Vermögen an Vance Enterprises abtreten. Du wirst dein bisheriges Leben aufgeben und als meine persönliche Assistentin unter meiner direkten Aufsicht arbeiten – vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Du wirst dorthin gehen, wohin ich dir sage. Du wirst tun, was ich dir sage. Und vor allem wirst du in der Öffentlichkeit als meine Verlobte auftreten, um den Aktienwert des Unternehmens zu stabilisieren, bis der neue Algorithmus wiederhergestellt ist.“
Zara starrte auf das Dokument. „Eine Verlobte? Du hasst mich. Jeder weiß, dass du mich hasst.“
„Genau deshalb werden die Leute es glauben, wenn wir sagen, dass unsere große Rivalität nur eine Tarnung für eine Liebesbeziehung war“, sagte Adrian mit kalter Stimme. „Das wird die Reporter ablenken, meine Chefs zufriedenstellen und verhindern, dass die Börse ausflippt, während ich Marcus Sterling finde und mich um ihn kümmere.“
„Und wenn ich Nein sage?“ fragte Zara mit kaum hörbarer Stimme.
„Dann unterschreibe ich das Papier, um den Behörden die Informationen zu geben, die sie brauchen“, sagte Adrian und blickte mit eiskalter Gelassenheit auf seine Uhr. „Du hast sechzig Sekunden Zeit, dich zu entscheiden, Vivien. Entweder du unterschreibst das Papier und arbeitest ein Jahr lang für mich, oder deine Familie steht bis zum Morgen vor einer völligen Katastrophe.“
Zara blickte vom Vertrag zu Adrians gnadenlosem Gesicht auf. Die Last dieser Entscheidung erdrückte sie. Sie gab ihre Freiheit, ihr Leben und ihre Identität an einen Mann ab, der sie mit Hass ansah. Sie würde in einer Lüge gefangen sein und unter dem Blick eines Tyrannen leben, der sie in dem Moment vernichten würde, in dem er merkte, dass sie nicht die Schwester war, die er wollte.
Die Stille zwischen ihnen wurde schwer und erstickend, unterbrochen nur vom Geräusch des Regens draußen.
Adrian griff in seine Tasche, holte einen Stift heraus und schraubte mit einem leisen Klicken die Kappe ab. Er hielt ihn ihr hin.
„Dreißig Sekunden“, sagte er leise.
Zaras Hand zitterte so sehr, dass ihre Finger seine warme Handfläche berührten, als sie den Stift entgegennahm. Der kurze Kontakt fühlte sich wie ein Schock an, der sie leise nach Luft schnappen ließ. Sie blickte auf die Unterschriftszeile am unteren Rand der Seite. Dort stand nicht „Zara Croft“, sondern „Vivien Croft“.
Mit dem Gedanken an das Gesicht ihrer Mutter und die Warnung ihrer Schwester unterschrieb Zara das Papier.
Sie fälschte die Unterschrift ihrer Schwester in Schreibschrift.
Adrian beobachtete sie aufmerksam, seine Augen verfolgten jede Bewegung ihrer Hand. In dem Moment, als sie mit dem Unterschreiben fertig war, griff er nach unten, nahm ihr den Vertrag weg und klappte ihn mit einem Schnappen zu.
„Eine kluge Entscheidung“, sagte Adrian, und ein Funkeln erschien in seinen grauen Augen. Er wandte sich an seinen Sicherheitschef Silas, der am Rand der Lounge wartete. „Silas, lass das Auto zum Eingang vorfahren. Bereite das Gästezimmer in meinem Penthouse vor.“
Zara hob ruckartig den Kopf, ihre Augen weiteten sich vor Panik. „Dein Penthouse?