Kapitel 2: Zu nah
Der nächste Tag begann früher, als Aria wollte. Sie hatte kaum geschlafen, nicht wegen der Arbeit, sondern wegen ihm. Dieses kurze Aufeinandertreffen ließ sich nicht abschütteln, als hätte sich etwas in ihr festgesetzt, etwas, das sie weder greifen noch ignorieren konnte.
„Du siehst aus, als hättest du kein Auge zugemacht. Was ist passiert?“ Lena stellte den Kaffee vor sie und musterte sie genauer, als Aria lieb war.
Aria setzte sich langsam und strich sich eine lose Strähne aus dem Gesicht. „Nichts Besonderes.“
Lena lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Seit wann ist ‘nichts’ bei dir so offensichtlich gelogen?“
Aria ließ den Blick über den Tisch wandern, suchte nach einer einfachen Antwort und fand keine. „Ich habe jemanden getroffen.“
„Und das bringt dich so aus dem Gleichgewicht?“ Lena zog eine Augenbraue hoch. „Wer ist er?“
Aria zögerte einen Moment. „Ich kenne ihn nicht. Es war nur ein Moment…“ Sie hielt kurz inne, als würde sie selbst nach den richtigen Worten suchen. „Mehr nicht. Aber ich bekomme ihn nicht aus dem Kopf.“
Lena lächelte leicht, fast wissend. „Ein Moment, der bleibt, ist selten nur ein Moment.“
Aria hob die Tasse, mehr um sich zu beschäftigen als aus Durst. „Vielleicht.“
Am Nachmittag versuchte sie, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Die Kamera in ihren Händen war vertraut, etwas, das sie kontrollieren konnte, im Gegensatz zu ihren Gedanken, die ihr immer wieder entglitten.
Dann hörte sie den Motor.
Tief und rau. Unverwechselbar.
Noch bevor sie sich umdrehte, wusste sie, dass es kein Zufall war.
Langsam hob sie den Blick.
Er war da.
Nicht am Rand. Nicht beiläufig.
Er kam direkt auf sie zu.
Seine Schritte waren ruhig und sicher, als hätte er nie gezweifelt, wo er sie finden würde. Aria spürte, wie sich ihr Puls veränderte, schneller, unruhiger, als würde ihr Körper früher reagieren als ihr Verstand.
Er blieb vor ihr stehen, nah genug, um seine Präsenz deutlich zu spüren.
„Du siehst mich schon wieder so an. Gewohnheit?“ Seine Stimme war ruhig, fast amüsiert.
Aria hob leicht das Kinn. „Vielleicht stehst du einfach zu oft im Weg.“
Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht. „Dann sollte ich vielleicht genau hier bleiben.“
„Das wäre ziemlich selbstsicher, findest du nicht?“ erwiderte sie, ohne den Blick abzuwenden.
„Nein. Nur ehrlich.“
Sein Blick blieb auf ihr, aufmerksam, ruhig, als würde ihm nichts entgehen.
„Fotografierst du jeden, der dir über den Weg läuft?“ fragte er.
Aria verschränkte leicht die Arme. „Nur die, die interessant genug sind.“
„Und ich?“ Sein Blick wurde intensiver. „Bin ich interessant genug?“
Sie hielt seinem Blick stand, obwohl sie spürte, dass diese Frage mehr bedeutete, als sie zugeben wollte. „Das entscheide ich noch.“
Er nickte langsam. „Dann habe ich wohl noch Zeit.“
Die Stille zwischen ihnen war nicht unangenehm, aber sie war geladen, als würde sich etwas aufbauen, das keiner von ihnen aussprach.
„Wie heißt du?“ fragte er schließlich.
„Aria.“
Sein Blick veränderte sich kaum merklich. „Kael.“
Der Name passte zu ihm. Ruhig. Kontrolliert. Und auf eine seltsame Weise schwer.
„Du stellst viele Fragen“, sagte sie.
„Noch nicht genug.“ Er musterte sie einen Moment länger. „Warum wirkst du, als würdest du immer auf Abstand bleiben?“
Die Frage traf sie unerwartet.
„Du kennst mich nicht, also stell keine falschen Schlüsse“, erwiderte sie ruhig.
„Noch nicht“, sagte er leise.
Die Worte blieben zwischen ihnen stehen, unausgesprochen, aber deutlich spürbar.
Aria spürte, wie sich etwas in ihr verschob. „Vielleicht solltest du es dabei belassen.“
„Vielleicht will ich das nicht.“
Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt.
„Und wenn ich es will?“ fragte sie und sah ihn direkt an.
Er trat einen kleinen Schritt näher, gerade genug, um die Distanz zu verändern. „Dann wird es schwierig.“
Ihr Atem stockte kurz, und sie ärgerte sich darüber, dass er es bemerkte.
„Du solltest gehen“, sagte sie leise.
„Willst du das wirklich?“
Die Frage traf sie härter, als sie erwartet hatte.
Aria antwortete nicht sofort, weil sie sich selbst nicht sicher war.
Und genau das machte es kompliziert.
Als er schließlich ging, blieb sie stehen und sah ihm nach, länger, als sie sollte. Etwas an ihm fühlte sich falsch an und gleichzeitig unmöglich zu ignorieren.
Ihr Handy vibrierte in ihrer Hand.
Eine neue Nachricht.
Unbekannte Nummer.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus, noch bevor sie sie öffnete.
Langsam tippte sie darauf.
„Du solltest dich von ihm fernhalten.“
Arias Herz schlug schneller, diesmal ohne jede Kontrolle.
Sie hob den Blick und suchte die Straße ab, doch Kael war verschwunden, als wäre er nie da gewesen.
Doch diesmal wusste sie es besser.
Das hier war kein Zufall.
Und vielleicht war es längst zu spät, um noch Abstand zu halten.