Kapitel 3: Zu viele Zufälle
Die Nachricht ließ sie nicht los.
Aria blieb einen Moment länger auf dem Gehweg stehen, das Handy fest in der Hand, während sich die Worte immer wieder in ihrem Kopf wiederholten. Es gab keinen Namen, keinen Hinweis, keinen erkennbaren Grund, nur diese eine klare Warnung, die sich nicht einfach abschütteln ließ.
Du solltest dich von ihm fernhalten.
„Das ist nicht lustig,“ murmelte sie leise.
Ihr erster Impuls war, die Nachricht zu ignorieren, einfach weiterzugehen und so zu tun, als hätte sie sie nie gesehen. Genau das hätte sie sonst getan. Doch diesmal fühlte es sich anders an. Zu gezielt. Zu direkt. Und vor allem zu schnell.
Jemand hatte gewusst, dass sie Kael getroffen hatte.
Nicht gestern.
Heute.
Gerade eben.
Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihr aus, langsam, aber sicher.
„Aria!“
Sie drehte sich um. Lena kam auf sie zu, leicht außer Atem, ihr Blick sofort aufmerksam.
„Ich habe dich gesucht. Warum bleibst du einfach stehen?“
Aria zögerte kurz, dann hielt sie ihr das Handy hin. „Lies das.“
Lena runzelte die Stirn, während sie die Nachricht überflog. „Okay… das ist seltsam. Wer hat dir das geschickt?“
„Unbekannte Nummer.“
„Vielleicht ein schlechter Scherz?“
Aria schüttelte den Kopf. „Nein. Dafür passt es zu gut.“
Lena sah sie genauer an. „Was meinst du damit?“
Aria ließ den Blick über die Straße gleiten. „Die Nachricht kam direkt, nachdem er gegangen ist.“
Lena hielt kurz inne. „Du meinst diesen Typen von gestern?“
„Und von heute,“ korrigierte Aria leise.
Ein kurzer Moment verging, dann zog Lena scharf die Luft ein. „Moment… du willst mir sagen, dass dich jemand beobachtet hat?“
Aria antwortete nicht sofort.
Weil genau das der Gedanke war, den sie nicht zulassen wollte.
„Das ist zu viel Zufall,“ sagte Lena schließlich. „Du triffst ihn zweimal und bekommst direkt so eine Nachricht? Das ergibt keinen Sinn.“
Aria hob den Blick. „Oder es ergibt zu viel Sinn.“
Lena musterte sie lange. „Dann erklär mir, was hier passiert.“
Aria schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, ich könnte es.“
Am Abend saß sie allein in ihrem Zimmer.
Die Kamera lag unberührt auf dem Tisch, der Laptop war geöffnet, doch ihr Blick blieb am Handy hängen. An der Nachricht.
Sie hatte die Nummer überprüft.
Keine Kontakte.
Keine Hinweise.
Nichts.
„Also gut,“ murmelte sie leise.
Wenn jemand wollte, dass sie Abstand hielt, dann musste es einen Grund geben. Und genau diesen wollte sie wissen.
Ihr Daumen schwebte einen Moment über dem Bildschirm, dann drückte sie auf „Anrufen“.
Das Freizeichen setzte ein.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Mit jedem Ton schlug ihr Herz schneller.
Dann klickte es.
Die Verbindung stand.
Stille.
Aria hielt den Atem an. „Hallo? Wer ist da?“
Zuerst kam keine Antwort, nur ein leises Atmen.
Dann eine Stimme.
Weiblich.
Ruhig.
Zu ruhig.
„Du hörst also nicht besonders gut auf Warnungen.“
Aria richtete sich sofort auf. „Wer bist du?“
Ein leises Lachen, ohne jede Wärme.
„Jemand, der dir einen Gefallen tut.“
Aria verengte die Augen. „So fühlt sich das nicht an. Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es direkt.“
Ein kurzer Moment verging.
„Du bist schneller, als ich dachte.“
„Was willst du von mir?“ fragte Aria scharf.
„Dich davor bewahren, einen Fehler zu machen.“
Arias Magen zog sich zusammen. „Welchen Fehler?“
Die Antwort kam langsamer.
Kälter.
„Ihm zu vertrauen.“
Arias Herz schlug hart gegen ihre Brust. „Du meinst Kael?“
Keine direkte Antwort.
Aber auch kein Widerspruch.
Und genau das war Antwort genug.
„Woher kennst du ihn?“ fragte sie.
„Besser, als du es je tun wirst.“
Die Worte kamen ohne Zögern.
Zu sicher.
Aria schluckte. „Dann erklär mir, warum ich mich von ihm fernhalten soll.“
Ein leises Geräusch am anderen Ende.
Dann wurde die Stimme ruhiger.
Gefährlicher.
„Weil du nicht die Erste bist.“
Arias Atem stockte. „Was soll das heißen?“
„Es heißt, dass du nicht besonders bist.“
Die Worte trafen.
Härter, als sie sollten.
„Du kennst mich nicht,“ sagte Aria fest.
„Doch,“ antwortete die Stimme ruhig. „Mehr, als dir lieb ist.“
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
„Was willst du damit sagen?“
Stille.
Dann, leiser:
„Frag ihn, warum er dich ausgesucht hat.“
Arias Finger wurden kalt. „Ausgesucht?“
„Du denkst wirklich, das war Zufall?“
Ihr Herz setzte einen Moment aus.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Noch nicht.“
Ein kurzes Klicken.
Die Verbindung brach ab.
Aria blieb regungslos sitzen.
Das Handy noch in ihrer Hand.
Warum er dich ausgesucht hat.
Die Worte hallten nach.
Immer wieder.
Und je länger sie darüber nachdachte, desto weniger fühlte es sich wie ein Zufall an.
Und genau das machte ihr zum ersten Mal wirklich Angst.