Kapitel 1: Keine Namen,nur Masken
Der Stoff der Seidenmaske drückte sich gegen Claires Wangenknochen,eine reibungslose Barriere zwischen dem,was sie war, und dem,was sie heute Abend sein musste. Seit drei Jahren war sie ein Geist im Sovereign Quarter. Sie benutzte den Namen Moore nicht. Sie rührte die Offshore-Konten nicht an. Sie hatte einen stillen,geisttötenden Job als Dateneingabe-Sachbearbeiterin bei einer Reederei in der Nähe der Docks,trug übergroße Pullover und hielt den Blick auf den Bürgersteig geheftet.
Doch heute Abend wollte der Geist Haut spüren.
Die Blackwood-Gala war die eine Nacht im Jahr, in der Anonymität nicht nur toleriert, sondern sogar erzwungen wurde. Die Einladung hatte sie auf dem Schwarzmarkt drei Monatsmieten gekostet – eine physische schwarze Karte,auf der nichts als ein aufgedruckter Halbmond zu sehen war.
Im prächtigen Ballsaal des Biltmore-Anwesens roch die Luft nach Jahrgangs-Champagner,schwerem Parfüm und dem unverkennbaren, unterschwelligen metallischen Beigeschmack absoluter Macht. Jeder hier gehörte zu einer Blutlinie, die das Viertel beherrschte. Jeder hier hatte Blut a den Händen – oder das Geld,es abzuwaschen.
Claire strich die Vorderseite ihres tief burgunderroten Kleides glatt. Es war ein luxuriöses Stück,bodenlang und rückenfrei, gekauft in einem Secondhand-Laden zwei Stadtteile weiter. Es passte perfekt zu ihrer zierlichen,großen Statur und schmiegte sich gerade so an ihren schlanken Körper,dass sie sich völlig unerkennbar fühlte gegenüber dem unscheinbaren Mädchen,das die ganze Woche hinter einem Schreibtisch saß. Zum ersten Mal seit sechsunddreißig Monaten versteckte sie sich nicht. Sie fügte sich in die Menge ein.
“Du stehst zu nah am Ausgang“, murmelte eine sanfte Stimme hinter ihr.Claire zuckte nicht zusammen. Ihre Ausbildung – die brutale Etikette,die ihr Vater ihr eingeprägt hatte, bevor sie weglief – setzte sofort ein. Sie drehte sich langsam um,ihre Absätze klackerten auf dem polierten Marmorboden.
Dort stand ein Mann mit einer Silberfuchsmaske und hielt zwei Kristallflöten in der Hand. Er reichte ihr eine. “Leute, die sich in der Nähe der Türen aufhalten, haben meist vor zu fliehen.Oder sie erwarten eine Razzia.“
Claire nahm das Glas entgegen,wobei ihre Finger seine streiften. Seine Haut war warm. “Vielleicht mag ich einfach nur die Brise.“
“Auf dem Anwesen Biltmore gibt es keine Brise“, entgegnete der Mann,ein kleines, wissendes Grinsen umspielte seine Lippen. “Nur gestaute Luft und teure Gewohnheiten. Ich bin Wilson.“
“Namen sind nicht erlaubt,Wilson“, sagte Claire,hob ihr Glas zu einem scherzhaften Toast,bevor sie einen langsamen Schluck nahm. Der Champagner brannte herrlich in ihrer Kehle. “Das ist die Regel des Halbmondes.“
“Regeln sind für Leute,die sich die Strafen nicht leisten können“,sagte Wilson und lehnte sich gegen die Säulen. Er musterte sie von oben bis unten, wobei sein Blick auf der scharfen Linie ihres Schlüsselbeins verweilte. ”Du siehst nicht aus,als gehörst du zu den Familien des Rates. Zu viel Anspannung in deinen Schultern. Zu wenig und vielleicht billiger Schmuck.“
Claire spürte einen kalten Adrenalinstoß. Sie zwang sich zu einem sanften,melodiösen Lachen – genau dem Lachen,mit dem ihre Mutter einst misstrauische Rivalen abwehrte. “Vielleicht ziehe ich es vor,mein Vermögen im Verborgenen zu halten. Auffällige Zurschaustellungen ziehen Diebe an.“
“Oder Raubtiere“, ergänzte Wilson. Er trat näher,seine Stimme senkte sich um eine Oktave. “Das Vance-Syndikat hat drei Tische ganz vorne. Sie suchen nach einem abtrünnigen Buchhalter,der letzte Woche ihre Geschäftsbücher weitergegeben hat. Jeder ohne Stammbaum wird heute Abend beobachtet.“
Die Erwähnung des Namens Vance ließ Claires Finger sich um den Stiel ihres Glases verkrampfen. Die Vances waren die unangefochtenen Könige der östlichen Docks des Viertels. Wenn sie herausfanden, dass ein Moore dieselbe Luft atmete wie sie, ob maskiert oder nicht,würde der fragile Friedensvertrag,der vor fünf Jahren unterzeichnet worden war,in ein Blutbad münden.
Und Claire wäre das erste Opfer.
“Dann ist es ja gut, dass ich nichts von Zahlen verstehe“, sagte Claire,wobei ihre Stimme in einen beruhigenden,neckischen Tonfall überging. Sie schritt an ihm vorbei, wobei ihre burgunderrote Schleppe leise über den Boden raschelte. “Entschuldige mich, Wilson. Ich glaube,ich sehe jemanden, der weniger neugierig ist.“
Sie ging weg,bevor er antworten konnte, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Das war zu knapp. Sie musste sich in der Menge verlieren. Der Ballsaal war ein wirbelnder Strudel aus Seide, Samt und Diamanten. Sie bewegte sich zwischen den Paaren hindurch,die zu einem langsamen, eindringlichen Streichquartett tanzten,und nutzte ihre zierliche Statur,um unbemerkt durch die Lücken zu schlüpfen.
Sie fand Zuflucht in der Nähe der schweren Samtvorhänge mit Blick auf die Terrasse. Die Nachtluft draußen war frisch und trug den Duft des Meeres mit sich. Claire atmete tief ein und presste ihre Stirn gegen das kühle Glas der Fensterscheibe.
Nur eine Nacht, ermahnte sie sich. Eine Nacht,um sich daran zu erinnern,wie es sich anfühlt, zur Elite zu gehören. Dann gehst du zurück zu den Docks. Zurück dazu,ein Niemand zu sein.
“Du machst es schon wieder“, sagte eine neue Stimme.
Claire war angespannt. Diese Stimme war nicht wie die von Wilson. Sie war nicht sanft oder kokett. Sie war tief,rau und trug das Gewicht von jemandem,der es gewohnt war, Befehle zu erteilen,die über Leben und Tod entschieden.
Sie drehte sich um.
Der Mann,der im trüben,bernsteinfarbenen Licht des Korridors stand,trug keine gewöhnliche Maske. Sein Gesicht wurde von einem schweren, mattschwarzen Visier verdeckt,das sich perfekt a seine Gesichtszüge anschmiegte und nur seine scharfe,kantige Kinnlinie und ein Paar raubtierhafte,dunkle Augen durch das Rauchglas sichtbar ließ. Er war groß,gut,mit breiten Schultern,gekleidet in einen maßgeschneiderten schwarzen Smoking, der nach maßgeschneidertem Luxus schrie.
Er hielt kein Getränk in der Hand. Seine Hände steckten in den Taschen,seine Haltung war entspannt,aber absolut dominant. Er sah aus wie ein Wolf,der in einer Herde vergoldeter Schafe stand.
Claire stockte der Atem. Ihr Überlebensinstinkt,der sie in den Slums des Lower Quarter am Leben gehalten hatte, sagte ihr,sie solle weglaufen. Dieser Mann war gefährlich. Nicht auf die vornehme Art wie Wilson,sondern wirklich,grundlegend tödlich.
“Was machst du da?“, fragte Claire und hielt ihre Stimme ruhig, trotz des Zitterns in ihrer Brust.
“Du siehst aus wie eine Zielscheibe“, sagte der Mann. Er trat aus dem Schatten hervor, seine Augen ruhten durch sein Visier auf ihren.
“Du zitterst vor Panik,Süße.
“Ich gerate nicht in Panik“, log Claire und hob das Kinn. “Ich genieße die Musik.“
“Die Musik hat vor zwei Minuten aufgehört“, stellte er trocken fest. “Sie stimmen gerade die Instrumente für den zweiten Akt.“
Claire fluchte leise hinter ihrer Maske. Sie war so in ihre eigenen Gedanken versunken gewesen,dass sie die Stille gar nicht bemerkt hatte. Sie umklammerte ihr Champagnerglas fester. “Dann genieße ich eben die Vorfreude auf die Musik.“
Claire blickte auf,ihr Blick ruhte auf seinem verborgenen Gesicht. Sie wusste nicht,wer er war. Es war ihr egal. Heute Abend wollte sie nicht Claire, die Deserteurin,oder Claire, die Schreibkraft,sein. Sie wollte einfach nur in der Dunkelheit verschwinden.
“Beweis es“, forderte sie ihn leise auf.
Der Mann presste die Kiefer aufeinander. Ohne ein weiteres Wort nahm er ihr das Champagnerglas aus der Hand,stellte es, ohne hinzuschauen, auf das Tablett eines vorbeikommenden Kellners und schloss seine große,warme Hand fest um ihr Handgelenk. Er führte sie nicht in Richtung Ballsaal. Er führte sie in die privaten, schummrig beleuchteten Gänge des oberen Anwesens,weg von den Lichtern,weg von den Regeln,weg von den Menschen.