Kapitel 1: Der Schlamm schmeckte nach Kupfer und Regen.
Vane öffnete die Augen nicht – nicht, weil er es nicht konnte, sondern weil das kalte Eisen, das gegen seine Kehle drückte, bedeutete, dass jede plötzliche Bewegung sein zweites Leben beenden würde, bevor es überhaupt richtig begonnen hatte.
„Er atmet noch, Hauptmann“, grunzte eine raue Stimme über ihm. Der Regen peitschte gegen das schwere Leder der Rüstung. „Aber er stirbt. Die Nekrose hat die Hälfte seiner Brust befallen.“
„Durchsucht die Leiche und macht weiter“, befahl eine zweite, kältere Stimme. „Das Mädchen kann nicht weit in den Nebel hineingelaufen sein. Lord Kaelen will sie lebend – ihr Blut ist mehr wert als diese ganze Söldner-Abschaum-Einheit zusammen.“
Kaelen.
Der Name durchschneidete Vanes nebliges Bewusstsein wie eine gezackte Klinge. Eine Erinnerung flammte auf, heiß und heftig: ein vergoldeter Thronsaal, fünf vertraute Gesichter, die auf ihn herabblickten, und der qualvolle Schnitt des Schattenstahls durch sein Herz vor drei Jahren. Sie hatten ihn die Geisterklinge genannt, den unaufhaltsamen Henker des Imperialen Schattenrats, bevor seine eigenen Leutnants ihn im Schlaf niedermetzelten.
Nun war er in dieser zerfallenden Hülle eines minderwertigen Söldners gefangen, seine Meridiane zerschmettert, sein Fleisch von innen heraus verfaulend.
Ein Stiefel trat ihm gegen die Rippen und rollte ihn auf den Rücken. Vane zwang sich, die Augen einen Spalt breit zu öffnen.
Drei Elite-Spürhunde, gekleidet im purpur-schwarzen Wappen der Vorhut des Kriegsherrn, standen über ihm. Ein paar Schritte hinter ihnen, im Schlamm neben einer zerbrochenen Kutsche kniend, saß eine junge Frau in einem zerrissenen Samtumhang. Ihre dunklen Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen, ein dünner purpurroter Streifen tropfte aus einem Schnitt an ihrem Handgelenk, wo sich die Fesseln in ihre Haut eingegraben hatten.
Lyra. Die überlebende Tochter des Herzogs.
„Bitte“, flüsterte sie, ihre Stimme zitterte, blieb aber ungebrochen. „Nehmt die Truhe. Nehmt das Wappen. Lasst mich sie einfach begraben.“
„Still, Prinzessin“, spottete der Truppführer, trat auf sie zu und packte sie mit einer gepanzerten Hand am Kinn. „Die Herrschaft deiner Familie ist vorbei. Du bist jetzt nur noch Zahlungsmittel.“
Er stieß sie zurück in den Schlamm. Ein einzelner Tropfen ihres Blutes landete auf Vanes Handrücken, genau über einer schwarzen, verfaulenden Ader.
In dem Moment, als das Blut in seine Haut sickerte, durchströmte eine heftige Hitzewelle Vanes Brust. Die schwarze Ader leuchtete weiß auf, und die qualvolle Nekrose wich augenblicklich drei Zoll zurück. Seine abgestorbenen Meridiane erwachten schreiend zum Leben und saugten die Energie der Umgebung auf wie ausgedörrte Erde, die Regen aufnimmt.
Ihr Blut … es ist nicht nur rein. Es heilt die Leere.
Vanes Hand zuckte. Das Eisenschwert, das neben ihm im Schlamm lag, fühlte sich plötzlich schwerelos an.
„Hey“, runzelte der Fährtenleser, der die Klinge über Vane hielt, die Stirn und trat näher. „Leuchtet die Brust dieses Mistkerls etwa …?“
Vane antwortete nicht mit Worten.
Er handelte.
In einer einzigen, fließenden Bewegung – einer Technik, die auf über hundert Schlachtfeldern geschliffen worden war – packte Vane das Handgelenk des Fährtenlesers, verdrehte es, bis der Knochen mit einem widerlichen Knacken brach, und rammte dem Mann seine eigene Eisenklinge nach oben durch das Kinn.
Noch bevor der Körper auf dem Boden aufschlug, rollte sich Vane ab, schüttelte den Schlamm von sich und überbrückte die Distanz zum zweiten Wächter. Das Eisenschwert huschte durch den Regen. Ein Spritzer dunkelroten Blutes spritzte über die Kutschentür, als der Kopf des zweiten Wächters durch die Luft flog.
Stille senkte sich über die Lichtung, unterbrochen nur vom heftigen Prasseln des Regens und Lyras scharfem Keuchen.
Der Truppführer sprang nach hinten und zog mit einem knirschenden Geräusch sein Breitschwert. Sein Gesicht war blass, als er Vane anstarrte. „Wer … was bist du? Ein minderwertiger Söldner kann sich so nicht bewegen!“
Vane antwortete nicht. Seine Brust brannte vor einer Mischung aus dunkler Erregung und quälender Erschöpfung. Der einzelne Tropfen ihres Blutes hatte ihm fünf Sekunden seiner alten Kraft geschenkt, doch sie schwand bereits. Sein Körper brach erneut zusammen, die schwarzen Adern krochen wie eisige Dornen wieder seinen Hals hinauf.
Er trat vor, sein Blick fixiert auf den Hauptmann. Mit einem Stahlblitz, der so schnell war, dass er den fallenden Regen durchschneidete, parierte Vane den wilden Hieb des Hauptmanns und trieb seine eiserne Klinge durch dessen Brustpanzer, wodurch er ihn an ein Holzrad nagelte.
Vane beugte sich vor, seine Stimme war ein leises, heiseres Flüstern, das kaum noch menschlich klang. „Sag Kaelen … die Geisterklinge erinnert sich.“
Er riss das Schwert heraus und ließ den toten Hauptmann in den Schlamm sinken.
Vane wandte sich langsam Lyra zu. Die Anstrengung brachte ihn fast um; sein Blick verschwamm vor Blutrot, und er sank auf ein Knie, wobei er sich mit dem blutigen Eisenschwert abstützte. Seine Lungen brannten, als wären sie mit Glas gefüllt.
Lyra wich hastig gegen das Wagenrad zurück, ihre Augen weit aufgerissen vor einer Mischung aus Schock und Entsetzen. Sie blickte auf die drei toten Elitesoldaten, dann auf den sterbenden Mann, der sie gerade mit furchterregender, müheloser Präzision niedergemetzelt hatte.
„Was bist du?“, hauchte sie und presste ihr blutendes Handgelenk an die Brust.
Vane zwang sich, wieder auf die Beine zu kommen, und machte zwei schwere, schwankende Schritte auf sie zu, bis sein Schatten vollständig über ihre zitternde Gestalt fiel. Er streckte die Hand aus, sein eiserner Handschuh schloss sich mit dem Griff aus kaltem Stahl um ihr verwundetes Handgelenk und brachte ihre blutende Haut nur wenige Zentimeter von seinen Lippen entfernt.
Er blickte ihr in die Augen, sein Blick kalt, besitzergreifend und völlig ohne Gnade.
„Dein Blut hält mich am Leben“, knurrte Vane, und seine Stimme hallte durch den dunklen Wald. „Und meine Klinge lässt dich weiteratmen. Von diesem Augenblick an … gehörst du nicht mehr dem Imperium, Mädchen. Du gehörst mir.“