2.

1016 Words
Kapitel 2 – Alte Wunden, neue Fronten Ich wache mit einem dumpfen Pochen in meinem Kopf auf. Nicht von Alkohol – ich habe gestern keinen Tropfen getrunken. Es ist die Müdigkeit, die auf mir lastet. Die erdrückende Last der Vergangenheit. Als ich mich aufsetze, werfe ich einen Blick auf mein Handy. Mehrere Nachrichten von Elise, eine von meinem Mandanten und – ich starre kurz auf das Display – eine von Soren. Wir sind noch nicht fertig. Ich verdrehe die Augen und schiebe das Telefon beiseite. Natürlich denkt er das. Soren war noch nie jemand, der etwas einfach so aufgibt. Nach einer schnellen Dusche schlüpfe ich in eine dunkle Jeans und einen warmen Pullover. Draußen sieht es eiskalt aus, aber in dieser Stadt frieren die Menschen nicht nur wegen des Winters. Lunaris hat eine Art, Menschen abzukühlen, die nicht hergehören. Mein nächster Halt ist das kleine Café an der Ecke. Ich brauche dringend Kaffee, bevor ich mich mit meinem Mandanten treffe. Als ich eintrete, umfängt mich sofort der warme Duft von gerösteten Bohnen und frischem Gebäck. „Amira?“ Ich halte mitten in der Bewegung inne. Die Stimme ist tief, vertraut – und nicht die, die ich hören will. Langsam drehe ich mich um. Soren steht neben der Theke, einen Kaffee in der Hand. Er sieht müde aus, aber in seinen Augen blitzt dieser typische Funke – als hätte er genau gewusst, dass ich hier auftauchen würde. „Gott, folgst du mir jetzt?“ frage ich trocken. „Lunaris ist klein,“ sagt er nur. „Aber wenn du willst, kann ich so tun, als wäre das hier ein Zufall.“ Ich verschränke die Arme. „Das wäre eine Lüge.“ Er grinst. „Ja, aber es würde dich vielleicht ein bisschen beruhigen.“ Ich schnaube. „Ich bin nicht angespannt.“ „Nein?“ Er tritt einen Schritt näher, seine eisblauen Augen lassen mich nicht los. „Dann setz dich mit mir hin.“ „Keine Zeit,“ sage ich schnell. „Ich habe ein Meeting.“ „Wirklich?“ Er hebt eine Braue. „Mit wem?“ „Geht dich nichts an.“ Er mustert mich einen Moment lang. Dann nickt er. „Okay.“ Ich bin überrascht, dass er nicht weiter nachhakt. Als ich mich umdrehe, ruft er mir nach: „Aber wir sind noch nicht fertig.“ Ich verdrehe die Augen, während ich meinen Kaffee bestelle. Natürlich nicht. Eine Stunde später sitze ich in einem Büro, das kälter ist als die Außentemperatur. Mein Mandant, Mr. Hayes, blättert durch einige Dokumente, seine Stirn in Falten gelegt. „Sie müssen verstehen, Miss Verlice,“ sagt er schließlich, „dieser Fall ist kompliziert. Die Stadtverwaltung will nicht nachgeben.“ Ich lehne mich vor. „Dann müssen wir sie dazu bringen.“ Er seufzt. „Das wird schwierig. Vor allem mit… gewissen Leuten, die sich einmischen.“ Ich starre ihn an. „Wen meinen Sie?“ „Den Stadtrat.“ Er sieht mich ernst an. „Und Soren Delmont.“ Mein Magen zieht sich zusammen. „Soren hat damit zu tun?“ Er nickt. „Er hat vor ein paar Monaten begonnen, sich stärker in die Angelegenheiten der Stadt einzumischen. Besonders, wenn es um Bauprojekte oder Grundstücksrechte geht.“ Ich presse die Lippen zusammen. Natürlich. Soren war schon immer jemand, der sich einmischte, wenn er glaubte, dass etwas nicht richtig lief. „Ich werde mit ihm sprechen,“ sage ich schließlich. „Glauben Sie, das wird etwas bringen?“ „Nein,“ sage ich ehrlich. „Aber ich werde es trotzdem tun.“ Ich finde Soren genau dort, wo ich ihn erwarte – auf der kleinen Eishockeybahn am Stadtrand. Es ist Nachmittag, und die tief stehende Wintersonne taucht das Eis in ein blasses Gold. Er steht in voller Montur auf dem Eis, den Schläger locker in der Hand, während er mit einem jüngeren Spieler spricht. Ich trete näher an die Absperrung und lehne mich gegen das kalte Metall. Ein paar Minuten lang beobachte ich ihn. Wie er sich bewegt, mit dieser mühelosen Präzision. Als würde er in seinem Element sein. Dann dreht er sich plötzlich um und sieht mich direkt an. Ich zucke nicht einmal zusammen. Mit ein paar schnellen Bewegungen gleitet er zum Rand der Bahn und steigt vom Eis. Ohne ein Wort zieht er seine Handschuhe aus und kommt auf mich zu. „Ich wusste, dass du auftauchst.“ Ich verschränke die Arme. „Ach ja?“ „Ja. Du kannst Dinge nicht einfach ruhen lassen.“ Ich ziehe eine Braue hoch. „Das sagt der Richtige.“ Er grinst leicht, sagt aber nichts. Ich atme tief durch. „Ich habe gerade mit meinem Mandanten gesprochen. Er meint, du hättest dich in die Grundstücksrechte eingemischt.“ „Habe ich.“ Ich blinzele. Ich habe nicht erwartet, dass er es so offen zugibt. „Warum?“ frage ich. „Weil es mich betrifft.“ Seine Stimme ist ruhig, aber bestimmt. „Lunaris ist meine Stadt, Amira. Ich werde nicht zulassen, dass sie ausgebeutet wird.“ „Du denkst also, mein Mandant beutet sie aus?“ „Ich denke, er interessiert sich nicht für das, was Lunaris braucht.“ Ich atme langsam aus. „Soren, das hier ist mein Job. Ich bin nicht hier, um dich zu ärgern. Ich bin hier, um meinen Mandanten zu vertreten.“ „Und ich bin hier, um sicherzustellen, dass die Stadt nicht darunter leidet.“ Wir stehen uns gegenüber, beide stur. Das war schon immer so zwischen uns. Zwei Willensköpfe, die nicht nachgeben. Schließlich seufze ich. „Wir müssen reden. Richtig reden.“ Er mustert mich einen Moment, dann nickt er. „Okay. Heute Abend.“ „Heute Abend?“ „Ja. Bei mir zu Hause.“ Ich zögere. „Oder hast du Angst?“ fragt er herausfordernd. Ich fixiere ihn mit meinem Blick. „Nicht mal ansatzweise.“ „Dann komm um acht.“ Er dreht sich um und geht zurück aufs Eis, ohne eine weitere Erklärung. Ich bleibe einen Moment stehen, während der kalte Wind um mich herum wirbelt. Soren Delmont. Wie zum Teufel bin ich wieder hier gelandet?
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