Kapitel 2

733 Words
Als Annoli das Fräulein Margaret noch immer im tiefen Schlummer wähnte, entwich ihr ein leiser Seufzer. Sie stellte das Tablett auf das Tischchen neben dem Bett, trat an den Kamin und begann mit bedächtigen Bewegungen, frisches Holz in die Glut zu legen. Das Holz fing Feuer und begann knisternd und knackend zu brennen; unter diese Laute mischte sich das unterdrückte Schluchzen des Mädchens. Alice öffnete ein Auge ein wenig und blickte durch den Spalt des Vorhangs. Annoli hockte auf dem Boden, hatte das Gesicht in ihre Schürze vergraben und zitterte am ganzen Leibe, derweil sie bittere Tränen vergoss. Alice wusste nicht, weshalb das Mädchen namens Annoli so jämmerlich weinte; sie spürte lediglich, dass die wärmer werdende Luft im Gemach ihrem Halse sichtlich zusetzte. Vermutlich hatte sie etwas von der Asche eingeatmet, denn ein lästiges Kratzen machte sich in ihrer Kehle bemerkbar. Eigentlich hatte Alice das weinende Mädchen nicht stören wollen, da sie sie nicht kennt und ihr keinen Trost zu spenden vermochte. Doch das Kratzen wurde unerträglich, und schließlich konnte sie sich nicht länger beherrschen und brach in heftiges Husten aus. „Heck, heck… Wasser… gebt mir Wasser“, rief Alice, während sie sich mit der Hand an die Brust fasste und hustete. Annoli wischte sich hastig mit der Schürze über das Gesicht, eilte an das Bett und goss ein Glas Wasser ein. „Milady, geht es Euch besser? Trinkt ein wenig.“ Mit Annolis Unterstützung trank Alice einige Schlucke, und als das lästige Kratzen im Halse endlich schwand, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus und sank in die Kissen zurück. „Milady, Ihr seid endlich erwacht! Verspürt Ihr Hunger? Ich habe Speisen heraufgebracht“, sagte Annoli, nachdem sie das Glas beiseitegestellt hatte. Sie half Alice behutsam beim Aufrichten und schob ihr ein großes Kissen in den Rücken. Erst in diesem Augenblick spürte Alice, dass ihr Magen gänzlich leer war. „Ja, ich bin in der Tat hungrig.“ Annoli nahm daraufhin ein kleines Betttischchen zur Hand, stellte es über Alices Beine und platzierte das Tablett darauf. Auf dem Tablett befinden sich eine Teekanne nebst einer leeren Tasse, zwei Teller, zwei Gewürzfläschchen sowie ein Gedeck aus Messer und Gabel. Auf dem einen Teller lag eine rötliche, etwa zwei Zentimeter dicke Scheibe Schinken sowie ein Stück recht hartes, dreieckiges Brot. Auf dem anderen, tieferen Teller war eine dickliche, gelbe Suppe angerichtet, in der man vage einige Gemüseblätter und Pilzscheiben erkennen konnte. Die Speisen verströmten keinen sonderlich verlockenden Duft; für die hungrige Alice jedoch boten sie einen verheißungsvollen Anblick, und so nahm sie den Löffel und kostete eilig von der Suppe. Nun, die Textur war sämig und keineswegs fettig, und auch das Gemüse und die Pilze schmeckten recht frisch. Das Missliche jedoch war, dass die Suppe vollkommen schal und geschmacklos war – es fehlte ihr auch nur das geringste Körnchen Salz. Alice nahm die Gabel und schnitt ein Stück von dem handtellergroßen, dicken Schinken ab und biss hinein. Das Fleisch war zart, doch fürwahr allzu zart. Kein Wunder, dass der Schinken so appetitlich rot ausgesehen hatte – er war im Kern noch gänzlich roh, und zudem mangelte es auch ihm an jeglicher Würze. Einzig dem Umstande, dass er wohl zuvor mit einigen Kräutern eingelegt worden war, war es zu verdanken, dass er keinen allzu strengen Fleischgeschmack aufwies. Sogleich verlor Alice jegliches Interesse an diesen beiden Gerichten und setzte ihre Hoffnung auf das Brot. Dieses Brot war keineswegs so weich und luftig, wie sie es gewohnt war; es wirkte trocken und verströmte kaum Wohlgeruch. Alice brach ein kleines Stück mit den Fingern ab und steckte es in den Mund. Es war in der Tat ein ehrliches Brot, vermutlich aus reinem Hafer gebacken; daher war es rauh im Abgang und ohne feines Aroma, doch als Nahrung besaß es zumindest eine feine, wenn auch sehr matte Süße. „Könntest du mir noch ein Glas Wasser reichen?“, fragte Alice, nachdem sie das Brot mit einiger Mühe hinuntergewürgt hatte. Annoli, die gerade am Kleiderschrank hantierte, drehte sich um und bemerkte mit gerunzelter Stirn, dass die Speisen fast unberührt geblieben waren. Während sie Alice das Wasser reichte, sagte sie voller Ingrimm: „Mistress Shelda wird wahrlich immer nachlässiger! Dass das Essen für das Gesinde in diesen Tagen erbärmlich ist, mag hingehen – aber dass sie nun auch die Speisen für das Fräulein so lieblos bereitet, ist unerträglich! Ich werde mich unverzüglich an den Verwalter wenden.“
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD