Kapitel 3

1055 Words
Alice trank das Glas leer, stellte es beiseite und fragte: „Warum hat das Essen denn gar keinen Geschmack?“ „Findet Ihr es zu schal?“, Annoli blickte besorgt auf Alices blasse Miene, setzte sich an die Bettkante und fuhr fort: „Milady, Ihr seid unpässlich, gewiss liegt es daran. Der Medicus hat überdies verordnet, dass Ihr Schonkost zu Euch nehmen sollt; es ist daher besser, nicht zu viel Salz zu verwenden, nicht wahr?“ „Gut“, erwiderte Alice. Erst jetzt bemerkte sie die beiden kleinen Gewürzfläschchen auf dem Tablett – wie es schien, pflegte man hierzulande Salz und Pfeffer erst bei Tische nach eigenem Belieben hinzuzufügen. „Milady, ich muss mich eilen, den Verwalter aufzusuchen, bevor er sich zur Ruhe begibt, um mit ihm über die Köchin zu sprechen. Wenn Ihr mit dem Mahle fertig seid, werde ich wiederkehren und das Geschirr abtragen, ja?“ „Gut, geh nur“, sagte Alice. Annoli schloss den Kleiderschrank und eilte schnellen Schrittes aus dem Zimmer. Alice legte Messer und Gabel beiseite und sank sogleich tief in die Kissen zurück. Wie kam es nur, dass sie plötzlich zu einer vornehmen Dame geworden war? Und warum wollte dieses Traumbild, das sich allzu wirklich anfühlte, einfach nicht weichen? Als Alice am folgenden Morgen erwachte, fand sie sich noch immer in demselben Gemach wieder. Das Sonnenlicht drang warm durch die beigen Vorhänge und ließ den Raum weitaus freundlicher erscheinen als am Vorabend; das Düstere und Beklemmende war gewichen. Alice – die nunmehr die Identität der Margaret Edela Williams innehatte – stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie war nun die sechzehnjährige Tochter eines verarmten Barons; ihre Mutter war vor acht Jahren verstorben, und ihr Vater war erst vor einer Woche aus dem Leben geschieden. Obgleich der Titel einer Baronstochter nach außen hin in hellem Glanze erstrahlte, wusste die gesamte Nachbarschaft um den Niedergang des Hauses Williams. Seitdem der Baron vor fielen Jahren die Kraft seiner Jugend verloren hatte, war seine einstige Leidenschaft für die Jagd in eine verhängnisvolle Spielsucht in den Salons von London umgeschlagen, und der Preis hierfür war der Verlust des väterlichen Vermögens gewesen. Das heutige Williams-Anwesen war nichts weiter als eine leere Hülle. Sie besaßen zwar noch einige weitläufige Pachthöfe, doch auf keinem von ihnen dienten mehr als fielen Knechte. Die edlen, kostbaren Pferde aus bestem Geblüt waren längst veräußert worden; auf den Weiden fanden sich außer einigen alten Gäulen, ein, zwei Rindern sowie etwas Federvieh und der Ernte kaum noch Werte. Auch die Kostbarkeiten des Schlosses waren größtenteils zu Geld gemacht worden; es verblieben lediglich einige Möbel und Tafelgeschirre, um den äußeren Schein zu wahren. Doch selbst aus einer solch herabgewürdigten Besitzung besaß Margaret nicht das Recht, länger zu verweilen. Nach dem geltenden Erbrechte musste der Besitz untrennbar an den ältesten Sohn oder einen anderen männlichen Nachkommen fallen. Gab es keinen männlichen Erben, so ging der gesamte Besitz an den nächsten Blutsverwandten im Mannesstamme über. Da Margaret jedoch die einzige Tochter des Hauses Williams war, bedeutete dies, dass sie im nächsten Monat, sobald ihr lüsterner Vetter, Master Edward Williams, eintraf, um sein Erbe anzutreten, unweigerlich das Feld räumen und gehen musste. Ein einziger Umstand gewährte Margaret inmitten dieser Trübsal einen Trost: Sie durfte ihre Mitgift mit sich führen. Baron Williams hatte vor seinem Abscheiden sie und jenen künftigen Erben, Vetter Edward, an sein Sterbebett rufen lassen. Vor den Augen des Pfarrers, des Medicus und des Anwalts hatte er Master Edward das feierliche Versprechen abgenommen, dass seine Tochter die spärlichen Reste des flüssigen Vermögens sowie die Mitgift ihrer seligen Mutter ungeschmälert an sich nehmen durfte, um ihr künftiges Auskommen und ihre Heirat zu sichern. Getrieben von der Eitelkeit und dem Bedacht auf seinen guten Ruf in der Gesellschaft, hatte Master Edward zudem von sich aus eingewilligt, Margaret nach dem Tode des Barons eine Summe von eintausend Pfund als Entschädigung für den Verlust des Williams-Anwesens zu zahlen. Nun waren Ländereien freilich unschätzbar, und die Pachthöfe des Gutes konnten bei kluger Bewirtschaftung ohne Weiteres einen jährlichen Ertrag von zehntausend Pfund abwerfen. Demnach erschien diese tausend Pfund der ursprünglichen Margaret wie ein Schimpf und Spott; für Alice jedoch war es eine unverhoffte und kostbare Fügung. In der Provinz war eine Mitgift von eintausend Pfund fürwahr ein stattliches Sümmchen, mit dem ein Mädchen ohne Weiteres einen respektablen Landedelmann ehelichen konnte. Gleichwohl wusste Alice nicht, wie viel das flüssige Vermögen ihres Vaters und die Mitgift ihrer Mutter tatsächlich wert waren. Nach dem Zustand des Williams-Anwesens zu urteilen, konnte von den Bargeldern des Vaters nicht viel erübrigt sein. Und ihre Mutter stammte aus einer gewöhnlichen Familie der Gentry; sie hatte den Baron zu einer Zeit geheiratet, als dieser noch ein einfacher Regimentsoffizier gewesen war, weshalb auch ihre einstige Mitgift kaum von großem Belang gewesen sein dürfte. Während Margaret noch im Geiste überschlug, wie viel Geld ihr künftig für ihr Auskommen verbleiben würde, trat Annoli mit dem Waschkessel ins Gemach. „Milady, seid Ihr bereits aufgestanden?“ „Ja. Wie viel Uhr ist es nun?“, fragte Margaret und richtete sich im Bette auf. „Es ist bereits halb acht“, erwiderte Annoli und stellte das Becken auf den Frisiertisch. Margaret streckte die Glieder, trat an den Tisch und spülte sich etwas Wasser ins Gesicht, um die Geister zu wecken. Dann nahm sie das Handtuch entgegen, das Annoli ihr reichte, und fragte: „Annoli, womit ist die Haushälterin derzeit beschäftigt?“ „Sucht Ihr Mistress Street wegen einer bestimmten Angelegenheit, Fräulein?“ Annolis Stimme klang ein wenig beklommen. In den vergangenen Tagen lebte das Gesinde des Williams-Anwesens in steter Sorge um die eigene Haut; sie alle wussten, dass ihr Fräulein nicht mehr die Mittel besaß, sie zu unterhalten, und der künftige Herr gewiss seine eigene Dienerschaft mitbringen würde, was für sie die Entlassung bedeutete. Als Annoli nun hörte, dass Margaret nach der Haushälterin verlangte, geriet sie sogleich in Unruhe. „Ich wünsche lediglich zu erfahren, wie groß die Mitgift ist, die meine Mutter mir hinterlassen hat. Ich weiß, dass sie einst die Leibzofe meiner Mutter war; sie muss folglich darüber im Bilde sein“, sprach Margaret und setzte sich an den Tisch. „Die Haushälterin weilt gewiss in der Küche, um den Mägden auf die Finger zu sehen. Ich will sie unverzüglich rufen.“ Annoli stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und eilte hastig aus der Tür.
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