Margaret hatte kaum ein Drittel ihres Frühstücks verzehrt, als die Haushälterin, Mistress Street, das Zimmer betrat. Sie war eine Frau von etwas über vierzig Jahren mit wohlwollenden Zügen, obgleich sie in der Führung des Hauses streng auf Sitte und Ordnung hielt. Sie trat an Margarets Bett, faltete die Hände vor der Schürze und fragte: „Fräulein, Ihr habt nach mir verlangt?“
„In der Tat. Ich möchte von Euch wissen, welchen Wert die Mitgift meiner seligen Mutter in etwa besitzt.“
Margaret legte die Gabel beiseite, goss sich eine Tasse Milchtee ein und sprach mit dem Becher in den Händen, nachdem sie einen Schluck genommen hatte.
Ein formelles englisches Frühstück war überaus üppig bemessen; das heutige Mahl bestand aus Räucherspeck, Spiegeleiern, gebackenen Pilzen, geschmälerten Tomaten, Bratwürsten, Black Pudding und gerösteten Brotscheiben, gereicht mit einer Kanne Milchtee. Sie vermochte diese Mengen beim besten Willen nicht zu bewältigen, zumal der Geschmack dieser fetten Speisen keineswegs nach ihrem Sinne war.
„Es dürfte sich auf etwa fünftausend Pfund belaufen“, erwiderte Mistress Street.
„So viel? War meine Mutter nicht die Tochter eines einfachen Landedelmanns? Wie kommt es, dass sie eine solch immense Mitgift besaß?“, fragte Margaret voller Staunen. Bevor sie die Haushälterin befragt hatte, war sie im Geiste auf eine Summe von wenigen hundert Pfund gefasst gewesen; die Nachricht von fünftausend Pfund erfüllte sie mit wahrer Überraschung.
„Euer Großvater mütterlicherseits, Fräulein, war ein bedeutender Handelsherr, bevor er sich als Gentleman auf dem Lande niederließ.“
„Ah, demnach verhält es sich so. Wenn ich also die tausend Pfund hinzurechne, die mein Vetter Edward mir als Abfindung zugestanden hat, so besitze ich bereits ein Vermögen von über sechstausend Pfund. Wisst Ihr vielleicht auch, wie viel mir von den flüssigen Geldern meines Vaters zusteht?“, sagte Margaret mit unverkennbarer Freude. Mit sechstausend Pfund im Rücken konnte sie sich in der Provinz ein behagliches kleines Haus erwerben und ein friedvolles, sorgenfreies Leben führen.
„Das entzieht sich meiner Verwaltung, Fräulein. Über die Finanzen des gnädigen Herrn in den vergangenen fielen Jahren wusste sein Leibbursche, Mister Cliff, wohl am besten Bescheid; doch Mister Cliff ist leider verstorben. Da der Herr seither keinen neuen Leibdiener mehr angenommen hat, dürfte der Verwalter nunmehr der Einzige sein, der darum weiß“, sprach Mistress Street mit schmalen Lippen; die Erwähnung des verstorbenen Barons erfüllte sie sichtlich mit Wehmut.
Als Margaret die geröteten Augen der Haushälterin bemerkte, wurde auch ihr Gemüt ein wenig beschwert. Obgleich sie jenen Baron nicht aus eigenem Erleben kennt, so wusste sie doch aus den Erinnerungen des Mädchens, dass dieser Vater seine einzige Tochter über alles geliebt hatte. Selbst als er später der Spielsucht verfallen war, vergaß er niemals, von seinen Reisen nach London kleine Geschenke für seine Tochter mitzubringen. Dies erweckte in ihr, die im früheren Leben unter den kalten Blicken einer Mutter und eines Stiefvaters aufgewachsen war, eine tiefe Bewunderung und eine leise Trauer um den Toten.
Nachdem sie sich gefasst hatte, blickte Margaret die Haushälterin an und sagte: „Sagt mir, finden sich unter der Mitgift meiner Mutter außer den Geldern noch andere Dinge?“
„Gewiss, Fräulein. Es sind noch einige Schmuckstücke vorhanden, ferner kostbare Seidenstoffe, Möbel und eine Sammlung von Büchern. All diese Dinge sind genau verzeichnet; außer den Stoffen, von denen im Laufe der Jahre das meiste verbraucht wurde, ist alles Übrige unberührt geblieben.“
„Führt mich nachher dorthin, damit ich es in Augenschein nehmen kann. Befinden sich diese Dinge im Gemach meiner Mutter?“
„Die Möbel wurden, da sie sich nicht für die großen Säle des Anwesens eigneten, in den Speichern untergebracht; die Bücher finden sich in der Bibliothek. Der Schmuck und die Stoffe jedoch lagern im Gemach der seligen Baronin, zusammen mit den Stücken, die sie sich in späteren Jahren anschaffte.“
„Demnach wurde der Schmuck meiner Mutter niemals angerührt?“ Margarets Augen blitzten auf. Das Geschmeide einer adligen Dame durfte keineswegs gering sein; und obgleich ihr Vater in den letzten Jahren vieles aus dem Hause veräußert hatte, so hatte er sich doch gewiss gehütet, den Schmuck seiner Gemahlin anzutasten.
„Gewiss nicht, Fräulein! Jedes einzelne Stück der seligen Baronin ist von mir sorgsam und lückenlos verzeichnet worden.“ Bei Margarets Worten glaubte Mistress Street, man ziehe ihre Ehrlichkeit in Zweifel, und richtete sich sogleich mit pikiertem Stolze auf.