Kapitel 5

448 Words
Als Margaret das Missvergnügen der Haushälterin gewahr wurde, beschwichtigte sie eilig: „Nein, nein, Mistress Street, ich hege nicht den geringsten Argwohn gegen Euch. Ich überlegte lediglich, ob ich beim Verlassen des Williams-Anwesens die Erinnerungsstücke meiner Eltern mit mir führen darf. Ich vermute, mein Vetter wird nichts dagegen einwenden, wenn ich jene Dinge mitnehme, die meinen Eltern im Leben teuer waren, auf dass ich ihrer in Ehren gedenken kann.“ Mistress Street und auch Annoli, die noch immer an der Schwelle verweilte, rissen bei diesen Worten die Augen auf. Sie hatten keineswegs erwartet, dass ihr wohlerzogenes Fräulein auf einen solchen Gedanken verfallen würde. „Fräulein, dies… dies schickt sich wohl kaum“, stammelte Mistress Street, obgleich ihr tonfall kein rechtes Missfallen verriet. Als rechtschaffener Haushälterin widerstrebte es ihr zwar, Werte des Hauses fortzuschaffen; doch wenn sie daran dachte, dass das Mädchen, das sie von Kindesbe an behütet hatte, bald aus dem Williams-Anwesen vertrieben werden und ohne festes Dach über dem Kopf dastand, neigte sich die Waagschale ihres Herzens dem Fräulein zu. „Ich vermisse meine Eltern schlicht zu sehr; sie haben mich so plötzlich allein zurückgelassen. Ich wünsche nur, die Dinge mitzunehmen, die sie täglich umgaben, um ihrer Nähe gewiss zu sein. Ich glaube kaum, dass mein Vetter Edward so hartherzig sein wird, mir dies zu verwehren. Ich bin seine leibliche Base – wie mitleidlos müsste ein Mann sein, um einer Waise das Andenken an ihre Eltern zu verweigern! Ein solch schändlicher Charakter würde ihm schlecht zu Gesicht stehen“, sprach Margaret. Sie wusste wohl, dass der Adel nichts mehr fürchtete als den Verlust des Gesichts vor der feinen Welt; und die Familie ihres Vetters hielt das äußere Ansehen für das höchste Gut. Sollten sie Margaret diese Stücke verweigern, brauchte sie dieses Gebaren nur in der Gesellschaft publik zu machen, und sie könnten sich auf keinem Ball in London mehr blicken lassen. „Nun, Fräulein, ich werde Euch das Verzeichnis nachher aushändigen“, nickte Mistress Street zustimmend. Auch ihr war bewusst, dass Margarets künftiges Los bitter sein würde, und jedes Stück, das sie rettete, mochte ihr dereinst von Nutzen sein. „Ich danke Euch, Mistress Street. Würdet Ihr nun die Güte haben, den Verwalter zu mir zu rufen? Ich muss ihn wegen der flüssigen Gelder befragen.“ Mit der Unterstützung der Haushälterin im Rücken hellte sich Margarets Gemüt ein wenig auf. In ihrer Lage galt es, zu retten, was zu retten war; denn alles, was sie hier zurückließ, würde am Ende doch nur Fremden zugutekommen. Nachdem Mistress Street das Gemach verlassen hatte, blickte Annoli Margaret mit einem feinen Lächeln an: „Wer hätte gedacht, dass Mistress Street sich so bereitwillig auf Eure Seite schlägt.“
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