„Er. Ist. Nur. Mein. Mitbewohner“, betonte Mara überdeutlich. Sie hatte es den ganzen Tag über mit unterschiedlichen Graden an Entrüstung, Resignation oder Verlegenheit wiederholt, ohne erkennbaren Erfolg; Kate und Bethan waren offensichtlich in Fahrt und genossen es förmlich, sie aufzuziehen. Sie hatte gehofft, dass sie auf offener Straße etwas diskreter sein würden, aber keine Chance. Nachdem sie sich im Bus noch auf bloßes Flüstern beschränkt hatten, fielen ihre beiden anstrengenden Freundinnen nun, während sie die Straße zu ihrer Wohnung hinaufliefen, voller Schadenfreude wieder in ohrenbetäubende Unverschämtheiten zurück.
„Ach, ja?“, zog Kate die Worte in die Länge und hob skeptisch eine Augenbraue. „Haben wir diesen unschuldigen Tonfall nicht schon mal gehört? Was hast du noch gleich gesagt? Irgendwas über Mike und platonisch und reine Freundschaft, oder? Kurz bevor er uns nach dem Weihnachtsball die halbe Nacht wachgehalten hat, weil er so romantisch vor meinem Fenster gejault hat?“ Sie seufzte und fügte spitz hinzu: „Das war das letzte Mal, dass du bei mir übernachtet hast.“
„Mich dünkt“, warf Bethan zu Maras Linker ein, „die Dame wehrt sich – sozusagen – gar zu sehr.“
Mara ignorierte sie, zog ihren Mantel gegen die kühle Abendbrise enger zusammen, schob ihre Tasche sicherer auf die Schulter und senkte den Kopf, um ihre brennenden Wangen hinter ihrem dunklen Haar zu verbergen. Manchmal waren ihre Freundinnen einfach unerträglich.
„Mhm“, stimmte Kate zu. „Da fragt man sich doch, warum, oder? Aber man muss ja nicht lange nach ihrem Grund suchen. Der Blick bleibt einfach an Mac hängen, sobald man ihn ansieht.“
„Er ist nur mein Mitbewohner“, wiederholte Mara resigniert. Gott sei Dank bin ich fast zu Hause, dachte sie.
„Und sie mag sich jetzt noch so sehr wehren“, fuhr Kate fort und zwinkerte Bethan zu, „aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich noch wehrt, wenn sie erst mal zu Hause ist.“
„Er ist nur mein Mitbewohner.“ Wie ihr beide ganz genau wisst. Noch eine halbe Straße. Mara wurde schneller. Sie wusste, dass es zwecklos war, sie abschütteln zu wollen, aber zumindest verkürzte es die Zeit der Belästigung, bevor sich ihre Wege an ihrer Haustür trennten.
„Ach, ich weiß nicht“, antwortete Bethan über Mara hinweg an Kate gewandt, während ihre langen Beine sich mühelos dem neuen Tempo anpassten. Plötzlich wechselte sie zu einem atemlosen Säuseln. „Oh bitte, Mac, bitte nicht“, keuchte sie heiser, „oh nicht, oh, nein, oh, oh, oooh, Mac, oh, neeeein.“
Mara blieb abrupt auf dem Bürgersteig stehen und schloss die Augen. Sie ballte die Hände zu Fäusten und versuchte, die Bilder aus ihrem Kopf zu verbannen, was Mac mit ihr anstellen könnte, um solche Laute hervorzurufen ... Sie riss ihre Gedanken von diesem sinnlosen Pfad los, sehr wohl spürend, dass ihre Brustwarzen hart und schmerzhaft aufgerichtet waren und sich eine verräterische Feuchtigkeit in ihrem Slip ausbreitete. Schon wieder. Dann holte sie tief Luft, riss sich zusammen und stellte sich ihren sogenannten Freundinnen.
„Ich dachte, ihr hättet euch ENDLICH an ihn gewöhnt.“
„Gewöhnt?“, wiederholte Kate. „Wie sollen wir uns an dieses absolut hinreißende männliche Model gewöhnen, das deine Wohnung schmückt?“, fragte sie ungläubig.
„Er ist Fotograf, kein Model.“
Bethan wischte Maras Einwurf mit einer achtlos wedelnden Handbewegung beiseite. „Wie auch immer. Sieh ihn dir an. Er ist so schön groß“, seufzte sie das letzte Wort voller Anerkennung für einen Mann, der ihre eigene elegante Größe mühelos überragte. Dann fügte sie hinzu: „Wobei das zugegebenermaßen bei dir auf jeden zutrifft.“
„Und er hat diesen traumhaften Schopf aus goldbraunem Haar“, stimmte Kate ein, und ihre Augen begannen bei dem Gedanken zu leuchten.
„Tiefe, tiefe, grüne Augen, bei denen jedes Mädchen einfach dahinschmilzt, mmmmm.“ Bethan verdrehte die Augen in einem Ausdruck purer Verzückung.
„Er ist witzig“, seufzte Kate.
„Aufmerksam.“
„Geschmeidige, gut definierte Muskeln.“
„Obwohl wir das Beste davon ja noch gar nicht gesehen haben.“ Bethan sah Mara lüstern an, woraufhin diese die Augen verdrehte.
„Hast du ihn gestern Abend in diesem Hemd gesehen? Hochgekrempelt, um diese Unterarme zu entblößen – die Definition, diese dunkle Bräune, die sehnige Kraft, das einladende Lächeln in seinen Augen … mmmm.“ Kate befand sich offensichtlich in ihrer eigenen Traumwelt.
„Göttlich“, stimmte Bethan zu, ihre Stimme klang nun leicht rau.
„Muy, muy männlich. Mmmmm.“ Kate sah aus, als würde sie ihren Gedanken geradewegs in den Himmel folgen. Oder wahrscheinlicher an einen völlig anderen Ort.
Mara hatte genug. Ihr ganzer Körper zitterte, brodelte. Sie brauchte diese Erinnerungen nicht. „Okay, okay“, fauchte sie, „ich werde ihn bitten, dieses Hemd nie wieder zu tragen …“
„Oder nur noch ganz privat für sie“, unterbrach Kate sie in einem beiseite gesprochenen Flüstern, und Mara funkelte ihre eigentlich doch intelligente blonde Freundin böse an, während sie fortfuhr: „… da es euch beide in hohlköpfige Flittchen verwandelt …“
„Hohlköpfige Flittchen? Hohlköpfige Flittchen!? Hast du fleißig an deiner Liste für tödliche Beleidigungen gearbeitet, Gem?“, hakte Bethan nach und grinste auf sie herab.
„… und nein, ihr werdet NICHT mit reinkommen.“ Mara blieb vor der Haustür stehen, machte eine verächtliche Handbewegung, um sie abzuwimmeln, und warf ihnen einen wütenden Blick zu, während sie mit ihrem Schlüssel nach dem Schloss fummelte. Die beiden waren ein paar Schritte hinter ihr ebenfalls stehen geblieben und grinsten sie unverschämt und glücklich an.
„Hab einen schönen Abend, Mara.“
„Jap, lern fleißig. Schön konzentrieren.“
„Lass dich von nichts ablenken. Keine unanständigen Gedanken.“
Mara streckte ihnen die Zunge raus, lächelte dann aber schief, als sie die Tür aufstieß und in den Hausflur trat. Sie erhaschte noch Bethans zum Abschied gedachtes, theatralisches Flüstern, als die beiden sich abwandten, um weiter die Straße hinauf zu ihrer eigenen Wohnung zu gehen: „Beeil dich, Mädchen, los. Er muss bald zur Arbeit, lass dir das nicht entgehen!“
„Idiotinnen“, schnaubte sie und schlug die Tür etwas zu heftig hinter sich zu. Dann lehnte sie sich mit dem Rücken dagegen und holte tief Luft. Zählte ihre wild pochenden Herzschläge. Noch ein tiefer Atemzug. Noch einer. Verdammt. Sie stand buchstäblich in Flammen. Die Idiotinnen hatten das schon den ganzen Tag so durchgezogen, und ihr widerspenstiges Gehirn hatte sich immer mehr erotischen Fantasien hingegeben, bis sie vor lauter Feuer in ihren Adern und dieser pochenden Wärme zwischen ihren Schenkeln keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.
Sie musste sich beruhigen. Die beiden mussten sich schließlich nicht mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Mac schlichtweg kein Interesse an ihr hatte – ganz gleich, worüber sie oder ihre Freundinnen sich beim Fantasieren auch nicht zurückhalten konnten. Nach sechs Monaten hatten Mac und sie sich in einer wunderbar entspannten Freundschaft eingefunden, und das wollte sie nicht aufs Spiel setzen. Er spielte in einer völlig anderen Liga. Und etwas an seiner Stille, dieser tiefen Traurigkeit in ihm, hielt sie davon ab nachzubohren, warum er ausgerechnet in so einer Studentenabsteige (wenn auch für Doktoranden) gelandet war, wo er doch bestimmt zehn Jahre älter als sie war und eher nach schicken Penthouses in der Innenstadt aussah. Es war, als bräuchte er einfach nur Ruhe.