„Gut, dann setz dich einfach zu Jason, neben ihm ist noch ein Platz frei.“ gab unsere Lehrerin Miss Rock – zumindest glaube ich, dass sie so hieß – von sich und zeigte auf mich.
Es war bereits halb neun und wir haben uns gerade Annas Steckbrief angehört, warum sie jetzt hier ist, wie alt sie ist, was ihre Hobbys sind, ob sie Geschwister hat, und so weiter.
Anna nickte lächelnd und kam einfach auf mich zu. Ihr waren die Idioten um uns herum genauso egal wie mir.
„Hey...“ murmelte sie lächelnd und ließ sich auf den Stuhl neben mir sinken.
„Hey!“ flüsterte ich zurück und sah dann zu der Lehrerin.
„So, machen wir mit dem Unterricht weiter. So wie ihr jetzt sitzt werdet ihr auch als Team zusammen arbeiten. Ihr werdet mit eurem Tischnachbarn ein Projekt beginnen. Worüber ist erst einmal völlig egal. Ihr sollt nur lernen im Team zu arbeiten und vor allem müsst ihr das freie Reden und präsentieren üben.“
Weiter höre ich ihr nicht mehr zu, sondern drehe mich zu Anna um und begann mit ihr zu sprechen.
„Auf was für ein Thema hast du l**t?“ fragte ich sie, während sie schon einmal aus ihrer Tasche das Mäppchen und den Block herausholte.
„Du kannst entscheiden was wir machen, aber bitte komm mir nicht mit Make up oder so etwas Mädchenhaftes. Ich flehe dich an, tue mir das nicht an.“
Sie fing an zu lachen, was die anderen Schüler dazu brachte sie anzugucken. Wie mich das nervt.
„Gibt es was zu glotzen? Wir sind kein Kino“ fauchte ich wütend und sah mich einmal in der Klasse um, um die Idioten mit Blicken zu erdolchen.
„Lass gut sein, Jason. Die sind es doch eh nicht wert. Zu deiner Frage, ... wie wäre es mit Graffiti?“
Mein Herz machte einen kleinen Sprung als sie das sagte
„Wirklich? Graffiti?“ fragte ich überrascht und holte ebenfalls meinen Block aus meiner Tasche heraus.
„Wenn du willst ja. Vielleicht magst du das auch gar nicht. War eine dumme Idee.“
„Doch, das ist ein perfektes Thema. Kommst du heute Abend bei mir vorbei? Dann können wir das Plakat machen, ich hab schon eine Idee wie wir das machen.“
Endlich ein Mädchen das Graffiti mag, also so langsam denke ich, das Anna und ich beste Freunde werden können.
„Gerne, wo, wo wohnst du denn?“
„Wo wohnst du denn?“ erwiderte ich auf ihre gestammelte Wörter.
„Lowstreet 32.“ antwortete sie und malte irgendwas in ihren Block.
„Du wirst von meinem Fahrer abgeholt und dann direkt zu mir gebracht. Beim ersten mal würdest du es nicht finden. Wir sehen uns dann später bei mir. Der Fahrer heißt Albert, falls es dich interessiert.“ murmelte ich gegen Ende hin und schaute dann lächelnd zu meinen Jungs, die unsere Unterhaltung ganz interessiert begutachten.
Sie haben nur Mist im Kopf. Die Jungs zogen irgendwelche Fratzen und fingen dann an zu lachen, während ich mit meinen Kopf schüttelte. Doch ein Grinsen konnte ich mir dennoch nicht verkneifen.
„Was für Vollidioten!“ murmelte ich lachend.
Ich begann in meinem Block irgendetwas zu zeichnen, was mir gerade im Kopf herum schwebt. Kurz hielt ich inne. Ich drehe mich wieder zu ihr um, um ihr aufrichtig zu zuhören.
„Hast du denn schon ein Bild oder eine wage Vorstellung, was du auf dem Plakat haben willst? Also im Graffiti Style?“
Kurz nickte sie und räusperte sich. Nervös begann sie auf dem Stuhl hin und her zu rutschen. Okay, was kommt jetzt?
„Kennst du die JOGang?“
Ich glaube, dass mein Herz gerade ausgesetzt hat. Arzt. Ein Arzt. Ich benötige dringend einen Arzt, der mir nochmal zeigt, wie man richtig atmet. Mist.
„J-ja? Wieso?“ ich geriet ins stottern, was gerade nicht so gut ist.
Etwas unsicher schaute ich zu meinen Jungs, die plötzlich total verwirrt aussahen und uns leicht angespannt beobachten.
„Ich steh total auf die Bilder von Jo und hab sogar auf i********: eine Seite für die g**g. Seine Bilder sind der Hammer, wirklich. Wenn ich wüsste wer alles zu der g**g dazugehört, dafür würde ich einfach alles tun.“
Schwärmte sie von mir und den Jungs.
„Du magst diesen Jo also?“ fragte ich Sie leise.
„Ja... komisch oder? Ich kenne ihn nicht, aber man sieht an seinen Kunstwerken wie er das Sprayen liebt. Er ist so toll. So Kreativ, Kriminell und noch vieles mehr. Ich mag so was total. Er will die Stadt bunter machen und die Polizei ist ihm dabei völlig egal. Er ist bemerkenswert. Gestern zum Beispiel ist er meiner Seite gefolgt und – erkläre mich für verrückt, weil ich erst seit ca. 72 Stunden hier wohne – aber ich bin gestern Abend dermaßen aus geflippt. Als wäre ich komplett geistesgestört. Du musst mich für verrückt halten.“ lachte sie und wurde rot.
Sie ist also die Person, der ich gestern gefolgt bin. Ihr gehört also der i********: Account? Interessant.
Plötzlich klingelte es zur Pause, was Anna aufschrecken lässt. Krass, schon zwei Stunden vorbei, denkt sich Anna. Sie hätte nicht gedacht, dass die Zeit mit Jason so schnell vergeht. Wie von der Tarantel gestochen, stand oder wohl eher sprang Jason auf packte eilig sein Zeug ein und verabschiedete sich kurz bei Anna.
***
„Ich freue mich schon auf heute Abend!“ gab Jason noch kurz von sich und ging dann zu seinen Freunden, die mit ihm zusammen ihre gemeinsame Klasse verlassen. Was war dass denn?
Etwas überrascht stand Anna ebenfalls auf, nahm ihre Tasche, räumte noch die restlichen Sachen ein und ging dann zu ihrer Cousine, die sie anschaute, als ob Sie jeden Moment zu einem Alien Mutieren würde. Was haben alle nur gegen Jason? Er ist doch total nett und hilfsbereit. Klar wird er wütend, wenn jemand sagt, das er angeblich seine Mom schlägt, aber die Frage wäre eher, wer würde es nicht tun. Fragen über Fragen bilden sich in Annas hübschem Köpfchen. Bei ihr Cousine angekommen, sah sie mich immer noch so komisch an, weswegen Anna ein „Was?“ herausplatzte. Was muss ihre Cousine sie jetzt so anstarren? Sie hatte nichts getan, kein Verbrechen begangen oder so etwas ähnliches. Nichts.
***