Cara eilte über die Rollbahn und zwängte sich durch das Tor, durch das Abby kurz zuvor verschwunden war. Sie spürte, wie ihr Energielevel in die Höhe schnellte, als sie sich bewegte. Ein paar Stunden Schlaf, die kühle Abendluft und der Gedanke an einen schönen Abend ließen ihren Adrenalinspiegel steigen. Sie wollte Abby einholen, um sie über die Brüder auszufragen und um zu sehen, ob die Chance bestand, Ariel ein bisschen aufzuheitern.
Cara runzelte die Stirn, als jemand aus den Schatten hinter Abby auftauchte. Der Typ stand mit dem Rücken zu ihr, so dass sie seine Gesichtszüge nicht erkennen konnte. Ein Schauer lief ihr den Rücken herunter. Sie hoffte, dass Abby den Typ kannte, denn sie hatte eindeutig kein gutes Gefühl dabei, wie er einfach so ohne Begrüßung hinter ihr aufgetaucht war. Cara wollte Abby gerade warnen, als diese überrascht zusammenzuckte.
„Hey Abby! Bist du okay?“, fragte Cara und lief auf den Truck zu. „Ariel und Trisha sind schon unterwegs. Es hat nicht…“ Cara verstummte, als sie sah, wie Abby in sich zusammensackte.
Der Mann blickte auf, als er Cara hörte. Er zog eine Waffe hinter seinem Rücken hervor, richtete sie auf Cara und drückte ab. Cara ließ ihren Rucksack und den Werkzeuggürtel fallen und lag bereits auf dem Boden, als sie ein leises Poppen hörte und die Kugel sie nur knapp verfehlte. Innerhalb von Sekunden hatte der Mann Abby aufgehoben und sie über seine Schulter gelegt. Währenddessen feuerte er eine weitere Runde Kugeln ab. Cara kroch unter einen Golfwagen, der in der Nähe stand und versteckte sich hinter den kleinen Vorderreifen, ausnahmsweise einmal froh, dass sie so klein war. Cara atmete fest durch die Nase und ging eine Strategie nach der anderen durch, als sie plötzlich eine Hand auf ihrem Arm spürte und leise aufschrie.
„Schhh. Ich bin’s, Carmen”, sagte Carmen und kniete sich neben Cara. Sie blickte auf, als sie Ariel und Trish auf sie zulaufen sah.
„Scheiße, was ist passiert?“, fragte Trish und atmete erleichtert auf als sie Cara unversehrt vorfand. Noch bevor Cara irgendwas sagen konnte schnitt Carmen ihr in einer leisen Stimme das Word ab.
„Irgend so ein Arschloch hat Abby aufgelauert. Von dem bisschen, was ich verstanden habe, scheint er nicht allzu glücklich darüber zu sein, dass sie sich nicht für ihn, sondern für diesen Zoran entschieden hat. Er hat sie mit etwas gestochen und ihr Handschellen angelegt. Ich werde ihm folgen. Haltet eure Telefone bereit; vielleicht brauche ich etwas Verstärkung“, sagte Carmen und lief auf ein Motorrad zu, das zwischen zwei Anhängern stand.
„Wir brauchen irgendetwas mit Rädern“, murmelte Ariel und sah zu, wie ein Truck den Flughafen verließ. Carmen machte sich nicht die Mühe, die Lichter einzuschalten. Sie lenkte die schnelle, aber leise Yamaha YAF-R1 Maschine hinterher, die sich auf einem Rad aufstellte, als sie losfuhr.
„Da hinein“, sagte Cara mit zitternder Stimme und ging auf Abbys Truck zu. Innerhalb von Sekunden hatte sie den Motor angelassen. Cara wünschte sich, sie könnte ihrem Onkel Wilfred sagen, dass ihr die Erfahrung mit dem Kurzschließen von Autos in ihren Teenagerjahren tatsächlich etwas gebracht hatte. Sie dachte daran, wie sie sich im Alter von zwölf das Auto des Sheriffs für eine Spritztour ausgeliehen hatte. Aus irgendeinem Grund, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte, war sie sauer auf den Sheriff gewesen. Sie hatte den Wagen vor dem Haus der Witwe Miller stehen lassen. Woher hätte sie wissen sollen, dass der Sheriff eine Affäre mit der Witwe Miller hatte und seine Frau versuchen würde, ihn zu erschießen? Sie war erst zwölf gewesen, verdammt nochmal!
Nach diesem kleinen Vorfall wusste natürlich das ganze Dorf über den Sheriff und Witwe Miller Bescheid. Selbstverständlich wurde der Sheriff im darauf folgenden Herbst nicht wiedergewählt. Als ihr Onkel Wilfred herausfand, was passiert war, hatte er sie ins Kreuzverhör genommen und sie für den Rest des Schuljahrs nach der Schule in der Garage des neuen Sheriffs arbeiten lassen.
Cara grinste, als Ariel und Trisha auf den Vordersitz sprangen und sie komisch ansahen. Sie konnte ein dummes Grinsen nicht unterdrücken. „Ich habe früher öfter in Schwierigkeiten gesteckt, weil ich mir Autos für eine Spritztour ausgeliehen habe.“
Cara legte den Gang ein und fuhr Carmen hinterher. „Ruft Carmen an. Fragt sie in welche Richtung wir müssen.“
Mit einem halben Ohr hörte Cara bei dem Gespräch von Ariel und Carmen zu und mit dem anderen, wie der Motor beschleunigte, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viel sie aus ihm herausholen konnte. Es war wichtig, die Fahrzeuge, die man fuhr, zu kennen, vor allem wenn man mit hoher Geschwindigkeit auf unbekannten Straßen unterwegs war. Sie wollte nicht das Risiko eingehen, eine Kurve zu schnell zu nehmen.
„Sollen wir die Polizei rufen?“, fragte Cara, als sie scharf abbog und das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrückte. „Verdammt, ich muss mir unbedingt ihren Truck ansehen. Der beschleunigt gar nicht richtig.“ Cara überlegte, ob Abby mit dem armen Ding jemals die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten hatte. Es fühlte sich mehr wie ein Oma-Mobil als wie ein Pickup Truck an!
Trisha verdrehte die Augen. „Wie kannst du nur über so etwas nachdenken, wenn wir gerade mitten im nirgendwo böse Jungs jagen.“
„Hey, ich kann mich auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren“, sagte Cara und riss erneut das Steuer herum, wobei der Truck etwas ins Schlingern geriet. Ups, drehen, drehen, drehen, gerade, nicht überkorrigieren – so ist es gut.
Caras Gedanken waren überall, als das Adrenalin durch ihren Körper schoss. Die Reifen sind hinten etwas flach, Getriebe könnte mal überholt werden und einer der Zylinder ist etwas veraltet. Damit konnte sie arbeiten.
Wenn die Brüder wirklich süß sind, kann ich Ariel und Trish vielleicht dazu überreden, noch ein paar Tage länger zu bleiben. Ist ja nicht so, dass die Boswells unbedingt ihren Jet wiederbrauchen, er ist ja noch in Produktion. So hätte ich mehr Zeit, mir Abbys Truck anzusehen. Natürlich, warf Cara in ihre laufenden Kommentare ein, müssen wir erst einmal Abby zurückholen und einem Mistkerl in den Arsch treten. Cara war zuversichtlich, dass das nicht allzu lange dauern sollte, schließlich waren sie zu viert – zu fünft Abby mitgezählt. Gott, dachte Cara mit einem reumütigen Grinsen, so wie sie Carmen kannte, würde vielleicht gar nichts mehr übrig sein, was sie in den Arsch treten konnten!
Ariel und Trisha stießen mehrere Flüche aus, die sie während ihrer Zeit bei der Air Force gelernt hatten. Cara lachte nur. Sie hatte schon viele rasante Fahrten in ihrem Leben unternommen und war noch nie von der Polizei erwischt worden, die immer hinter ihr her gewesen war.