Iris schob die Schlafzimmertür auf, um hineinzuspähen. Von ihm war keine Spur. Auf Zehenspitzen schlich sie hinein und sah im Badezimmer nach. Nein, auch dort war er nicht. Wo steckte er dann?
Sie wirbelte herum und fand sich allein im Versteck des Feindes wieder. Ihr Blick fiel auf das Kingsize-Bett vor ihr. Es war das Bett des Mannes, und es sah aus, als hätte er die Decke einfach beiseite geworfen, als er morgens aufgestanden war. Sollte sie das Bett für ihn machen?
Sobald sie die Satinbettdecke berührte, durchfuhr sie eine Welle der Hitze. Wie konnte allein der Anblick seines Bettes sie so erregen? Eine seltsame Kraft zog sie zu dem Ort, an dem er geschlafen hatte. Es verwirrte sie sehr. War es überhaupt normal, so für ihren Arbeitgeber zu empfinden?
Neben dem Bett stand eine reich verzierte Kommode, geschmückt mit Bilderrahmen und teuren Accessoires. Warum konnte er seine Dinge nicht ordentlich in den Schubladen verstauen? Ein Platinarmband, Diamantmanschettenknöpfe und eine klobige Designer-Smartwatch in limitierter Auflage lagen achtlos herum.
Iris fühlte sich schuldig, in seiner Abwesenheit herumgeschnüffelt zu haben. Nein, sie sollte von hier verschwinden.
Auf dem Sofa in der Ecke lag seine schmutzige Wäsche. Ihr Blick fiel auf den überquellenden Wäschekorb, und sie seufzte. Maddox Laurier brauchte dringend eine Haushälterin. Warum hatte er nicht längst mehrere eingestellt, wo er es sich doch leisten konnte?
Seufzend nahm sie den Wäschekorb und wirbelte herum, um zu gehen. Doch ihre Augen weiteten sich, als sie ihn im Türrahmen lehnend sah. Schweigend beobachtete er sie. Wann war er hereingekommen? Wie konnte sich jemand so lautlos bewegen – wie ein Panther auf der Jagd? Hier war sie seine Beute.
„Oh, ähm, ich habe Sie gesucht, Mr. Laurier.“ Nervös befeuchtete sie ihre trockenen Lippen. Was, wenn er voreilige Schlüsse zog und sie des Diebstahls beschuldigte? Genau das hatte seine Familie ihrer Mutter angetan. „Es tut mir leid, falls ich in Ihre Privatsphäre eingedrungen bin.“ Beschämt senkte sie den Kopf, doch er grinste nur.
„Schon gut, Iris. Sie können sich hier im Haus frei bewegen.“ Er löste sich von der Tür und kam näher.
Iris war sprachlos angesichts seiner unerwarteten Reaktion. Warum war er so nett zu ihr? Wie sollte sie ihm nur einen Korb geben und den Job kündigen? „Oh, ich putze jetzt Ihr Zimmer.“
Er streckte die Hand aus, um sie aufzuhalten. „Nicht nötig. Ich habe dreimal die Woche Putzhilfe. Sie müssen sich nur um meine Bedürfnisse kümmern. Sie können für mich kochen und das Haus in Ordnung halten.“
Sie nickte, doch ihr Herz machte einen Sprung bei dem, was er gerade gesagt hatte. Würde es dabei bleiben? Oder wollte er mehr? „Oh, jetzt?“ Es war schon spät, und sie wollte unbedingt nach Hause. Er hatte erwähnt, dass ihre Arbeitszeit bis 20 Uhr ging. Warum ließ er sie dann nicht für heute frei?
„Nein, morgen.“ Er blieb direkt vor ihr stehen, sein Blick glitt über ihre abgetragene Kleidung. „Aber so geht das nicht. Ziehen Sie sich aus!“
Iris stammelte und wich ängstlich zurück. „Was? Nein, ich ziehe mich nicht vor Ihnen aus.“ Obwohl sie ihn abwies, spürte sie seine Nähe deutlich. Sein Duft durchdrang sie und ließ sie innerlich erbeben. Was geschah mit ihr? Wie konnte der Blick eines anderen so eine Wirkung auf sie haben?
„Ich weiß, dass Sie es wollen. Aber wir kommen irgendwann dazu. Nehmen Sie jetzt die Kiste und folgen Sie mir.“ Er deutete auf die Kiste, die am anderen Ende seines Schreibtisches stand.
„Ja, Mr. Laurier.“ Langsam ging sie auf den Schreibtisch zu. Was war in der Kiste?
Mit großen Augen hob sie den Karton hoch und drehte sich zu ihm um. Was erwartete er jetzt von ihr? Wohin sollte sie ihm folgen? Iris war zu verwirrt, um ihren Unmut zu äußern und zu kündigen. Ihr Verstand drängte sie zur Flucht, doch irgendetwas in ihrem Herzen hielt sie zurück. „Jetzt?“
Er verdrehte die Augen. „Mach es auf und sieh selbst.“
Sie fummelte an der Verpackung und öffnete schließlich den Karton. Drei identische französische Dienstmädchenkostüme fielen heraus. Sie staunte über die kurzen schwarzen Kleider mit weiß spitzenbesetzten Faltenröcken, runden Ausschnitten und Flügelärmeln. Die Kleider waren anständiger, als sie erwartet hatte. Dazu gab es passende weiße Schürzen und neue schwarze Pumps.
„Du kannst dich jeden Tag umziehen, sobald du hier bist. Komm mit, ich zeige dir das Zimmer, das du benutzen kannst.“ Er ging voraus, und Iris folgte ihm benommen mit dem Karton voller Geschenke.
Warum war er nur so großzügig zu ihr?
„Die sind aber teuer, Mr. Laurier …“
Er grunzte ungeduldig. „Das ist nicht Ihr Ausguck. Sie werden sie jeden Tag tragen, das ist ein Befehl.“ Er führte sie zum anderen Ende des Korridors, auf derselben Etage. Warum war ihr Zimmer auf derselben Etage wie seines? Sollte sie nicht im Personalbereich draußen wohnen?
Er öffnete eine Tür und drehte sich zu ihr um. „Das ist Ihr Zimmer. Sie können Ihre Sachen hier lassen.“
Iris sah sich in dem luxuriösen Raum um, der geschmackvoll in Lavendel und Weiß eingerichtet war. Wessen Zimmer war das? Es sah überhaupt nicht wie ein Dienstmädchenzimmer aus. „Mein Zimmer? Sind Sie sicher, Mr. Laurier? Ich kann in Ihrem Personalbereich wohnen. Was ist, wenn ich hier etwas kaputt mache?“
„Das werden Sie nicht. In der Küche gibt es teurere Sachen als hier. Haben Sie denn schon für vier Personen gekocht?“ Iris stellte die Schachtel ab und wandte sich ihm zu.
„Ja, Mr. Laurier. Wann kommen Ihre Gäste? Es ist neun Uhr.“
Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Ich habe heute Abend keine Gäste eingeladen.“
Sie starrte ihren seltsamen Arbeitgeber fassungslos an. Wollte er etwa so viel Essen ganz allein verdrücken? Vielleicht aß er wie ein Scheunendrescher. Oder hatte er Angst, sie würde ihn verlassen? Deshalb hatte er sie gebeten, extra viel Essen für ein paar Tage zu kochen.
„Oh, soll ich sonst noch etwas tun?“, fragte sie mit großen Augen und hoffte, er würde sie freigeben.
Er nickte. „Ja, aber Sie sind noch nicht so weit. Sie können uns also einfach das Abendessen servieren.“
Iris war von seinen Anweisungen noch verwirrter. Unser Abendessen? „Ich serviere Ihnen Ihr Abendessen, Mr. Laurier.“ Sie verließ ihr Zimmer und erstarrte bei seiner nächsten Anweisung.
„Du hast mich falsch verstanden, Iris. Ich möchte, dass du mit mir zu Abend isst.“ Seine Stimme war laut und deutlich, ohne jegliches Zögern.
Erschrocken drehte sich Iris um und starrte ihn fassungslos an. „Tut mir leid, ich kann nicht“, murmelte sie verlegen. Sie konnte den Mann einfach nicht verstehen. Welchen Hintergedanken hatte er nur, so nett zu ihr zu sein? War das alles nur ein Trick, um sie ins Bett zu bekommen?
Sie bezweifelte es. Er war ein berüchtigter Milliardär, dem es nicht an Frauen mangelte, die nur darauf warteten, sein Bett zu wärmen. Er brauchte sie nicht. Was konnte es dann sein?
Mit zwei Schritten überbrückte er die Distanz und erreichte sie. Iris stockte der Atem, doch sie brachte kein Wort heraus. Er blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen und funkelte sie an. Diesmal verbarg er seine Verärgerung nicht. „Warum nicht? Sehe ich etwa aus wie ein Dämon?“
Sie stotterte und wich zurück, bis ihr Rücken an einer Wand anstieß. Er wartete auf ihre Antwort und trat mit ihr vor.
„Ich … die Zwillinge warten auf ihr Abendessen. Ich kann nicht ohne sie essen.“ Beschämt senkte sie den Kopf. Was würde er nur von ihr denken? Sie hatte ihm doch nicht absichtlich widersprochen.
Die Zwillinge verbrachten den ganzen Tag in der Schule, besuchten den Unterricht und arbeiteten in der Schulkantine, um sich etwas dazuzuverdienen. Sie halfen im Verwaltungsteam der Schule mit und übernahmen neben dem Studium verschiedene Aufgaben. Da Isaak die Abschlussarbeiten für seinen Professor schrieb, verdiente er auch gut. Davon konnten sie zwei Monate lang Miete und Essen bezahlen. Jetzt, da die Abschlussarbeit fertig war, bedeutete diese Arbeit Iris alles.
„Sie sind doch erst siebzehn oder achtzehn, oder? Können sie nicht nach der Schule etwas essen gehen?“ Er sah sie ungläubig an.
Iris wirkte aufgebracht. „Wir haben kein Geld für so etwas, Mr. Laurier.“ Da sie ihren Zustand nicht offenbaren konnte, spürte sie, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Ohne sie konnte sie nicht essen. Sie ging ins Esszimmer und deckte den Tisch für ihren Arbeitgeber.
„Packen Sie genug Essen für Sie drei ein, bevor Sie gehen. Ich lasse nicht zu, dass eine meiner Angestellten wegen Überarbeitung verhungert.“
Iris erstarrte und starrte ihn fassungslos an. „Ich schaffe das schon, Sir. Ich brauche nur ein paar Minuten, um zu Hause das Abendessen vorzubereiten.“
Er hob abwehrend die Hand. „Spar dir deine Kräfte, Iris. Du wirst sie morgen brauchen. Packst du dein Essen ein, oder soll ich es für dich tun?“
Iris’ Augen weiteten sich. „Nein, ich mache es selbst. Danke, Mr. Laurier.“
Er murmelte etwas vor sich hin. „Mein Chauffeur, Robert Moore, bringt Sie nach Hause. Wir sehen uns morgen um 8 Uhr. Seien Sie pünktlich.“
Iris fuhr mit dem eingepackten Essen in einem eleganten Rolls-Royce davon – wie eine Königin. War sie nicht seine Zofe? Sie war verwirrter denn je.