Kapitel 1
Sera
Ich hätte es ahnen müssen, dass etwas nicht stimmte, als Damien mir den ganzen Morgen nicht in die Augen sah.
Als ich nun mitten im Zeremonienkreis stand, beobachtet von Hunderten von Rudelmitgliedern, verstand ich endlich, warum. Das weiße Zeremonienkleid, das sie mir gegeben hatten, fühlte sich plötzlich wie ein Leichentuch an, statt wie ein Festtagsgewand. Über uns hing der Vollmond unvorstellbar groß und hell, als wäre die Göttin selbst gekommen, um meine Demütigung mitzuerleben.
„Sera Blackwood", hallte Damiens Stimme über die Lichtung, förmlich und kalt. Das war nicht die Stimme des Mannes, der mir erst vor drei Nächten seine Liebe gestanden hatte. Das war Alpha-Erbe Damien Thorne, Sohn des mächtigsten Alphas der westlichen Territorien, und ich sollte gleich erfahren, wie wenig diese geflüsterten Versprechen wirklich bedeutet hatten.
Mein Wolf wimmerte in mir, verwirrt. Sie spürte unsere Gefährtin, die nur einen Meter entfernt stand, spürte die Verbindung, die an meinem achtzehnten Geburtstag vor sechs Monaten entstanden war, diesen goldenen Faden, der uns für immer vereinen sollte.
"Nehmt Ihr diese Frau als Eure Gefährtin an?", fragte Ältester Corvus, dessen uralte Stimme durch die schweigende Menge hallte. Es war eine Formalität. Jeder wusste, dass Damien unsere Verbindung bereits vor Monaten angenommen hatte. Diese Zeremonie war nur die öffentliche Bekanntgabe, die offizielle Krönung der zukünftigen Thronfolgerin.
Doch Damiens Kiefer war so fest zusammengebissen, dass ich die Muskeln zucken sah. Seine Augen -- diese sturmgrauen Augen, die ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr liebte -- trafen endlich meine, und was ich darin sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Reue, Resignation und, am schlimmsten von allem, Mitleid.
"Ich, Damien Thorne, zukünftiger Alpha des Nachtschatten-Rudels, lehne hiermit ab ..."
"Nein." Das Wort entfuhr mir, bevor ich es zurückhalten konnte. Um uns herum ging ein Raunen durch die Menge. Man unterbrach keine Bindungszeremonie. Man sprach nicht, wenn man nicht angesprochen wurde. Aber ich konnte nicht atmen, nicht denken, nichts tun, außer den Mann anzustarren, den ich zu kennen glaubte. "Damien, was tust du da?"
Sein Vater, Alpha Marcus Thorne, stand neben dem Ältesten, und das selbstgefällige Grinsen auf seinem Gesicht sagte mir alles. Das war nicht Damiens Entscheidung gewesen. Oder vielleicht doch, und das war umso schlimmer.
"Lass ihn ausreden, Mädchen", sagte Alpha Thorne mit verächtlicher Stimme. Er hatte mich nie akzeptiert, mich nie für gut genug für seinen Sohn gehalten. Mein Wolf war stark genug, meine Blutlinie akzeptabel, aber ich hatte keine politischen Verbindungen. Ich besaß weder Reichtum noch einen mächtigen Familiennamen. Für ihn war ich nur die Tochter eines Kriegers mittleren Ranges, die zufällig mit dem zukünftigen Alpha ausersehen war.
Zufällig.Vergangenheitsform, nicht vergessen! Denn was auch immer nun geschehen würde, es würde all das auslöschen.
„Ich, Damien Thorne, zukünftiger Alpha des Nachtschatten-Rudels, weise hiermit Sera Blackwood als meine Gefährtin zurück." Jedes Wort traf mich wie ein Schlag. „Sie ist zu schwach, um an der Seite eines Alphas zu stehen, zu weichherzig, um dieses Rudel in die Zukunft zu führen. Ich weise diese Verbindung vor der Göttin und diesem Rudel zurück."
Zu schwach. Zu weichherzig.
Die Worte hallten in meinem Kopf wider, während die Menge in schockiertes Flüstern ausbrach. Manche Gesichter zeigten Mitleid, die meisten jedoch Genugtuung. Es hatte immer schon welche gegeben, die meinten, ich verdiene Damien nicht. Und da, mit einem triumphierenden Lächeln, drängte sich Vanessa Crane durch die Menge.
Schön, mächtig, politisch gut vernetzt -- Vanessa war die Tochter des Alphas unseres stärksten verbündeten Rudels. Sie trug ein Kleid in den Farben der Zeremonie, und als sie Damiens Seite erreichte und ihre Hand in seine schob, verstand ich, dass dies nicht nur eine Zurückweisung war.
Es war ein Austausch.
„Akzeptierst du diese Zurückweisung?" Ältester Corvus fragte mich, und mir wurde klar, dass alle warteten. Es gab nur eine Antwort. Wenn ich ablehnte, würde die Verbindung uns beide zerreißen, bis einer von uns starb oder dem Wahnsinn verfiel. Ablehnungen waren endgültig. Sie mussten es sein, sonst würde der Schmerz nie enden.
„Ich ..." Meine Stimme versagte. Ich spürte, wie die Verbindung unter Spannung stand, der goldene Faden zu reißen begann. Schmerz breitete sich in meiner Brust aus, ein Druck, der mir das Atmen erschwerte. „Ich nehme an."
In dem Moment, als die Worte meine Lippen verließen, zerbrach die Verbindung.
Ich hatte von dem Schmerz einer Zurückweisung gehört. Jeder Werwolf kannte die Geschichten. Man sagte, es fühle sich an, als würde man in zwei Hälften gerissen, als würde einem die Seele aus dem Körper gerissen. Manche überlebten es nicht.
Niemand hatte gesagt, dass es sich anfühlen würde, als würde man sterben, während man noch atmet.
Ich sank auf die Knie, als die Qual durch jede Faser meines Körpers fuhr. Mein Wolf heulte in mir, ein Schrei von solcher Qual, dass er den Mond selbst hätte zersplittern müssen. Der Zeremonienkreis drehte sich. Jemand schrie -- vielleicht ich. Das weiße Kleid war plötzlich zu eng, erstickte mich, und ich krallte mich an den Ausschnitt, verzweifelt nach Luft ringend, die mir verwehrt blieb.
Durch den Schmerznebel hörte ich Damien grunzen, sah ihn taumeln. Gut. Ich hoffte, es schmerzte ihn nur halb so sehr, wie es mich zerstörte.
Doch dann geschah etwas anderes.
Der Schmerz ließ nicht nach -- er wandelte sich. Der Druck in meiner Brust entlud sich explosionsartig, und plötzlich spürte ich nicht nur Schmerzen, sondern ein brennendes Gefühl. Eine nie gespürte Kraft durchströmte meine Adern wie flüssiges Feuer. Meine Haut fühlte sich zu klein an. Mein Wolf wehrte sich, nicht mehr vor Schmerz, sondern vor Wut und Erwachen.
Ich riss die Augen auf, und die Welt hatte sich verändert. Alles war schärfer, heller. Ich konnte die einzelnen Kraftfäden sehen, die jedes Rudelmitglied verbanden. Ich konnte sehen, wie sie zu Damien und seinem Vater flossen. Doch da war noch etwas anderes -- ein silbernes Licht, das von meinen Händen, von meiner Haut ausging und im Takt meines rasenden Herzens pulsierte.
„Was zum Teufel ...", begann Alpha Thorne, doch seine Stimme wurde von einem donnernden Geräusch übertönt.
Ich blickte auf.
Der Vollmond, ohnehin schon unerträglich hell, erstrahlte wie eine Supernova. Silbernes Licht ergoss sich herab und berührte niemanden sonst. Nur mich. Die Schutzzauber des Zeremonienkreises brachen, uralte Magie zersplitterte unter dem Ansturm dessen, was auch immer mit mir geschah.
„Sie ist ..." Ältester Corvus taumelte zurück, seine uralten Augen weiteten sich vor etwas, das wie Erkenntnis aussah. Und Angst. „Das ist unmöglich."
Ich wusste nicht, was er meinte, wusste nicht, was mit mir geschah. Ich wusste nur, dass alle auf der Lichtung zurückwichen, sogar Damien. Besonders Damien. Sein Gesicht war kreidebleich geworden, und Vanessa klammerte sich an seinen Arm, als wäre ich ein Monster.
Vielleicht war ich es ja auch.
Die Kraft wuchs in mir, bis ich dachte, meine Haut würde platzen, bis ich sicher war, zu explodieren und das halbe Rudel mit in den Tod zu reißen. Ich musste rennen, weg, bevor ich jemanden verletzte, bevor sie sahen, wie ich die Kontrolle völlig verlor und damit alles bestätigte, was Damien gerade über meine Schwäche gesagt hatte.
Doch ich fühlte mich nicht mehr schwach. Ich fühlte mich gefährlich.
Ich zwang mich auf die Beine, obwohl meine Beine zitterten. Das silberne Licht folgte mir und tauchte alles in einen überirdischen Schein. Mein Wolf drängte mich, verlangte, dass ich mich verwandelte, verlangte, dass ich kämpfte, aber ich stieß sie von mir. Nicht hier. Nicht jetzt.
„Sera --", begann Damien, und tatsächlich klang er besorgt.
„Tu es nicht." Ein Wort. Mehr brachte ich nicht heraus, bevor meine Stimme wieder versagte. Ich raffte die letzten Fetzen meiner Würde zusammen und kehrte ihm, dem Rudel, dem Leben, das ich mir erträumt hatte, den Rücken zu.
Die Menge wich mir aus, als wäre ich krank. Gut so. Sollen sie mich doch fürchten. Sollen sie es doch bereuen, mich unterschätzt zu haben.
Ich schaffte es bis zum Rand der Lichtung, bevor meine Beine mich erneut im Stich ließen. Der Wald lockte mich, dunkel und einladend, und ich stolperte in die Bäume. Hinter mir hörte ich laute Stimmen -- Damien stritt mit seinem Vater, Ältester Corvus redete von Blutlinien, Prophezeiungen und Dingen, die besser im Verborgenen geblieben wären.
Es war mir egal. Ich rannte einfach los.
Der Vollmond erhellte meinen Weg, als ich durch den Wald sprintete, ohne mich auch nur zu verwandeln. In menschlicher Gestalt war ich immer noch schneller als je zuvor, die seltsame neue Kraft machte alles mühelos. Äste, die mein Kleid und meine Haut hätten berühren sollen, blieben unversehrt. Das silberne Licht um mich herum wirkte wie ein Schutzschild und verbrannte alles, was sich mir in den Weg stellte.
Ich wusste nicht, wohin ich ging, ich wollte nur weg. Hauptsache weg von dort.
Vor mir tauchte die Gebietsgrenze auf -- uralte Markierungen, die das Land der Nachtschatten von der neutralen Zone trennten. Mein Instinkt schrie mir zu, anzuhalten; das Überqueren ohne Erlaubnis war verboten, Schurken trieben sich in diesen Wäldern herum.
Ich ging trotzdem hinüber.
Lasst sie kommen. Lasst sie es versuchen.