Am nächsten Tag summte die Luft auf dem Campus vor Geflüster, tausend winzige Messer, die mir direkt in den Rücken stachen.
„Hast du von der Dicken-Tat bei der X-Nacht gehört?“, zischelte eine Stimme wie trockenes Laub.
„Die hat ja richtig abgeliefert“, lästerte eine andere.
„Wer hätte gedacht, dass die so was draufhat?“
„Du hättest Kyles Gesicht sehen müssen.“
Das Getuschel folgte mir wie eine Meute streunender Köter, die an meinen Fersen knabberten.
Scham kroch mir den Nacken hoch, aber darunter glomm ein seltsamer, trotziger Funke. Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte, Scham, Stolz oder einfach nur das nachklingende Gespenst der Berührung eines Fremden, eine Geisterwärme, die noch immer auf meinen Lippen blühte. Verdammt, der Fremde, dem ich einen geblasen hatte.
Da schnitt eine vertraute Stimme durch das Hintergrundrauschen. „Tatiana!“
Ich drehte mich um. Es war Roric, der Anführer der Orgie-Crew. Er stürzte auf mich zu, griff nach meiner Hand. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Kurvige-Tat!“ Roric war außer sich. „Wie um alles in der Welt bist du aus den Ketten rausgekommen? Danach ist alles komplett eskaliert! Eben noch s*x und Chaos, im nächsten Moment nur noch Dunkelheit.“
Mein Kopf raste. Die Lüge lag mir schon glatt auf der Zunge. „Ein barmherziger Samariter“, sagte ich, „hat mich im Tumult losgemacht. Ich hab sein Gesicht nicht gesehen.“ Die Worte klangen geschmeidig, glaubwürdig. Doch während ich sprach, drifteten meine Gedanken ab, zogen mich in einen Strudel aus Staunen. Wer war er? Der Mann, der mich berührt, geschmeckt und dann wie Rauch verschwunden war.
„Glück gehabt, Tat! Du hattest echt Schwein. Du wärst sonst aufgeflogen“, warf ein anderer aus der Gruppe ein.
Roric fluchte. „Dieser verdammte Sheriff! Der vermasselt immer alles! Der war’s, der die Party gesprengt hat!“
Mein Kopf schnellte hoch. „Der Sheriff des Countys?“
Roric nickte. „Ja, dieser alte Spießer. Hasst Nachtpartys. Nennt sie Sündenpfuhle und Verderben. Versucht ständig, alles Spaßige dichtzumachen.“
Ein Sheriff hatte mir das angetan? Am liebsten hätte ich es jemandem ins Gesicht geschrien.
Den ganzen restlichen Tag fraß mich die Frage auf: Wie kann ein Sheriff so etwas tun? Das Bild seiner Hände, seines Mundes, des drängenden Drucks seines Körpers prallte gegen die nüchterne Realität des Gesetzes.
Ich wollte im Internet nachschauen, herausfinden, wer genau er war, die Punkte verbinden, dem Stimmklang und der Berührung ein Gesicht geben. Der Gedanke an ihn, eine mächtige, verbotene und doch unwiderstehliche Gestalt, war ein glühender Klumpen in meinem Bauch.
Gerade als ich mein Handy rausholte, hallte eine laute, klare Stimme durch den Hörsaal: „Der Sheriff ist hier, um Anzeige wegen der Party zu erstatten!“
Mein Kopf fuhr hoch. Mein Herz sprang mir in die Kehle. Ich schoss von meinem Stuhl hoch, von einem plötzlichen, verzweifelten Drang getrieben, ihn zu sehen, zu wissen. Ich stürmte aus dem Raum, während die anderen wie angewurzelt dasaßen.
Er war da. Zusammen mit dem Schulrektor. Sie gingen direkt auf die Abschlussklasse zu, meine Klasse.
Panik überschwemmte mich. Ich hetzte zurück, mein Atem stockte, ein verzweifeltes Verlangen, unsichtbar zu werden. Ich drückte mich in meinen Stuhl, hoffte, die Schatten würden mich verschlingen.
„Kein Wort zu niemandem“, befahl Roric, bevor alle Platz nahmen.
Der Rektor trat ein, dann der Sheriff. Sie stellten sich vor die Klasse.
„Studierende!“, begann der Rektor. „Ich stehe heute mit schwerem Herzen und noch schwereren Nachrichten vor euch! Uns ist ein eklatanter Verstoß gegen Anstand und Sitte bekannt geworden, eine Zusammenkunft, die den gesamten Ruf dieser Einrichtung beschmutzt!“
Ich senkte den Kopf. Wird er mich erkennen?
Er machte eine Pause, ließ seine Worte d**k und schwer in der Luft hängen. „Die sogenannte ‚X-Nacht‘ war nichts als eine öffentliche Zurschaustellung der Verworfenheit! Ein Affront gegen unsere Werte und eine Schande für eure Ausbildung!“
Mir wurde übel. Wird er mich jetzt doch noch verhaften, nach allem, was er getan hat? Eigentlich müsste er selbst verhaftet werden, dachte ich.
„Um dieser schweren Angelegenheit gerecht zu werden“, fuhr der Rektor mit härterer Stimme fort, „habe ich einen Mann mitgebracht, der sich der Wahrung des Gesetzes und dem Schutz der moralischen Integrität unserer Gemeinschaft verschrieben hat. Er hat noch ein paar Fische an der Angel. Meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen den Sheriff dieses Countys, Sheriff Thomas Sterling!“
Ich hob den Kopf, der bisher starr auf den Boden gerichtet war.
Da stand er, eine stille Naturgewalt neben dem Rektor. Seine Präsenz war ein Berg im Raum. Er war nicht alt, nicht so, wie ich mir einen Sheriff vorgestellt hatte. Das war eine seltsame Erleichterung.
Sein Kiefer war stark. Seine Schultern unter der makellosen Uniform breit, sie deuteten auf einen kraftvollen Körperbau hin. Muskeln wölbten sich unter dem Stoff, zeugten von einem Körper, der durch Disziplin und Stärke geformt worden war.
Allein sein Anblick ließ mein Herz rasen. Ich wusste nicht, wovor ich mehr Angst hatte, verhaftet zu werden oder dass der Mann, der mich verhaften könnte, mir gestern ins Gesicht gespritzt hatte.
Ich schaute genauer hin. Er war unbestreitbar attraktiv, scharfe Züge, dunkle, prüfende Augen, die den Raum durchmusterten. Nicht jung, nein, aber reif, vielleicht Ende dreißig, genau das Alter, das von Erfahrung und Autorität sprach.
Ich konnte nicht denken. Mein sonst so chaotischer Kopf war vollkommen leer, bis auf sein Bild. Ich starrte ihn nur an, mein Blick gefangen an seiner Gestalt, wie hypnotisiert.
Der Rektor sprach weiter, Worte der Verurteilung, von geplanten Strafen, vom langen, ehrenvollen Werdegang des Sheriffs, seiner Hingabe an die Gerechtigkeit, seiner Pflicht, „die Gesichter, die er wiedererkennen konnte“, von der Party zur Rechenschaft zu ziehen.
Doch die Worte des Rektors waren nur ein fernes Summen gegen das Hämmern meines Blutes in den Ohren. Ich sah nur ihn, Sheriff Sterling, den Mann, dem ich einen geblasen hatte.
Mein Blick folgte ihm, als er begann, die Reihen der Studierenden abzuschreiten, seine Schritte bedächtig, ohne Eile, seine Augen musterten jedes Gesicht.
Er kam nach hinten, immer näher zu meinem Platz im Schatten. Mein Atem wurde flach, kaum noch wahrnehmbar. Ich wusste es. Ich wusste es. Er würde mich rauspicken.
Ich senkte den Kopf.
Er blieb stehen. Genau vor mir. Ich starrte auf seine Stiefel. Ich hörte mein Herz schlagen. Mein Körper zitterte. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen, als wollte es herausspringen.
Langsam drehte er den Kopf, sein Blick glitt über mich, verweilte. Mein Körper spannte sich an, wartete auf seine Worte, auf die Anklage.
Dann wandte er sich ein winziges Stück ab. Meine Hoffnung stürzte in die Tiefe wie ein Stein in einen Brunnen. Eine Welle der Verwirrung spülte über mich. Hatte er mich nicht erkannt? Gott sei Dank. Ich hob den Kopf.
Sein Rücken war so breit, dass er den Raum zwischen zwei Stühlen ausfüllte. Wie ich vermutet hatte, war er riesig; wenn ich den Kopf heben würde, würde er mir bis zum Nacken reichen. Kein Wunder, dass sein Kiefer gestern bequem auf meinem Kopf gelegen hatte.
Doch dann blieb er erneut stehen, abrupt, und drehte sich mit erstaunlicher Schnelligkeit wieder um. Seine dunklen Augen bohrten sich direkt in meine. Ein Schauer aus Angst und Vorfreude jagte durch mich.
„Die da“, sagte er, seine Stimme schnitt durch die Stille wie eine scharfe Klinge. Sein Finger, ein anklagender Pfeil, zeigte genau auf mich. „Die nehme ich mit zur Vernehmung.“
Die Klasse murmelte.
„Tat! Kein Wort verraten“, zischte Roric.
„Verräter sind die Letzten! Wehe!“, rief eine fremde Stimme.
„Tatiana Vance, aufstehen!“, befahl der Rektor.
Meine Knie zitterten, als ich mich erhob. Irgendetwas in mir rebellierte. Warum ich? Er hat mich angefasst, das war gesetzwidrig. Trotzdem raste mein Herz.
„Tatiana?“ Eine leise Stimme. Ich drehte mich um. Es war Patricia. „Sag ihm bloß nicht, dass ich da war, der bringt mich um.“
„Was?! Warum?“ Dann traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz, etwas, das niemand je geahnt hätte. Ihr Nachname war Patricia Sterling. Das konnte nicht sein. „Ist er dein…“
„Ja. Wag es ja nicht!“ Sie drohte mir.
Ich schnaubte verächtlich. Sie kniff die Augen zusammen.
Als ich auf ihn zuging, grinste er hämisch. Die Luft wich mir mit einem Schlag aus den Lungen. Mein Verstand schrie. Er war es. Er wusste es. Und jetzt nahm er mich mit. Patricias Vater.
Genau in diesem Moment ringelte sich ein unanständiger Gedanke in mir zusammen: Der Schwanz, der Patricia gezeugt hat, war gestern in meinem Mund.