Kapitel 2

1172 Words
2 Nikolai Ein Klopfen an der Tür lenkt mich von der E-Mail ab, die ich gerade lese, und ich schaue von meinem Laptop auf, als Alina die Tür öffnet und anmutig in mein Büro tritt. »Wir haben heute Abend eine vielversprechende Bewerbung bekommen«, sagt sie und nähert sich meinem Schreibtisch. »Hier, sieh dir das an.« Sie reicht mir einen dicken Ordner. Ich öffne ihn. Das Führerscheinfoto einer auffälligen jungen Frau blickt mich vom obersten Blatt an. Ihre braunen Augen sind so groß, dass sie ihr kleines, rautenförmiges Gesicht dominieren. Selbst auf dem körnigen Ausdruck scheint ihre gebräunte Haut zu leuchten, als würde sie von einer unsichtbaren Kerze von innen heraus beleuchtet. Aber es ist ihr Mund, der meine Aufmerksamkeit erregt. Er ist klein, aber perfekt geformt – und eine Mischung aus dem Schmollmund einer Puppe und dem Schmollmund eines Pornostars. Auf diesem Bild lächelt sie nicht. Ihr Gesichtsausdruck ist ernst, ihr Haar ist entweder zu einem strengen Pferdeschwanz oder einem Dutt gebunden. Auf der nächsten Seite ist jedoch ein Bild von ihr zu sehen, wie sie lacht, den Kopf zurückwirft und ihr Gesicht von goldbraunen Wellen umrahmt wird, die unter ihren schlanken Schultern verschwinden. Sie ist wunderschön auf diesem Foto und so strahlend, dass ich spüre, wie etwas in mir gefährlich still und leise wird, während sich mein Puls mit einer männlichen Urreaktion beschleunigt. Ich unterdrücke die bizarre Reaktion, blättere eine Seite zurück und lese die Informationen auf dem Führerschein. Chloe Emmons ist dreiundzwanzig Jahre alt, ein Meter siebzig groß und wohnt in Boston, Massachusetts – was bedeutet, dass sie weit weg von zu Hause ist. »Wie hat sie von dieser Stelle erfahren?«, frage ich und schaue zu Alina auf. »Ich dachte, wir hätten die Anzeige nur in den lokalen Zeitungen geschaltet.« Sie schiebt die Ausdrucke mit den Fotos zur Seite und tippt mit einem glänzenden roten Nagel auf die Seite darunter. »Lies das Anschreiben.« Ich wende meine Aufmerksamkeit der Seite zu. Es scheint, dass Chloe Emmons nach ihrem Uniabschluss auf einem Roadtrip ist und zufällig in Elkwood Creek vorbeikam. Als sie unsere Anzeige sah, beschloss sie, sich für die Stelle zu bewerben. Das Anschreiben ist gut geschrieben und sauber formatiert, ebenso wie der darauffolgende Lebenslauf. Ich kann verstehen, warum Alina das vielversprechend fand. Obwohl das Mädchen gerade erst ihren Bachelor in Erziehungswissenschaften vom Middlebury College erhalten hat, hat sie mehr Unterrichtspraktika und Babysitterjobs gehabt als die drei vorherigen Kandidaten zusammen. Konstantins Bericht über sie kommt als Nächstes. Wie üblich ließ er sein Team ihre sozialen Medien, Straf- und Verkehrsakten, Finanzberichte, Schulzeugnisse, Krankenakten und alles andere über ihr Leben, das zu irgendeinem Zeitpunkt im Computer gespeichert war, durchforsten. Es ist eine längere Lektüre, also schaue ich zu Alina auf. »Irgendwelche Alarmsignale?« Sie zögert. »Vielleicht. Ihre Mutter ist vor einem Monat verstorben – offensichtlicher Selbstmord. Seitdem ist Chloe im Grunde von der Bildfläche verschwunden: keine Posts in den sozialen Medien, keine Kreditkartentransaktionen, keine Anrufe auf ihrem Handy.« »Also hat sie entweder Probleme bei der Bewältigung – oder es ist etwas anderes im Gange.« Alina nickt. »Ich tippe auf Ersteres. Ihre Mutter war die einzige Familie, die sie hatte.« Ich schließe den Ordner und schiebe ihn weg. »Das erklärt aber nicht das Fehlen von Kreditkartentransaktionen. Irgendetwas stimmt hier nicht. Aber selbst wenn es das ist, was du denkst … eine emotional gestörte Frau ist das Letzte, was wir brauchen.« Ein humorloses Lächeln berührt Alinas jadegrüne Augen. »Bist du dir da sicher, Kolya? Denn ich habe das Gefühl, dass sie genau hierherpassen könnte.« Und bevor ich antworten kann, dreht sich meine Schwester um und geht hinaus. Ich weiß nicht, was mich dazu bringt, den Ordner eine Stunde später wieder in die Hand zu nehmen – wahrscheinlich krankhafte Neugierde. Ich blättere durch den dicken Stapel von Papieren und finde den Polizeibericht über den Selbstmord der Mutter. Offenbar wurde Marianna Emmons, Kellnerin, vierzig Jahre alt, mit aufgeschnittenen Pulsadern auf dem Küchenboden gefunden. Ein Nachbar meldete ihren Tod. Die Tochter, Chloe, war nirgends zu finden – und sie tauchte nie auf, um die Leiche zu identifizieren oder zu begraben. Interessant. Könnte die hübsche kleine Chloe ihre Mutter umgebracht haben? Ist das der Grund, warum sie ohne Verbindung zur Außenwelt auf ihrem Roadtrip ist? Laut dem Polizeibericht gab es keinen Verdacht auf ein Verbrechen. Marianna hatte eine Vorgeschichte mit Depressionen und hatte schon einmal versucht, sich umzubringen, als sie sechzehn war. Aber ich weiß, wie einfach es ist, eine Mordszene zu inszenieren, wenn man weiß, was man tut. Alles, was es braucht, ist ein wenig Voraussicht und Geschick. Es ist natürlich eine gewagte Vermutung, aber ich habe nicht das erreicht, was ich erreicht habe, indem ich immer das Beste von den Menschen annahm. Auch wenn Chloe Emmons vielleicht nichts mit dem Tod ihrer Mutter zu tun hatte … irgendetwas stimmt hier nicht. Mein Instinkt sagt mir, dass mehr hinter dieser Geschichte steckt, und mein Instinkt liegt selten falsch. Das Mädchen bedeutet Ärger. Das weiß ich ohne den geringsten Zweifel. Trotzdem hält mich etwas davon ab, den Ordner zu schließen. Ich lese mir Konstantins Bericht komplett durch und gehe dann die Screenshots ihrer sozialen Medien durch. Überraschenderweise sind es nicht viele Selfies. Für ein so hübsches Mädchen scheint Chloe nicht übermäßig auf ihr Aussehen konzentriert zu sein. Stattdessen bestehen die meisten ihrer Posts aus Videos von Tierbabys und Fotos von malerischen Orten, zusammen mit Links zu Blogposts und Artikeln über die kindliche Entwicklung und optimale Lehrmethoden. Wäre da nicht dieser Polizeibericht und ihr einmonatiges Verschwinden aus dem Netz, würde Chloe Emmons als genau das erscheinen, was sie vorgibt zu sein: eine frische College-Absolventin mit einer Leidenschaft für das Unterrichten. Ich blättere zurück zum Anfang des Ordners, betrachte das Foto, auf dem sie lacht, und versuche zu verstehen, was mich an dem Mädchen fasziniert. Ihr hübsches Gesicht, ganz sicher, aber das ist nur ein Teil davon. Ich habe schon Frauen gesehen – und gefickt –, die im klassischen Sinne weitaus schöner waren als sie. Selbst dieser Porno-Puppen-Mund ist nichts Besonderes, obwohl kein Mann, der bei Verstand ist, sich die Chance entgehen lassen würde, diese prallen, weichen Lippen um seinen Schwanz zu spüren. Nein, es ist etwas anderes, was diese magnetische Anziehungskraft auf mich ausübt, etwas, was mit der Ausstrahlung ihres Lächelns zu tun hat. Es ist, als würde man an einem Wintertag einen Sonnenstrahl entdecken, der durch die Wolken bricht. Ich möchte sie berühren, ihre Wärme spüren … sie einfangen, damit ich sie für mich selbst haben kann. Mein Körper verhärtet sich bei dem Gedanken, und dunkle, nicht jugendfreie Bilder gehen mir durch den Kopf. Ein besserer Mann – ein besserer Vater – würde diesen Ordner sofort schließen, schon allein wegen der Versuchung, die er darstellt, aber ich bin nicht dieser Mann. Ich bin ein Molotow, und wir haben noch nie etwas so Prosaisches wie das Richtige getan. Ich trommele mit den Fingern auf meinen Schreibtisch und treffe eine Entscheidung. Chloe Emmons ist vielleicht nicht die Richtige, um sie in die Nähe meines Sohnes zu lassen, aber ich möchte sie trotzdem kennenlernen. Ich möchte diesen Sonnenstrahl auf meiner Haut spüren.
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