Kapitel 1
Ria saß mit gekreuzten Beinen auf dem Sofa. Ihre Finger fuhren über den Rand ihres Weinglases, während ihre Augen auf die Skyline der Stadt hinter dem Fenster gerichtet waren. Dieser ruhige Ort war jetzt ihr sicherer Hafen, ihr Zufluchtsort nach allem, was sie durchgemacht hatte, um hierher zu kommen. Doch heute Abend, als sie sich in die weichen Kissen zurücklehnte, konnte sie den Erinnerungen nicht entkommen.
Egal wie viele Jahre vergangen waren, egal wie sehr sie versucht hatte, darüber hinwegzukommen, die Narben dieses Verrats waren nie ganz verheilt. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, als sie auf das Foto auf dem Couchtisch starrte. Es war ein altes Bild, aufgenommen während ihrer Zeit in Yale. Darauf lachte sie, ihren Arm um Christys Schultern gelegt, während Damian im Hintergrund stand und dieses selbstgefällige Grinsen zeigte, das sie einst so charmant gefunden hatte. Es war ein Schnappschuss aus einem Leben, das sie nicht mehr wiedererkannte, ein Leben, das an jenem schicksalhaften Nachmittag zerbrochen war.
Warum habe ich es nicht früher gesehen, dachte sie, während sich ihre Brust vor Reue zusammenzog. Sie hatte Damian alles gegeben... ihr Herz, ihr Vertrauen und ihre ganze Liebe. Und Christy? Christy war wie eine Schwester für sie gewesen, jemand, dem sie sich anvertraut hatte, jemand, auf den sie sich gestützt hatte. Jemand, dem sie ihre intimsten Geheimnisse anvertraut hatte. Wie konnte nur alles so schiefgehen?
Ihre Gedanken schweiften zurück zu jenem schicksalhaften Tag vor so vielen Jahren an der Yale University.
Der Regen trommelte gleichmäßig gegen die Fensterscheiben, als Ria durch die Flure von Damians Wohnheim eilte und zwei dampfende Tassen Kaffee in den Händen hielt. Sie war aufgeregt vor Vorfreude, wollte ihn unbedingt überraschen. In letzter Zeit war es zwischen ihnen schwierig gewesen, ehrlich gesagt schien es immer schwierig zu sein, aber sie glaubte, dass diese kleine Geste, dieser Moment der Wärme, die wachsende Distanz überbrücken könnte. Sie wollte verzweifelt glauben, dass der Damian, in den sie sich verliebt hatte, noch immer unter seiner Arroganz steckte.
Ihr Herz klopfte, als sie sich seiner Tür näherte. Sie hielt für einen Moment inne und überlegte, ob sie klopfen oder einfach hineingehen sollte, wie sie es normalerweise tat. Am Ende entschied sie sich für Letzteres. Sie waren schließlich noch zusammen, und er hatte ihr immer gesagt, sein Zimmer sei auch ihres.
Sie stieß die Tür mit der Hüfte auf und trat ein. Der Geruch von Regen und frisch gebrühtem Kaffee erfüllte den Raum. "Damian, du glaubst nicht, was für eine Schlange ich..."
Ihre Stimme verstummte, als die Szene vor ihr scharf wurde.
Damian lag ausgestreckt auf dem Bett, mit nacktem Oberkörper, seine Hände in Christys Haar verwoben, während sie sich leidenschaftlich küssten. Die Kaffeetassen fielen aus Rias Händen und zerschellten auf dem Boden. Die dunkle Flüssigkeit sammelte sich zu ihren Füßen, aber sie bemerkte es nicht. Ihr ganzer Körper war taub geworden.
Für einen Moment war der Raum still, bis auf das entfernte Geräusch des Regens draußen. Es fühlte sich an, als hätte die Welt aufgehört sich zu drehen. Damian und Christy lösten sich langsam voneinander und richteten ihre Blicke auf Ria, als wäre sie die Eindringlingin in diesem intimen Moment.
Damian machte sich nicht einmal die Mühe, sich zu bedecken. Er lehnte sich gegen die Kissen zurück, ein fast amüsierter Ausdruck auf seinem Gesicht. "Ria?"
Ihr Name auf seinen Lippen klang so beiläufig, so... distanziert.
Christy setzte sich derweil auf, das Laken locker um ihren nackten Körper gewickelt, und verengte die Augen, als wäre sie von der Unterbrechung genervt. "Du hättest klopfen sollen", sagte sie in scharfem Ton.
Rias Kehle schnürte sich zu, und ihr Verstand kämpfte darum, zu begreifen, was sie sah. Das kann nicht echt sein, dachte sie. Das muss eine Art kranker Albtraum sein.
"Ich... ich verstehe das nicht", flüsterte sie, ihre Stimme kaum hörbar. "Was... was soll das?"
Christy seufzte dramatisch, verdrehte die Augen und glitt aus dem Bett, völlig ungestört von ihrer Nacktheit. Sie stand da, nur wenige Zentimeter von Ria entfernt, als würde sie sie herausfordern, zu reagieren. "Ach komm, Ria. Tu nicht so schockiert. Du musst es gewusst haben."
"Gewusst?" stotterte Ria, ihre Augen wanderten zwischen Christy und Damian hin und her. "Du bist meine beste Freundin. Damian, wir sind... wir sind seit zwei Jahren zusammen. Wie konntet ihr..."
Christys kaltes Lachen unterbrach sie. "Zwei Jahre wovon genau? Verstehst du das nicht, Ria, du bist nicht die Art von Mädchen, die er verdient, ein gutaussehender Gott wie Damian braucht eine Göttin wie mich, und du reichst einfach nicht ganz aus."
Die Worte trafen sie wie ein Schlag in den Magen. Sie wandte sich Damian zu, hoffend und betend, dass er es abstreiten würde, dass er irgendetwas sagen würde, um Christys grausamen Worten zu widersprechen. Doch stattdessen zuckte er gleichgültig mit den Schultern, sein Gesicht ohne jede Spur von Reue.
"Sie hat nicht unrecht", sagte Damian, seine Stimme so glatt, als würden sie über etwas Belangloses sprechen. "Ich war es leid, so zu tun, Ria. Du hast dich an mich geklammert wie ein verlorenes Hündchen, immer in der Hoffnung auf mehr. Christy... sie hat mich verstanden. Wir mussten diese Spiele nicht spielen."
Ria fühlte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegbrach. Sie hatte immer befürchtet, dass Damian sie betrügen könnte, aber mit Christy? Ihrer besten Freundin? Der Verrat war so tief und so groß, dass sie keine Worte fand, um zu antworten.
"Wie lange?", brachte sie schließlich hervor, ihre Stimme zitternd. "Wie lange treibt ihr beide das schon... schon so?"
Christy gab ihr ein träges Grinsen und verschränkte die Arme vor der Brust. "Seit letztem Sommer. Du warst immer so beschäftigt mit deinen Kursen und deinem Lernen. Damian brauchte jemanden, der keine Ausreden fand."
Rias Knie wurden weich, und ihre Hände begannen unkontrolliert zu zittern. Sie hatte so viel für diesen Mann geopfert. Sie hatte an ihn geglaubt, sie hatte Christy ihre Ängste anvertraut und mit ihr über ihre Beziehungsprobleme gesprochen, ohne sich je vorzustellen, dass Christy genau diejenige war, die ihr in den Rücken fiel.
"Ich hasse dich", flüsterte Ria plötzlich, ihre Stimme brach vor Schmerz über ihre Zerstörung. "Euch beide. Ich hasse euch."
Damian lachte leise, schwang seine Beine über die Bettkante und stand auf, streckte sich, als wäre er gerade aus einem angenehmen Nickerchen erwacht. "Das wird schon vergehen, Ria. Glaub mir, du wirst jemand anderen finden. Vielleicht jemanden, der mit deiner... Bedürftigkeit umgehen kann."
"Verschwinde aus meinem Leben!", schrie sie, aber ihre Kehle war so eng, dass sie kaum atmen konnte. "Ich will dich nie wieder sehen!"
Christy lächelte nur und ging an ihr vorbei, ihr Parfüm hinterließ eine Spur der Bitterkeit in der Luft. "Du scheinst zu vergessen, wer hier die Eindringlingin ist, Ria."