Kapitel 1: Die Nacht, in der sie floh
Sophia POV
Renn.
Das Wort hallte in meinem Kopf wider, während ich durch den Wald raste. Äste kratzten an meinen Armen. Dornen rissen durch mein Kleid. Scharfe Steine schnitten in die Sohlen meiner Füße, doch ich hielt nicht an. Ich konnte nicht. Wenn sie mich heute Nacht erwischten, würde ich nie wieder entkommen. Meine Lungen brannten, während ich mich noch härter antrieb.
Hinter mir hallten Stimmen durch die Dunkelheit. „Findet sie!“
„Verteilt euch!“
„Sie kann nicht weit gekommen sein!“
Angst schoss durch mich. Sie kamen näher. Ich stolperte über eine Baumwurzel und stürzte mit einem schmerzhaften Schrei zu Boden. Dreck bedeckte meine Hände, als ich mich wieder auf die Beine kämpfte.
Nein. Nein, nein, nein. Das konnte nicht das Ende sein. Nicht nach allem. Nicht nachdem ich endlich einen Weg hinaus gefunden hatte. Tränen verschleierten meine Sicht, während ich meine erschöpften Beine zwang, weiterzulaufen.
Der Mond hing hoch über dem Wald und erhellte den Weg vor mir. Zwei Jahre lang hatte ich von diesem Moment geträumt. Zwei Jahre.
Siebenhundertdreißig Tage voller Angst.
Siebenhundertdreißig Tage voller Lügen.
Siebenhundertdreißig Tage gefangen in einem Albtraum. Und alles hatte mit einem Mann namens Damien begonnen. Zuerst hatte er perfekt gewirkt. Gutaussehend. Charmant. Aufmerksam. Alles, was eine Frau sich wünschen konnte.
Ich hatte ihn im zweiten College-Jahr kennengelernt. Er brachte mir Blumen. Erinnerte sich an meine Lieblingskaffee-Bestellung. Brachte mich zum Lachen, wenn ich schlechte Tage hatte. Er hatte mich besonders fühlen lassen. Sicher.
Geliebt. Gott, ich war so eine Närrin gewesen. Die Wahrheit offenbarte sich drei Monate, nachdem wir angefangen hatten zu daten.
Eines Nachts brachte Damien mich zu dem, was er als Familientreffen bezeichnete. Ein großes Anwesen, tief in den Bergen verborgen.
In dem Moment, als ich ankam, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Die Leute starrten mich seltsam an.
Manche wirkten mitfühlend. Andere amüsiert. Fast so, als wüssten sie etwas, das ich nicht wusste.
In jener Nacht veränderte sich meine gesamte Welt. Ich entdeckte, dass Werwölfe existierten. Echte Werwölfe. Keine Geschichten. Keine Mythen. Keine Legenden. Monster, die sich unter Menschen versteckten.
Damien war kein Mensch. Seine Familie war keine Menschen. Die Hunderte von Menschen, die auf diesem Anwesen lebten, waren keine Menschen. Und sobald sie mich dorthin gebracht hatten, ließen sie mich nicht mehr gehen.
Zuerst versprach Damien, es sei vorübergehend. Dann behauptete er, es diene meinem Schutz. Dann hörte er ganz auf, so zu tun. Der liebevolle Freund verschwand. Der echte Damien trat hervor.
Kontrollierend. Grausam. Gewalttätig. Besitzergreifend.
Jedes Mal, wenn ich versuchte zu gehen, fand er einen Grund, mich aufzuhalten. Jedes Mal, wenn ich stritt, bestrafte er mich. Jedes Mal, wenn ich weinte, lachte er. Ich wurde zu einer Gefangenen. Einem Besitz. Etwas, das er besaß. Eine Menschin, die unter Wölfen lebte.
Das Schlimmste? Niemand half. Niemand kümmerte sich. Sie alle sahen zu. Sie alle wussten es. Und sie alle erlaubten es. Ein weiterer Schrei hallte hinter mir wider.
Mein Herz blieb beinahe stehen. Sie waren nah.
Viel zu nah. Ich drängte mich durch ein Gebüsch und betrat eine kleine Lichtung. Für einen kurzen Moment erlaubte ich mir zu atmen.
Dann erinnerte ich mich, warum ich rannte.
Früher an diesem Abend hatte Damien eine Party geworfen. Dutzende benachbarter Rudel hatten sich im Anwesen versammelt. Musik. Getränke.
Lachen. Eine Feier. Ich hatte den Großteil des Abends damit verbracht, unsichtbar zu sein.
Bis ich ein Gespräch mitbekam, das alles veränderte.
Ich trug Getränke den Flur hinunter, als Damis Stimme aus seinem Büro drang. Ich erstarrte. Ein anderer Mann sprach.
„Was wirst du mit der Menschin machen?“
Menschin. Das war ich.
Damien lachte. „Ich habe genug von ihr.“
Mein Magen sackte ab. Der andere Mann kicherte. „Dann verkauf sie.“
Verkauf sie. Als wäre ich Eigentum. Als wäre ich keine Person.
Damien schwieg einen Moment. Dann sagte er etwas, das mich immer noch krank machte. „Vielleicht.“
Der Raum brach in Gelächter aus. Mein gesamter Körper erstarrte.
„Ich kenne einen Alpha, der gut für eine gesunde menschliche Frau zahlt“, sagte der andere Mann. „Besonders eine so junge.“
Mehr Gelächter. Ich konnte nicht atmen. Konnte nicht denken. Konnte mich nicht bewegen. Zwei Jahre lang hatte ich gebetet, Damien würde sich ändern. Gebetet, dass noch etwas Gutes in ihm steckte.
Dieses Gespräch zerstörte diese Hoffnungen.
Ich war nicht seine Freundin. Ich war nicht einmal mehr seine Gefangene. Ich war Ware. Etwas, das gehandelt, gekauft, verkauft und benutzt werden konnte.
In dem Moment, als die Party voll wurde, handelte ich. Ich schlüpfte durch einen Seiteneingang. Sprang über den Zaun. Und rannte. Jetzt jagten sie mich.
Ein Heulen zerriss die Stille. Mein Blut gefror zu Eis. Werwölfe. Keine Männer. Keine Wächter. Wölfe. Der Laut war furchterregend.
Kraftvoll. Raubtierhaft. Hungrig.
Das Heulen wurde von einem anderen beantwortet. Dann einem weiteren. Dann noch einem. Sie verwandelten sich. Mein Puls explodierte.
Sie setzten jetzt ihre Wölfe ein. Die Zeit lief mir davon. Die Bäume wurden dünner. Eine Straße erschien vor mir. Hoffnung schoss durch mich. Zivilisation. Menschen.
Hilfe.
Ich brach aus dem Waldsaum und wäre beinahe zusammengebrochen. Scheinwerfer erhellten plötzlich die Dunkelheit. Ein Fahrzeug näherte sich aus der entgegengesetzten Richtung. Mein Herz machte einen Sprung. Ein Auto. Ein echtes Auto.
Ich stolperte auf die Straße. Das Fahrzeug quietschte sofort zum Stehen. Eine schreckliche Sekunde lang fragte ich mich, ob es Damien gehörte.
Dann öffnete sich die Fahrertür. Ein Mann stieg aus. Groß. Breite Schultern. Dunkles Haar. Kräftige Statur. Er wirkte jünger als Damien. Vielleicht Mitte zwanzig.
Schon aus der Entfernung fühlte sich etwas an ihm anders an. Stark. Standhaft. Gefährlich. Aber nicht grausam. Seine Augen fixierten die meinen.
In dem Moment, als sie es taten, schien die Welt stehenzubleiben. Verwirrung huschte über sein Gesicht. Dann Schock. Dann völliger Unglaube. Der Fremde atmete scharf ein. Sein gesamter Körper erstarrte. Als hätte er gerade einen Geist gesehen.
Ich verstand nicht, warum. Es war mir egal. Alles, was ich wusste, war, dass die Wölfe kamen.
„Bitte“, flüsterte ich.
Meine Beine gaben endlich nach. Ich brach auf dem Asphalt zusammen.
Der Fremde bewegte sich sofort. Er fing mich auf, bevor ich den Boden berührte. Starke Arme schlossen sich um mich.
Zum ersten Mal seit zwei Jahren fühlte ich mich sicher.
Dann hallte ein wildes Knurren aus dem Wald. Nicht ein Knurren. Mehrere.
Der Ausdruck des Fremden verdüsterte sich. Ein gefährlicher Blick trat in seine Augen. Die Art von Blick, die Gewalt versprach. Die Art von Blick, die Schutz versprach. Die Art von Blick, die zu einem Raubtier gehörte.
Und zum ersten Mal in dieser Nacht sah ich echte Angst in den Gesichtern der Wölfe, die aus den Bäumen traten.
Der Fremde starrte sie direkt an.
Sein Kiefer spannte sich an. Ein tiefes Knurren rollte aus seiner Brust. Ein Wort verließ seine Lippen.
„Meine Gefährtin.“
Und plötzlich erstarrte jeder Wolf auf der Lichtung.