Kapitel 1: Das Tauwetter
Der Wind schnitt durch die Frostzahn-Gipfel wie ein Messer, das eisige Grate in Lyras Haut schnitzte. Sie bewegte sich mit der Leichtigkeit eines Schattens durch den blendenden Schnee, während ihr Atem in eisigen Wölkchen aus ihrem Mund strömte. Unter ihr knarrte der alte Gletscher – ein tiefes Grollen, das normalerweise Stabilität bedeutete. Heute Nacht fühlte es sich wie eine Warnung an.
Seit jeher lebten die Frostzähne im rauen Griff dieser Berge. Sie waren Meister der Eismagie und des stillen Überlebens. Sie hatten einen Frieden mit dem Sonnenstein-Dominion geschlossen, dem Reich der Feuermagier, das die Ebenen unter ihnen bedeckte. Dieser Frieden wurde durch jahrelange Verhandlungen und die hohen Kosten des Krieges zusammengehalten. Lyra, die Anführerin der Eisgeister des Königs, verstand dieses Gleichgewicht. Ihre Narben, sowohl die sichtbaren als auch die unsichtbaren, zeigten, wie zerbrechlich es war.
Sie hatte ihrer Patrouille gerade befohlen, in eine bereits erkundete Gletscherspalte hinabzusteigen, um Gerüchten über wilde Eisbestien nachzugehen. Da durchdrang ein lauter, dringlicher Pfiff den Sturm. Es war ein Signal, das aus der Hauptstadt nur in Notfällen gesendet wurde. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Nur eine Sache konnte solche Verzweiflung hervorrufen: Das Sonnensteinreich hatte den Frieden gebrochen.
Lyras Rückkehr in die Stadt Kaelgard war ein Wirbel aus Schlittschuhen und Entschlossenheit. Sie stürmte in König Therons Kommandoraum, Frost auf ihrem mit Pelz gefütterten Umhang. Die übliche Ruhe ihres Volkes war einer rohen Anspannung gewichen. Theron, sein Gesicht von Ehrfurcht und Furcht gezeichnet, stand vor einer Obsidianplatte. Sie leuchtete.
„Lyra“, seine Stimme klang rau, „Fjorn … er hat es gefunden.“
Auf der Platte, auf einem Bett aus leuchtenden Kristallen, lag ein Ei. Seine Schale, aus wirbelndem Obsidian, pulsierte mit einem inneren Licht. Es schien der ganzen Wärme aus dem Raum zu entziehen, strahlte doch eine Hitze aus, die Lyras Haut selbst durch ihre dicken Handschuhe hindurch verbrannte. Muster bewegten sich über seine Oberfläche wie eingefangenes Sternenlicht.
Lyra spürte es dann – ein tiefes Summen, nicht in der Luft, sondern in ihren Knochen. Eine alte Erinnerung, ein vergessenes Lied der Macht hallte von dem Objekt wider. Dies war kein Ei. Dies war der Stoff, aus dem Legenden sind, das Flüstern der Götter.
„Das Herz des Drachen“, flüsterte Lyra, und die Worte schmeckten wie verbotene Magie. Der Mythos, der jahrhundertelang als Märchen abgetan worden war, war real. Die Prophezeiung, dass derjenige, der es besaß, über alle Länder herrschen würde, lag nun schwer in der Luft.
König Theron begegnete ihrem Blick, seine Augen zeigten sein Entsetzen. „Fjorn hat es in einer versteckten Höhle tief unterhalb der Flüsternden Kluft gefunden. Es ist … lebendig, Lyra … Es erwacht.“ Er hielt inne, seine Stimme sank zu einem Flüstern. „Nachrichten verbreiten sich. In diesen Bergen findet Verrat einen Weg. Das Sonnensteinreich wird davon erfahren. Sie werden kommen, um es zu holen.“
Lyra spürte die Last des Schicksals auf ihren Schultern. Der zerbrechliche Frieden war bereits gebrochen, zerschmettert durch die Existenz dieses Objekts. Es würde keinen Besitz geben, kein ruhiges Studium. Nur Krieg.
„Bereite deine Eisgeister vor, Hauptmann“, befahl Theron, während seine Hand kurz auf dem pulsierenden Ei ruhte. „Du wirst das Drachenherz an dich nehmen. Du wirst es in die Gewölbe von Kaelgard zurückbringen. Niemand, kein einziger Sonnenstein-Späher darf es sehen. Hier geht es nicht um unser Überleben, Lyra. Es geht um die Zukunft dieser Welt.“
Lyra nickte, ihre Hand wanderte zum Griff ihres eisgeschmiedeten Dolches. Das Summen des Eies verstärkte sich, eine Ankündigung des kommenden Sturms. Sie wusste, was Kaelen der Strahlende, der Sonnenstein-Kaiser, tun würde. Sie kannte die Rücksichtslosigkeit von General Valerius. Das Drachenherz war ein Ruf nach Macht, und das Sunstone-Reich würde mit Feuer und Blut antworten. Das hatte die Rasse schon immer getan. Das Schicksal des Unausgebrüteten Throns und alles andere ruhte nun auf ihren gefrorenen Schultern.