Um 20:47 Uhr saß sie immer noch im Büro. Das Licht war aus. Nur Lyles Bildschirm leuchtete.
Das ganze Stockwerk war leer. Die Klimaanlage summte leise vor sich hin, ein monotones Geräusch, das die Stille noch lauter machte.
Draußen war Lagos dunkel geworden, nur die fernen Lichter der anderen Hochhäuser blinkten durch die große Glasfront. Der Boden war frisch gewischt, es roch nach Zitronenreiniger und kaltem Kaffee.
Alle waren gegangen. Natasha um 18 Uhr, mit einem schnellen Winken und einem „Bis morgen, du Workaholic, geh endlich nach Hause“. Mr. Daniels um 19 Uhr, mit einem besorgten Blick auf ihren überfüllten Schreibtisch und einem Seufzen.
Selbst die Putzkräfte waren gekommen und gegangen, hatten ihre leere Kaffeetasse mit einem mitleidigen Kopfschütteln angesehen, den Mülleimer geleert und die Tür leise hinter sich zugezogen. Nur sie und Aiden waren noch da.
Durch die Glaswand konnte sie ihn sehen. Sein Büro war ebenfalls dunkel, nur sein Monitor leuchtete. Sein Rücken war gerade. Sein Hemd war immer noch perfekt, keine Falte.
Wie machte er das? Wie blieb er so kontrolliert, wenn sie sich fühlte, als würde sie gleich auseinanderfallen?
Lyle sah nicht auf. Sie durfte nicht aufsehen. Ihre Finger flogen über die Tastatur, schneller als ihr Herz schlug. „Shadow Play“ hatte noch 4 Phasen zu planen. Phase 3 war noch nicht mal von Ms. Ridley freigegeben. Ms. Ridley würde morgen um 6 Uhr wieder anrufen und nach dem Licht fragen.
Und nach dem Schatten unter ihren Augen. Und nach den Aufrufen. Und nach #1. Immer nach #1.
Sie konnte nicht aufhören zu tippen.
Wenn sie aufhörte, würde die Stille zu laut werden. Wenn sie aufhörte, würde sie an heute Morgen denken. An die Glastasse, die er einfach auf ihren Schreibtisch gestellt hatte, ohne ein Wort, ohne Erklärung. Daran, wie seine Stimme leise und rau gesagt hatte: „Es ist heiß.“ Nicht nett. Nicht fürsorglich. Nur eine Feststellung. Aber seine Finger hatten die Tasse eine Sekunde zu lange festgehalten.
Und seine Augen hatten für eine Sekunde zu lange auf ihren Lippen gelegen.
Also tippte sie. Schneller. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Ihr Nacken schmerzte so sehr, dass sie kaum noch den Kopf drehen konnte. Seit drei Tagen hatte sie nicht mehr als fünf Stunden geschlafen. Ihr Magen knurrte laut, aber sie hatte keine Zeit, in die Kantine zu gehen.
Nicht, solange er noch da war. Nicht, solange sie beweisen musste, dass sie genauso stark, genauso kontrolliert, genauso unberührbar sein konnte wie er.
Hinter ihr hörte sie das leise Geräusch eines rollenden Stuhls auf dem Teppich.
Lyle drehte sich immer noch nicht um. Sie starrte verbissen auf die Excel-Tabelle. Zahlen. Deadlines. Engagement-Raten. Alles, was sicher war. Alles, was nichts mit Holzgeruch und sauberer Seife und einer Stimme zu tun hatte, die „Es ist heiß“ sagte.
Aiden stand auf. Sie hörte das leise Knarren seines ergonomischen Stuhls. Sie hörte die Rollen seines schwarzen Koffers auf dem Teppich.
Ein langsames, bewusstes, fast arrogantes Geräusch. Er packte langsam. Wie immer. Als hätte er alle Zeit der Welt, während ihre Welt in Flammen stand.
Lyle hasste, wie kontrolliert er selbst um 21 Uhr war. Wie sein Hemd immer noch perfekt saß, während ihre Bluse an ihrem Rücken klebte vor Schweiß. Wie er selbst beim Packen aussah, als würde er gleich in ein wichtiges Meeting mit dem Vorstand gehen, nicht nach Hause in eine leere Wohnung.
Sie hörte, wie er stehen blieb. Direkt hinter ihrer Glaswand. Sie konnte seinen Schatten im Augenwinkel sehen. Groß. Still.
Für eine Sekunde dachte sie, er würde etwas sagen. Ihr Herz blieb stehen. Würde er sagen: „Du bist noch hier?“ oder „Gehst du nach Hause?“ oder vielleicht, nur vielleicht, ganz leise: „Warte, ich warte auf dich.“
Ihr Atem stockte. Sie hielt die Luft an und wartete.
Er sagte nichts. Kein Wort.
Die Bürotür klickte auf. Ein kühler Luftzug strich durch den Raum. Dann klickte sie wieder zu. Mit einem endgültigen Geräusch.
Stille. Absolute Stille.
Lyle zählte bis zwei Minuten. Eins, zwei, drei... bis einhundertzwanzig. Ihre Hände zitterten über der Tastatur. Sie konnte nicht mehr tippen. Dann klappte sie den Laptop zu. Das Geräusch war viel zu laut in der Leere. Ihr Rücken tat weh. Ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Ihr Magen war leer und sauer.
Sie schnappte sich ihre Tasche, stopfte den Laptop hastig hinein und ging zum Aufzug. Ihre Absätze hallten laut und einsam auf dem Marmorboden.
Dann sah sie es durch die große Glaswand am Ausgang. Es regnete. Heftig. Nicht normaler Regen. Die Sorte Regen, die in Lagos Straßen in 5 Minuten in reißende Flüsse verwandelte. Der Wind peitschte gegen die Scheiben. Er prasselte so laut, dass man das eigene Denken nicht mehr hörte.
Lyles Herz sackte ab. Sie hatte den Wetterbericht nicht gecheckt. Sie hatte überhaupt nichts gecheckt außer Ms. Ridleys Launen und Aidens Kalender.
Sie drückte die Ausgangstür trotzdem auf. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht wie eine Ohrfeige.
Wasser spritzte sofort auf ihre Haut. Auf ihre nackten Beine. In ihre Schuhe. Sofort durchnässt.
Kein Regenschirm. Keine Jacke. Nur ihre dünne Bluse und ihre Wut. Und ihr teurer Laptop, den sie unter die Bluse klemmte, als würde ein bisschen Stoff ihn vor einem Monsun retten.
Sie ging los zum Parkplatz, den Kopf unten, die Tasche über dem Kopf, als würde ein Stück Leder sie vor einem Sturm retten. Lächerlich.
Und da sah sie ihn.
Aiden.
Er stand unter dem kleinen Vordach am Tor. Ganz ruhig. Schwarzer Koffer in der einen Hand. Schwarzer, großer Regenschirm in der anderen. Teuer. Trocken. Perfekt.
Er wurde nicht nass. Kein einziger Tropfen auf seiner Schulter. Sein Jackett lag perfekt gefaltet über seinem Arm. Er war schon im Gehen begriffen, die Hand am Griff des Regenschirms, bereit.
Lyle blieb mitten im Hof stehen. Regen durchnässte ihre Haare, ihre Klamotten, ihre Schuhe in 3 Sekunden. Wasser lief ihr in die Augen. Ihr Make-up verschmierte. Ihr Laptop wurde feucht.
Aiden warf einen Blick rüber. Er sah sie. Direkt. Klar. Durch den Vorhang aus Regen.
Ihre Blicke trafen sich für eine halbe Sekunde. Seine Augen waren nicht kalt. Sie waren nicht wütend. Sie waren nur... leer. Lesend. Bewertend. Als würde er eine Zahl in einer Tabelle prüfen.
Er hielt nicht an. Bot den Schirm nicht an. Sagte nicht „warte“ oder „komm mit“ oder „bist du verrückt“.
Er neigte den Schirm nur leicht nach vorne, um sich selbst noch besser zu schützen, und ging in den Regen. Jackett über der Schulter. Rücken gerade.
Schritte gleichmäßig, ruhig. Als würde sie nicht existieren. Als wäre sie nur ein Teil der Dekoration, die im Regen stand und langsam schmolz.
Lyle stand da und ließ sich vom Regen schlagen. Wasser lief ihr übers Gesicht. In die Augen. Den Nacken runter. In ihren Kragen. Sie zitterte.
„Du Arsch“, sagte sie laut. Ihre Stimme ging im Sturm unter. Niemand hörte es außer dem Regen und dem Himmel.
Sie sagte es noch mal, lauter, schreiend fast, obwohl er schon zu weit weg war, um es zu hören. Obwohl er längst um die Ecke gebogen war und trocken in sein Auto stieg.
„Du Arsch!“
Hass brannte in ihrer Brust, heißer als der kalte Regen. Nicht, weil er sie im Regen stehen ließ. Regen konnte sie ab. Sie war stark. Sie konnte Regen ab.
Sie hasste ihn, weil sie für eine halbe Sekunde, nur eine verdammte, dumme, naive halbe Sekunde, dachte, er würde sich umdrehen. Dass er den Schirm heben würde und sagen würde: „Lyle. Komm her.“
Sie hasste ihn, weil sein Schirm größer aussah, als er sein musste. Groß genug für zwei Personen. Absichtlich groß genug für zwei.
Sie hasste ihn, weil sie im Sturm stand und zusah, wie ein Mann sich für sich selbst entschied, und trotzdem bemerkte, wie gut er dabei aussah, wenn er ging. Wie sein Anzug sich bewegte. Wie kontrolliert er war, selbst wenn er sie verletzte.
Lyle wischte sich mit zitternden, eiskalten Händen das Wasser aus dem Gesicht. Soll er trocken weggehen. Soll er seinen Schirm behalten und seine Ruhe und seine perfekte #1. Soll er.
Sie würde durch den Regen laufen. Würde durchnässt, wütend und allein zu ihrem kleinen Auto kommen. Würde sich erkälten. Würde morgen trotzdem um 6 Uhr im Studio sein und lächeln.
Und morgen würde sie ihn dafür bezahlen lassen. Mit Aufrufen. Mit Strategie. Mit „Shadow Play“.
Sie hasste ihn. Wirklich.
Aber als sie zu ihrem Auto rannte, die Tür aufriss und zitternd auf dem Fahrersitz saß, Wasser auf das Lenkrad tropfte und ihr Atem die Scheiben beschlug, wurde ihr etwas Schlimmeres klar als Hass. Etwas, das ihr Angst machte.
Sie fing an zu bemerken, wenn er sie nicht ansah. Sie zählte die Sekunden, in denen er wegsah. Und sie hatte panische Angst davor, was das über sie aussagte.