KAPITEL EINS
SERAPHINA
„Du wirst für immer mir gehören, Sera. Ich liebe dich so, so sehr“, flüsterte Liam an meiner Haut. Seine Stimme zitterte, als er mich küsste – mit einer Verzweiflung, die sich anfühlte, als würde er versuchen, sich jede Stelle meines Körpers einzuprägen, bevor er verschwand.
Meine Arme schlangen sich fester um seinen Nacken, während er mich mit einer Ehrfurcht berührte, als wäre ich etwas Seltenes und Zerbrechliches. Für ihn war ich heilig. Ich spürte es in der Art, wie seine Finger über meine Haut fuhren – als würde er etwas Kostbares erkunden, etwas, von dem er glaubte, es nicht behalten zu dürfen. Seine Hände waren sanft, sein Atem unruhig, und seine Stimme voller Versprechen. Jeder Kuss trug ein Gelübde in sich: für immer, für alle Zeit, niemals fortgehen.
Aber am nächsten Morgen war er weg – genau wie alle anderen, die ich je geliebt hatte.
Obwohl ich mich an ihn klammerte, als wäre er mein letzter Halt, obwohl ich ihm alles gab, was noch in mir übrig war, ging er trotzdem fort und ließ mir nichts als Stille und die zerbrochenen Überreste all unserer gemeinsamen Träume zurück.
Ich verlor meine Mutter, als ich sieben Jahre alt war.
Sie sagten mir, es sei ein Unfall gewesen – ein Feuer. Doch keine Erklärung der Welt konnte das Bild ihres verkohlten, blutüberströmten Gesichts auslöschen, als die Feuerwehrleute mich aus den Trümmern zogen. Ich war nur ein Kind. Ich verstand nicht, warum die Frau, die mir jede Nacht einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte, plötzlich nicht mehr aufwachte. Warum die Wärme ihrer Hände zu Asche geworden war. Warum ihr Lächeln für immer verschwunden war.
Nach dem Feuer versuchte ich, stark zu sein. Wenigstens hatte ich noch einen Elternteil.
Aber das Schicksal hatte andere Pläne. Er ging auch. Er wählte den einfachen Weg und ließ mich zurück – ohne einen Gedanken daran, was aus mir werden würde – und ich hasste ihn dafür.
Ich war doch nur ein Kind. Ich brauchte ihn zum Überleben, aber stattdessen glitt er einfach davon. Ohne Abschied. Ohne ein letztes Wort.
Und so waren plötzlich beide Elternteile weg.
Die Sozialarbeiter versuchten, den Schlag abzumildern. Sie boten eine Art Freundlichkeit an, die nie ihre Augen erreichte. Mit aufgesetzten Lächeln und einstudiertem Trost sagten sie, ich sei in Sicherheit. Dann gaben sie mich weiter wie eine vergessene Kiste, die am Tor des Waisenhauses abgestellt wurde, um jemand anderes’ Verantwortung zu werden.
„Sie wird es hier gut haben“, sagte einer von ihnen – als stünde ich nicht direkt daneben.
Aber das Waisenhaus war nie ein Zuhause.
Es war ein Ort voller kalter Wände und noch kälterer Menschen. Ein Ort, an dem Träume starben.
Die Heimleiterin verpasste keine Gelegenheit, uns daran zu erinnern, dass wir unerwünscht und lästig waren. „Glaubst du, ich schulde dir irgendwas?“, fauchte sie oft. „Ich habe deine Eltern nicht umgebracht. Du solltest dankbar sein, dass du überhaupt ein Bett hast.“
Für sie waren wir keine Kinder. Wir waren Belastungen – Dinge, die man verwalten musste, gerade genug zu essen bekam, um zu überleben, und die man herzeigte, wenn Spenden gebraucht wurden.
Damals traf ich Liam.
Irgendwo zwischen gestohlenem Brot und geflüsterten Träumen in der Dunkelheit fanden wir einander. Wir wurden gegenseitig zu unserem Zufluchtsort – zu unserer Hoffnung.
Er war meine erste Liebe. Mein bester Freund. Mein erstes Alles.
Er brachte mich wieder zum Lachen. Er ließ mich glauben, dass es vielleicht doch einen Ausweg gab – dass wir nicht dazu verdammt waren, für immer in diesem Kreislauf zu verrotten. Dass wir entkommen konnten. Und ich glaubte ihm.
Wir teilten unsere Träume. Ich erzählte ihm, dass ich Lehrerin werden wollte – eine Pädagogin, die etwas verändern und Kindern wie uns helfen konnte. Er sagte, er wolle Geschäftsmogul werden, der reichste Mann der Stadt. Er wollte so hoch aufsteigen, dass ihn niemand jemals wieder von oben herab ansehen konnte.
Und gemeinsam schmiedeten wir einen Plan.
Wir bewarben uns an mehreren Schulen. Die Bayfield Academy war eine davon, ebenso wie die Moonlight Academy – eine viel angesehenere Schule, die dafür bekannt war, nur die Elite aufzunehmen. Ich bewarb mich sogar zuerst bei Moonlight. Aber als Liam sah, wie teuer sie war, sagte er sofort, ich solle die Idee vergessen.
„Diese Schule ist nicht für Leute wie uns“, sagte er und versuchte, logisch zu klingen. Und ich stimmte ihm zu. Moonlight fühlte sich an wie ein Traum, der zu weit entfernt war.
Wir konzentrierten uns stattdessen auf Bayfield. Die Schule hatte immer noch einen guten Ruf, und sie erschien uns erreichbar. Man sagte uns, Bayfield vergebe Stipendien. Es klang realistischer für zwei Waisen, die kaum ein paar Münzen zusammenkratzen konnten.
Wir sammelten jeden Cent, den wir fanden. Wir arbeiteten heimlich in Gelegenheitsjobs – putzten, erledigten Botengänge, verzichteten auf Schlaf, nur um zu sparen. Wir bewarben uns, voller Hoffnung.
Und eines Tages rannte ich in unser Versteck, das Herz klopfte, die Hände zitterten.
„Liam! Wir wurden beide angenommen! Bayfield hat uns genommen!“
Er zog mich in eine feste Umarmung, seine Augen leuchteten vor Freude. „Wir werden großartig sein, Seraphina. Das ist unser Moment“, sagte er mit einer Stimme voller Hoffnung.
Aber Träume haben immer ihren Preis – und unserer war einer, den wir uns nicht leisten konnten.
Eine Woche vor Unterrichtsbeginn kam ein weiterer Brief. Bayfield war nicht kostenlos. Wir brauchten zweitausend Dollar für die Anmeldung, Bücher, Uniformen – all die Dinge, an die wir nicht gedacht hatten.
„Wie viel haben wir?“, fragte ich und versuchte, nicht in Panik zu geraten.
„Kaum tausend“, antwortete er, die Frustration schwer in seiner Stimme. „Ich dachte, das wäre abgedeckt.“
„Wir finden den Rest“, sagte ich entschlossen. „Wir müssen.“
Wir trieben uns härter an als je zuvor. Wir arbeiteten ohne Pause, verzweifelt, um das Geld aufzubringen. Aber drei Tage vor Ablauf der Frist fehlten uns immer noch siebenhundert Dollar.
„Was machen wir jetzt?“, fragte ich ihn.
Er sah mich mit einer merkwürdigen Ruhe an und sagte: „Ich habe einen Plan.“
Und ich glaubte ihm.
In dieser Nacht liebten wir uns mit einer Verzweiflung, die wir noch nie gespürt hatten. Er hielt mich, als wäre ich das Einzige, was ihn noch am Leben hielt. Er flüsterte, dass er mich nie verlassen würde.
Doch am nächsten Tag, als ich von meiner Schicht zurückkam, fühlte sich unser Versteck... anders an.
„Liam, ich bin zurück“, rief ich und hielt das zusätzliche Geld in der Hand, das ich verdient hatte. „Uns fehlen nur noch vierhundert Dollar. Wir schaffen das!“
Doch es blieb still.
Die Decke auf dem Boden war so geformt, als würde noch jemand darunter schlafen, aber etwas stimmte nicht. Ich riss die Decke weg – und mein Herz sank.
-
Es war mit Kissen ausgestopft.
Ich starrte es verwirrt an. „Liam?“, rief ich erneut.
Keine Antwort.
Ich blickte mich im Raum um und bemerkte, dass seine Tasche verschwunden war. Sein Skizzenbuch. Sein Kapuzenpullover. Alles weg.
Wurden wir ausgeraubt? Hatte eines der Kinder aus dem Waisenhaus unser Versteck gefunden?
Panik durchfuhr mich, als ich zum Bodenbrett stolperte, wo wir unser Erspartes aufbewahrten.
„Das Geld…“, flüsterte ich und öffnete die Blechdose.
Sie war leer.
Ich wollte es nicht glauben. Ich konnte nicht glauben, dass Liam gegangen war. Ich stürzte zu meiner Tasche, um mein Handy zu holen. Es war ausgeschaltet. Ich drückte die Tasten, die kaum noch funktionierten, und wartete, bis es hochfuhr.
Als der Bildschirm aufleuchtete, kam eine Nachricht an. Meine Finger zitterten, als ich sie öffnete.
„Tut mir leid, Seraphina. Vielleicht würden wir in einem anderen Leben die Chancen bekommen, die wir verdienen.“
Ich stand wie erstarrt, unfähig zu atmen. Dann übernahm die Wut.
Ich schrie – ein roher, zerbrochener Laut, der mir aus der Brust riss – und trat die Blechdose quer durch den Raum. Ich warf die deckenbedeckten Kissen gegen die Wand. Ich griff nach dem Hocker, auf dem er immer saß, und schleuderte ihn gegen die Tür. Meine Fäuste hämmerten gegen die Wände, bis Blut die abblätternde Farbe verschmierte.
Ich raste blind durch den Raum, riss alles um, was mich an ihn erinnerte – seine Zeichnungen, seine Hemden, sogar die alte Matratze, auf der wir gemeinsam lagen. Ich schrie seinen Namen zwischen heulenden Schluchzern.
„Liam! Du hast gesagt für immer!“
„Du hast gesagt, du liebst mich!“
Aber er hatte mich verlassen.
Er hatte das Geld genommen.
Er hatte alles genommen. Er war zur Tür hinausgegangen und hatte meinen Traum mit sich getragen.
Ich brach auf dem Boden zusammen, zitternd, umklammerte meine Knie und schrie in die Stille. Meine Tränen tränkten die Ärmel meines Cardigans, während ich vor und zurück wippte, flüsternd Entschuldigungen und Flüche zugleich murmelnd.
Ich hatte ihm vertraut. Ich hatte ihn geliebt. Ich hatte ihm alles gegeben. Und er hatte mich verlassen – wie alle anderen auch.
Irgendwann verlor ich das Bewusstsein vor Erschöpfung. Mein Körper hielt den Schmerz nicht mehr aus.
Als ich wieder aufwachte, war es nicht Sonnenlicht oder Wärme, das mich weckte.
Es war ein Klopfen an der Tür.
Benommen blinzelte ich, mein Hals war trocken und mein Körper schmerzte. Das Zimmer war ein einziges Chaos – zerbrochene Stifte auf dem Boden, zerrissene Zeichnungen, die Matratze halb umgekippt. Alles roch nach Schweiß, Staub und gebrochenem Herzen.
„Seraphina“, rief eine Stimme. Es war eines der Mädchen. „Die Heimleiterin will dich sehen.“
Ich brachte kaum eine Antwort heraus. Meine Stimme war heiser. „Okay… ich komme gleich.“
Mein erster Gedanke war Liam. Vielleicht wussten sie, dass er abgehauen war. Vielleicht ging es darum.
Mit zitternden Händen zog ich mich hoch und wechselte in eine saubere Jeans und meinen übergroßen Cardigan. Es war mir egal, wie ich aussah. Ich musste nur diesen Tag überleben.
Ich ging den Flur entlang, schleppte meine Füße wie aus Blei, und klopfte an die Bürotür der Heimleiterin.
„Herein“, rief sie scharf.
Als ich eintrat, war sie nicht allein.
Eine Frau stand neben ihrem Schreibtisch – jemand, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte.
Es war die Sozialarbeiterin, die mich damals ins Waisenhaus gebracht hatte.
Sie lächelte sanft. „Ich musste das persönlich bringen“, sagte sie und reichte mir einen Umschlag.
Mein Name stand in wunderschöner Handschrift darauf.
Ich öffnete ihn langsam.
Es war ein Zulassungsbescheid für die Moonlight Academy.
Vollstipendium. Bücher. Unterkunft. Uniformen. Alle Kosten gedeckt.
„Ich verstehe nicht“, flüsterte ich. „Ich habe nichts bezahlt. Ich dachte… ich dachte, ich wurde nicht genommen.“
„Du wurdest ausgewählt“, sagte die Frau leise. „Du fährst in drei Tagen.“
Ich starrte den Brief an, als könnte er verschwinden, wenn ich blinzelte. Ich fühlte mich verwirrt. Taub.
„Aber wie ist das überhaupt möglich?“, fragte ich.
Die Heimleiterin schnappte, noch bevor die Frau antworten konnte: „Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so eine Chance bekommt und sich dann mit dummen Fragen alles kaputt macht. Halt einfach den Mund und vermassel es nicht.“
„Wenigstens habe ich dann ein Maul weniger zu stopfen“, fügte sie bitter hinzu.
Ich sagte kein Wort. Ich drehte mich einfach um und ging hinaus – den Brief fest in der Hand, wie einen zerbrechlichen Rettungsanker.
Zurück in meinem Zimmer saß ich zwischen den Trümmern und las die Worte wieder und wieder, bis sie sich in mein Gedächtnis eingebrannt hatten.
War das, was Liam meinte, als er von einem „anderen Leben“ sprach?
War das sein Plan – oder ein Fehler?
War das meine zweite Chance?
Ich kannte die Antworten nicht.
Aber ich wusste eines:
Die Moonlight Academy könnte sie haben.