3. Gute Fee

1467 Words
Alex warf einen Blick auf seine Uhr. Kaum Mittag, und er hatte nichts geschafft. Halbfertige E-Mails starrten von seinem Monitor, Berichte lagen unberührt, ihr Schweigen fraß an ihm wie Säure. „Mr. Voss, Sie haben einen Anruf auf Leitung zwei.“ Die Stimme seiner Assistentin knisterte durch die Sprechanlage. „Nehmen Sie eine Nachricht entgegen“, schnauzte er, bereute seinen Ton aber sofort. Er drückte erneut den Knopf. „Tut mir leid, Megan. Nehmen Sie einfach eine Nachricht entgegen.“ Er checkte wieder sein Handy. Keine Antwort von Lena. Er hatte seit heute Morgen drei weitere Nachrichten geschickt. Alle zeigten als zugestellt, keine als gelesen. Er hatte zweimal angerufen, beide Male landete er direkt in der Mailbox. Seine Bürotür öffnete sich ohne zu klopfen, und Sam Carter schlenderte mit seiner üblichen lässigen Selbstsicherheit herein. „Hey, Boss, hast du eine Minute? Muss den Morrison-Account besprechen–“ „Weißt du, wie man klopft?“ Alex unterbrach ihn. Er socialisierte nie mit seinen Mitarbeitern, aber weil er eine als beste Freundin hatte, erlaubte er ihren Arbeitskollegen, Formalitäten fallen zu lassen. Gerade überschritt Sam eine Grenze. Selbst Lena klopfte, bevor sie eintrat. Sam blinzelte überrascht. „Sorry, ich dachte–“ „Du hast falsch gedacht.“ Alex stand auf und ordnete Papiere, die er nicht einmal angeschaut hatte. „Wenn es nicht dringend ist, kann es bis morgen warten.“ „Es ist nur so, dass die Deadline—“ „Ich sagte morgen.“ Seine Stimme wurde lauter, und durch die Bürowände sah er, wie Megan neugierig hereinschielte, Sorge auf dem Gesicht. Sams Ausdruck wechselte zu Vorsicht. „Klar. Morgen.“ Er wich zur Tür zurück. „Übrigens, hast du Lena heute gesehen? Sie sollte bei der Kundenpräsentation helfen, und–“ „Raus!“ knurrte er. Sam hob die Hände zur Kapitulation und verschwand schnell. Alex sank zurück in seinen Stuhl und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Um eins griff er nach seinem Mantel. „Sagen Sie alle meine Termine für den Rest des Tages ab“, sagte er Megan auf dem Weg hinaus. „Familiärer Notfall.“ --- Alex fuhr zuerst zu Lenas Wohnung. Ihr Gebäude war ruhig, die meisten Bewohner wahrscheinlich bei der Arbeit. Er drückte wiederholt auf den Summer für ihre Einheit. Keine Antwort. Er versuchte erneut, ihr Handy anzurufen, während er dort stand. Direkt in die Mailbox. „Sir, kann ich Ihnen helfen?“ Der Türsteher näherte sich und musterte ihn misstrauisch. „Ich bin hier wegen Lena Martinez. Ich bin ihr Freund, Alex Voss.“ „Ms. Martinez ist heute Morgen weggefahren. Sie sagte, sie könnte ein paar Tage weg sein.“ Alex’ Magen sank. „Hat sie gesagt, wohin?“ Der Türsteher schüttelte den Kopf. „Nicht meine Aufgabe zu fragen, Sir.“ Als Nächstes versuchte Alex Bean & Brew, ihr Lieblingscafé, wo sie behauptete, am besten nachdenken zu können. Die Barista erkannte ihn; er hatte Lena hier unzählige Male getroffen. Aber sie schüttelte den Kopf, als er fragte. „Heute noch nicht gesehen, Mr. Voss.“ Er suchte die Parkbank, an der sie zeichnete, wenn sie gestresst war. Die Buchhandlung, in der sie stundenlang stöberte. Das Fitnessstudio, in dem sie ihre Frustrationen rausboxte. Alles leer. Um sieben Uhr abends kochte Alex vor Wut. Wie konnte sie einfach verschwinden? Er hatte weitere Nachrichten hinterlassen, jede zunehmend weniger gefasst. Die letzte war besonders erbärmlich: „Lena, was zur Hölle? Zehn Jahre und du kannst nicht mal zurückschreiben? Was habe ich so Schlimmes getan? Ruf mich an.“ Er landete im The Anchor, einer Bar unweit seines Penthouses. Edel genug, um die Studentenmenge fernzuhalten, lässig genug, dass er in seinen zerknitterten Arbeitskleidern nicht fehl am Platz wirkte. „Whiskey. Pur“, sagte er dem Barkeeper, einem Mann mittleren Alters mit grau meliertem Haar. Der Barkeeper schob das Glas herüber, und Alex kippte es in einem Zug hinunter, deutete auf ein weiteres. „Schwerer Tag?“ fragte der Barkeeper und schenkte den zweiten ein. „Kann man so sagen.“ Alex nahm diesmal einen kleineren Schluck. Nach drei Drinks löste sich sein Filter vollständig auf. „Wissen Sie, was Scheiße ist?“ Er war lauter als nötig, aber wen interessierte das? „Freundschaft. Absolute Scheiße.“ Der Barkeeper hob eine Augenbraue, wischte aber weiter Gläser. „Zehn Jahre. Zehn verdammte Jahre war ich für sie da. Und jetzt? Sie ghostet mich, weil ich ein bisschen hart geworden bin? Ist das ein Verbrechen?“ Sein Herz pochte, während er sich mit unsicheren Fingern durchs Haar fuhr. „Vielleicht sollten Sie langsamer machen–“ „Es ist nicht so, als hätte ich danach gehandelt! Ich bin gegangen! Ich habe das Richtige getan!“ Alex knallte das Glas auf den Tresen. „Es ist nicht meine Schuld, dass sie in diesen winzigen Shorts gut aussah. Es ist nicht meine Schuld, dass mein Körper reagiert hat. Ich bin ein Mann, verdammt noch mal!“ Einige Gäste in der Nähe schauten herüber. Der Barkeeper beugte sich vor und sprach leise. „Sir, ich muss Sie bitten, ruhiger zu sein.“ „Ruhiger? Klar. Das mache ich seit Jahren! Ich halte mich zurück. Halte es freundschaftlich. Und das ist, was ich dafür bekomme?“ „Letzte Warnung, bevor ich Sie abweise.“ Alex starrte ihn an, aber seine Wut ließ etwas nach. „Noch einen“, murmelte er und schob das Glas vor. „Ich glaube, Sie haben genug.“ Die Stimme war pure Seide und Sünde. Eine Frau glitt auf den Hocker neben ihn. Sie war atemberaubend, mit langem schwarzem Haar und glänzenden dunklen Augen, die jedes Detail zu katalogisieren schienen. Ihr Kleid schmiegte sich an Kurven, die die Aufmerksamkeit jedes Mannes fordern würden. „Ich habe noch nicht einmal angefangen“, antwortete Alex, obwohl seine Wut ein wenig nachließ. Sie lächelte und legte eine Hand auf seinen Unterarm. „Wer auch immer sie ist – sie ist diesen ganzen Ärger nicht wert.“ „Sie kennen sie nicht.“ „Nein, aber ich kenne diesen Blick.“ Ihre Finger zeichneten kleine Kreise auf seiner Haut. „Den ‚jemand-ist-unter-meine-Haut-gekommen‘-Blick.“ Alex hätte sie abschütteln, ihr sagen sollen, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Stattdessen drehte er sich zu ihr um. „Und was ist Ihre professionelle Empfehlung, Doktor…?“ „Nenn mich einfach deine gute Fee für die Nacht.“ Sie beugte sich näher, ihr Parfüm hüllte ihn ein. Es war etwas Exotisches und berauschendes. „Ich empfehle eine ordentliche Ablenkung.“ Der Barkeeper stellte einen weiteren Whiskey ab und warf ihm einen warnenden Blick zu. „Was für eine Ablenkung?“ fragte Alex und nahm einen Schluck. Sie stand auf und glättete ihr Kleid. „Etwas Interessanteres, als seinen Kummer in mittelmäßigem Whiskey zu ertränken.“ Ihre Hand streckte sich in einer Einladung aus. Alex zögerte nur kurz, bevor er sie ergriff. Vielleicht brauchte er das. Etwas, um Lena aus seinem System zu spülen. Sie verließen die Bar, aber statt zur Straße zu gehen, zog sie ihn in eine enge Gasse. „Wohin gehen wir?“ „Irgendwo Besonderes.“ Sie warf einen Blick zurück mit einem Lächeln, das sündige Freuden versprach. Der Alkohol trübte sein Urteilsvermögen gerade genug, dass er ohne Protest folgte. Sie navigierten durch die Gasse, dann eine Treppe hinunter, die er nie bemerkt hätte. „Warte.“ Alex zog zurück, als sie sich einer unscheinbaren Tür näherten. „Wenn du einen One-Night-Stand suchst–“ Sie lachte, der Klang musikalisch. „Oh, du törichter Mann.“ Ihr Ton ließ es wie eine Zärtlichkeit klingen. „Ich bringe dich nicht ins Bett. Ich bringe dich an einen viel interessanteren Ort.“ „Welchen?“ „Einen Ort für Menschen wie dich.“ Sie ließ einen Finger seine Brust hinabgleiten. „Menschen, die nach etwas Neuem suchen. Einer ordentlichen Ablenkung.“ Alex war angetrunken, wütend und folgte einer Fremden in möglicherweise gefährliches Terrain. Er dachte daran zu gehen, aber Neugier und das Bedürfnis, Lena nur für eine Nacht zu vergessen, überstimmten sein besseres Urteil. Sie erreichten eine massive Metalltür am Ende der Gasse, wo ein großer Mann in Schwarz stand, der Gesichtsausdruck hart und abweisend. Sie zeigte etwas, das wie eine schwarze Karte mit Goldrand aussah, und deutete dann auf Alex. Der Türsteher nickte und ließ sie passieren. Drinnen traf Alex die dramatische Verwandlung. Ein luxuriöser Korridor, getaucht in warmes bernsteinfarbenes Licht, die Luft schwach nach Jasmin und etwas Exotischerem duftend, wie seine gute Fee. Musik pulsierte voraus, tief und sinnlich, nicht der dumpfe Bass eines typischen Clubs, sondern etwas, das durch den Körper selbst zu vibrieren schien. „Was ist das für ein Ort?“ fragte er und nahm den plüschigen Teppich und die geschnitzten Holzpaneele in sich auf. Sie lächelte und deutete vorwärts. „Warum siehst du nicht selbst?“
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD