Kapitel 3

1539 Words
Sloane schlief nicht. Sie verbrachte die Nacht damit, am Rand des Ostflügels auf und ab zu gehen, wobei ihre Stiefel in einem hohlen Rhythmus auf dem Marmor klackerten, der den rasenden Schlag ihres Herzens zu verspotten schien. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie ihren Vater hinter der Glasscheibe der Intensivstation. Jedes Mal, wenn sie sie öffnete, sah sie die versteckten Kameras in den Leisten. Um 5:00 Uhr morgens klickte das schwere Schloss an ihrer Tür. Es war nicht Silas. Ein Team aus drei Frauen marschierte herein, sie trugen Kleidersäcke und Koffer, die eher wie chirurgische Instrumente als wie Make-up aussahen. Sie sprachen nicht. Sie bewegten sich mit einer erschreckenden, klinischen Effizienz und zogen Sloane ihren Overall aus, als wäre er ansteckend. „Fassen Sie den Schraubenschlüssel nicht an“, fauchte Sloane mit vor Schlafmangel heiserer Stimme, als eine der Stylistinnen auf den Nachttisch zuging. Die Frau hielt inne, ihr Blick huschte zum Schmuckkästchen und dann zurück zu Sloanes strengem Blick. Sie senkte den Kopf und ging stattdessen zum Kleiderschrank. Drei Stunden lang arbeiteten sie an ihr. Sie schrubbten das hartnäckige Öl unter ihren Fingernägeln weg, bis ihre Haut wund war. Sie bürsteten ihr Haar, bis ihre Kopfhaut brannte. Sie zwängten ihr ein Kleid aus tiefschwarzer Mitternachtsseide an – jene Art von Stoff, die sich wie eine zweite Haut anfühlte, kalt und unerbittlich. Als sie fertig waren, war die Frau im Spiegel eine Fremde. Sie war elegant. Sie war teuer. Sie sah genau so aus, wie Silas Thorne sie wollte: eine Trophäe, die nicht widerspricht. „Das Auto wartet“, erklang Jax’ Stimme durch die Tür. Sloane griff nach dem polierten Schraubenschlüssel und steckte ihn in die versteckte Tasche ihres Seidenkleides. Er lag wie ein scharfkantiges Gewicht an ihrem Oberschenkel, eine heimliche Erinnerung an die Welt, in der die Dinge noch einen Sinn ergaben. Die Fahrt zum Hauptquartier des Thorne-Imperiums war ein verschwommener Streifen aus Regen und getöntem Glas. Diesmal saß Jax auf dem Fahrersitz, aber der Vorhang war weg. Der Fond des Wagens war leer. „Wo ist er?“, fragte Sloane und krallte ihre Finger in den Seidenstoff ihres Rocks. „Er ist schon da“, antwortete Jax, während sein Blick im Rückspiegel den ihren traf. Er sah müde aus – müder als gestern. „Denk daran, Sloane. Du musst ihn nicht lieben. Du musst nur so tun, als könntest du ohne ihn nicht leben. Überlass ihm das Reden.“ „Schwer, mit einem Mann zu reden, der nicht da ist“, murmelte sie. Das Hauptquartier war ein Monolith aus Glas, der die grauen Wolken von Oakhaven zu durchbohren schien. Als das Auto vorfuhr, begannen die Blitzlichter zu leuchten. Eine Wand aus Paparazzi drängte gegen die Sicherheitsabsperrungen, ihre Rufe wurden durch die Isolierung des Autos gedämpft. „Sloane! Hier drüben!“ „Stimmt es, dass ihr euch heimlich getroffen habt?“ „Wie wird ein Mechaniker zur Königin?“ Jax öffnete die Tür, und der Lärm traf sie wie eine physische Welle. Er legte eine Hand auf ihren Rücken – eine beruhigende Präsenz – und führte sie durch das Chaos. Sie wurden in einen abgedunkelten Sitzungssaal geführt. Ganz hinten flackerte ein riesiger, raumhoher Bildschirm zum Leben. Darauf war eine Silhouette zu sehen – ein Mann, der in einem Stuhl mit hoher Rückenlehne saß, sein Gesicht durch bewusst fehlende Hintergrundbeleuchtung verdeckt. „Setz dich, Sloane“, dröhnte die Stimme. Es war dieselbe Stimme wie im Auto, doch hier, verstärkt durch die Akustik des Raumes, fühlte es sich an, als würde sie in ihrem Schädel vibrieren. Sloane setzte sich nicht. Sie ging direkt auf den Bildschirm zu und starrte in die digitale Leere, wo sein Gesicht sein sollte. „Machst du das so, Silas? Du versteckst dich hinter Pixeln und bezahlst Leute dafür, für dich zu lügen? Du bist kein Ghost. Du bist ein Feigling.“ Ein leises, trockenes Lachen hallte durch die Lautsprecher. „Ich bin ein Mann, der versteht, dass Geheimnis das einzige Gut ist, das die Öffentlichkeit nicht entwerten kann. Du siehst … angemessen aus. Das Kleid steht dir gut.“ „Das Kleid ist eine Lüge“, sagte sie mit rauer Stimme. „Ich rieche nach Parfüm und teurer Seife, aber ich spüre immer noch den Schmutz unter meiner Haut. Du hast mich nicht verändert. Du hast nur den Rost übermalt.“ „Dann werden wir sehen, wie gut die Farbe hält“, antwortete Silas. „Die Türen öffnen sich. Lächeln Sie, Mrs. Thorne. Denken Sie an das Herz Ihres Vaters und lächeln Sie.“ Die Flügeltüren im hinteren Teil des Raumes schwangen auf, und die Presse strömte herein. Der Raum verwandelte sich in einen Zirkus aus Licht und Lärm. Sloane wurde zu einem Podium geführt. Neben ihr zeigte ein kleinerer Bildschirm die Silhouette von Silas Thorne, die für die ganze Welt zu sehen war. „Meine Damen und Herren“, erklang die Stimme, und es wurde totenstill im Raum. „Ich habe mein Leben damit verbracht, das Erbe der Thornes zu bewahren. Heute teile ich den Grund für mein Schweigen mit. Das ist Sloane. Meine Frau. Mein Anker.“ Die Fragen prasselten wie ein Hagel von Steinen auf sie ein. Sloane spürte, wie Panik in ihr aufstieg, der Drang, davonzurennen, ihre Stiefel und ihre ölverschmierte Welt zu suchen. Sie blickte hinunter in die erste Reihe, und dort saß Miller – der Bankvertreter, der versucht hatte, ihr die Werkstatt wegzunehmen. Er lächelte. Ein grausames, wissendes Lächeln. „Mrs. Thorne!“, rief ein Reporter. „Wie fühlt es sich an, vom Motorenreparieren zum Leiten eines Imperiums zu wechseln?“ Sloane spürte den Stich an ihrem Bein. Sie griff in ihre Tasche, ihre Finger schlossen sich um das kalte Metall. Sein Gewicht gab ihr Halt. Sie blickte in die Kamera, ihre Augen hart und ungeschönt. „Es ist gar nicht so anders“, sagte Sloane, ihre Stimme schnitt durch den Lärm. „In der Werkstatt hat man es mit kaputten Motoren zu tun. In dieser Welt hat man es mit Menschen zu tun, die kaputt sind. Beides erfordert viel Aufräumarbeit.“ Der Saal hielt den Atem an. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die Silhouette auf dem Bildschirm erstarrte. „Mein Mann bleibt gerne im Dunkeln“, fuhr sie fort, den Blick auf die Linse gerichtet, und stellte sich vor, sie würde direkt in Silas’ verborgene Augen blicken. „Er glaubt, die Dunkelheit schütze ihn. Aber ich habe mein Leben lang im Dunkeln unter Autokarosserien gearbeitet, und ich kann dir eines sagen – irgendwann findet man immer das Leck. Und wenn man es findet, bricht alles zusammen.“ Die Pressekonferenz wurde vom Sicherheitsdienst abgebrochen. Sloane wurde von Jax praktisch aus dem Raum gezerrt. „Was hast du da gemacht?“, zischte Jax, als sie den privaten Aufzug erreichten. „Du hättest dich an das Skript halten sollen!“ „Ich halte mich nicht an Skripte“, schnauzte Sloane, während sie nach Luft rang. „Ich bin kein Teil, den du einfach austauschen kannst, Jax.“ Die Aufzugstüren öffneten sich zum Penthouse. Die Luft war eiskalt. „Lasst uns allein“, dröhnte es aus den Lautsprechern. Jax zögerte und sah Sloane mit einem Blick an, der fast wie Mitleid wirkte, bevor er zurück in den Aufzug trat. Sloane stand im Foyer, ihr Herz hämmerte. Die Lichter im Penthouse wurden gedimmt, bis auf einen einzigen Scheinwerfer, der auf die Tür zum Westflügel gerichtet war. „Du hältst dich für schlau“, Silas’ Stimme war nicht mehr verstärkt; sie kam direkt hinter der Tür her. „Du glaubst, du kannst mich ins Licht locken.“ „Ich will dich nicht im Licht haben“, sagte Sloane und ging auf die Tür zu. Sie zog den Schraubenschlüssel aus ihrer Tasche und hielt ihn wie eine Waffe. „Ich will, dass du weißt, dass du keine Puppe gekauft hast. Du hast eine Mechanikerin gekauft. Und ich werde jeden Tag dieses Jahres damit verbringen, nach dem Fehler in deiner Maske zu suchen.“ „Du willst einen Fehler, Sloane?“ Das Geräusch eines schweren Riegels, der zurückglitt, hallte im Raum wider. Die Tür sperrte sich nur einen Zentimeter weit. Von der anderen Seite drang kein Licht – nur eine eisige, absolute Schwärze. „Komm her“, flüsterte er. „Wenn du so mutig bist, greif durch die Dunkelheit. Berühre den Mann, den du geheiratet hast.“ Sloanes Hand zitterte, als sie nach dem schmalen Streifen Dunkelheit griff. Ihre Finger überquerten die Schwelle und tauchten in die Luft ein, die nach Zedernholz und etwas Scharfem roch, wie Ozon. Sie erwartete, kalte Haut oder ein vernarbtes Gesicht zu spüren. Stattdessen ergriff eine Hand die ihre. Sie war warm – beunruhigend warm – und schwielig. Seine Finger fühlten sich nicht wie die eines Milliardärs an; sie fühlten sich wie die eines Mannes an. Er zog ihre Hand tiefer in die Dunkelheit und drückte ihre Handfläche gegen seine Brust. Sie konnte sein Herz spüren. Es schlug schnell. Genauso schnell wie ihres. „Spürst du es, Sloane?“, flüsterte er, sein Atem streifte sanft über ihre Fingerknöchel. „Das Leck, nach dem du suchst? Es ist genau hier. Und wenn du weitergräbst, werden wir beide bluten.“
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