Die Aufzugstüren glitten zischend auf und gaben den Blick auf Jax frei, der neben der mit laufendem Motor wartenden schwarzen Limousine stand. Er sah nicht mehr wie ein Chauffeur aus; er sah aus wie ein Soldat in einem verlorenen Krieg. Er sah den Ausdruck auf Sloanes Gesicht – die unverhüllte, ungeschönte Angst, die selbst die edelste Thorne-Seide nicht verbergen konnte – und da wusste er Bescheid.
„Der Punkt“, keuchte Sloane, ihre Stimme brach, als sie sich auf den Beifahrersitz quetschte. „Jax, jemand hat einen Scharfschützen auf ihn angesetzt. Der Vorstand schickt nicht nur Anwälte – sie schicken Killer.“
Jax presste die Kiefer aufeinander, seine Knöchel wurden am Lenkrad weiß, als er das Gaspedal durchtrat. Das Auto raste aus dem Thorne-Tower, die Reifen quietschten auf dem Asphalt. „Der Vorstand will nicht nur das Patent, Sloane. Sie wollen Schweigen. Wenn Silas stirbt, wird der Nachlass rechtlich eingefroren. Sie können die Brennstoffzelle und den Giftstoffskandal für weitere fünfzig Jahre begraben.“
„Nicht heute“, zischte Sloane und krallte ihre Finger in die Skizze aus ihrer Kindheit in ihrer Tasche. „Er gibt mir dreißig Minuten. Wir fahren zum Oakhaven Press Center. Ich werde nicht nur eine Fusion ankündigen – ich werde eine feindliche Übernahme ankündigen.“
Die Fahrt war ein Wirrwarr aus grauen Gebäuden und blinkenden Sirenen. Sloane schaute nicht auf das luxuriöse Leder um sie herum; sie schaute auf den USB-Stick, den Jax ihr gegeben hatte – den, der den Beweis enthielt, dass ihr Vater der wahre Architekt des Thorne-Vermögens war. Die emotionale Last des Verrats war ein physischer Druck in ihrer Brust, aber sie kanalisierte ihn in die kalte, instinktive Konzentration eines Mechanikers, der vor einem zerstörten Motor steht.
Sie kamen fünf Minuten vor der geplanten Zeit im Pressezentrum an. Die Lobby war ein Meer aus Reportern, deren Kameras wie Waffen auf das Podium gerichtet waren. Sloane stieg aus dem Auto, der mitternachtsschwarze Seidenstoff ihres Kleides wehte im Wind. Sie sah in jeder Hinsicht wie die „Paper Queen“ aus, doch ihre Augen waren die Augen eines Mädchens aus „The Pit“, das endlich die undichte Stelle gefunden hatte.
„Sloane!“, rief ein Reporter. „Wo ist Silas? Stimmt es, dass der Vorstand seinen Rücktritt gefordert hat?“
Sloane ignorierte sie und schritt auf die Bühne zu. Hinter ihr telefonierte Jax, seine Stimme ein leises, verzweifeltes Murmeln. „Schick das Sicherheitsteam zum Westflügel. Sofort! Das Norddach ist kompromittiert!“
Sie erreichte das Podium. Die Scheinwerfer blendeten, genau wie bei der Gala, doch diesmal fühlte sie sich nicht wie eine Betrügerin. Sie griff in ihr Kleid und holte den alten, polierten Schraubenschlüssel hervor, den Silas ihr gegeben hatte – die Trophäe, die sie daran erinnern sollte, wer sie einmal gewesen war.
Sie schlug den Schraubenschlüssel mit einem Knall auf das Marmorpodium, der wie ein Schuss durch den Raum hallte.
„Mein Name ist Sloane Cross-Thorne“, begann sie, ihre Stimme wurde verstärkt und schnitt mit einer rauen, ungeschliffenen Schärfe durch das Geschwätz. „Und ich bin nicht hier, um über eine Fusion zu sprechen. Ich bin hier, um über einen Diebstahl zu sprechen.“
Im Raum wurde es still. Sie gab der Technikkabine ein Zeichen, und der riesige Bildschirm hinter ihr flackerte auf. Anstelle des Thorne-Firmenlogos zeigte er die handgezeichneten Entwürfe ihres Vaters – die Skizzen der Brennstoffzelle, die seine Lungen vergiftet und Silas’ Türme erbaut hatte.
„Vor zwanzig Jahren hat die Thorne Group diese Technologie einem Mechaniker in ‚The Pit‘ gestohlen“, sagte sie und richtete ihren Blick auf die Kameralinse. „Sie haben ihm nicht nur seine Ideen genommen, sondern auch seine Gesundheit. Und heute versuchen sie, dem einzigen Mann in diesem Gebäude das Leben zu nehmen, der mutig genug war, mir die Wahrheit zu sagen.“
Im Raum brach Tumult aus, begleitet von einem Gewitter aus Kamerablitzen und lauten Rufen. Sloane warf einen Blick auf ihre Uhr. Fünfundzwanzig Minuten.
„Ich habe das Heilmittel“, rief sie über den Lärm hinweg und hielt eine kleine Phiole hoch, die die stabilisierte Brennstoffzellenflüssigkeit enthielt, die sie und Silas im Geheimen perfektioniert hatten. „Das Gift ist verschwunden. Das Vermächtnis der Thornes ruht nicht länger auf Gräbern. Und als Mehrheitsaktionärin des Cross-Thorne-Nachlasses entziehe ich dem Vorstand mit sofortiger Wirkung seine Befugnisse.“
Plötzlich änderte sich die Übertragung auf dem Bildschirm hinter ihr. Es waren nicht mehr ihre Dateien. Es war eine verpixelte Live-Übertragung von den Überwachungskameras im Thorne-Penthouse.
Der Saal hielt den Atem an. Silas war auf dem Bildschirm zu sehen, wie er in der Mitte des Westflügels stand. Die Türen waren aufgebrochen worden. Männer in taktischer Ausrüstung strömten herein, die Waffen erhoben. Silas stand völlig regungslos da, sein hübsches Gesicht vom bernsteinfarbenen Schein der Werkstattlampe beleuchtet.
Er blickte direkt in die Kamera – direkt zu ihr.
„Sloane“, erklang Silas’ Stimme aus den Lautsprechern des Auditoriums, ruhig und müde. „Das Licht ist an. Schau nicht weg.“
Ein Schuss hallte über den Bildschirm.
Der Bildschirm zeigte nichts als Bildrauschen. Sloane stieß einen Schrei aus, der vom Geschrei der Menge übertönt wurde. Sie wandte sich an Jax, der mit aschfahlem Gesicht auf sein Handy starrte.
„Jax! Haben sie ihn getroffen? Sag mir, dass sie ihn nicht getroffen haben!“
Jax antwortete nicht. Er zeigte nur auf den hinteren Teil des Auditoriums. Die schweren Türen schwangen auf, und ein Mann trat durch den Rauch – kein taktischer Offizier, sondern ein Mann in einer dunklen, ölverschmierten Jacke, der sich an die Schulter klammerte, die blutüberströmt war.
Es war der „Ghost“, aber die Maske war weg. Silas stand im Licht, doch als er sich ihnen näherte, sah Sloane den zweiten roten Punkt – er bewegte sich über ihre eigene Stirn.